Gipfel der kleinen Schritte

Im Fall Syrien ist beim G-8-Gipfel in Nordirland doch noch Hoffnung aufgekeimt. Ein Bruch mit Russlands Präsident Wladimir Putin ist ausgeblieben. Kaum Fortschritte gibt es im Kampf gegen Hunger.

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Demonstrieren gute Laune: Kanzlerin Angela Merkel, Russlands Präsident Wladimir Putin, der britische Premier David Cameron, US- Präsident Barack Obama und der französische Staatspräsident François Hollande (von links nach rechts). Foto: afp

Was haben ein Basketballer und ein Judo-Kämpfer gemeinsam? Sie wollen ihren Gegner bezwingen. Und was eint den amerikanischen und den russischen Präsidenten? Nichts. Bis auf den Sport: Barack Obama ist leidenschaftlicher Basketballspieler und Wladimir Putin Schwarzgurt-Judoka.

Als harte Gegner präsentieren Obama und Putin sich zunächst beim G8-Gipfel in Nordirland. Am sonnigen Lough Erne, einer malerischen Seenlandschaft, verströmen die beiden mächtigsten Männer der Welt Eiseskälte. Nach einem Vier-Augen-Gespräch über den Syrien-Konflikt verziehen sie keine Miene, sie lächeln nicht und vermeiden jeden Blickkontakt. Keiner will sich zuerst bewegen.

Beide beteuern ein gemeinsames Interesse, weiteres Blutvergießen in dem seit 2011 andauernden Bürgerkrieg in Syrien mit rund 93 000 Toten zu verhindern. Doch ihre Körpersprache sagt mehr als die gemeinsame Absichtserklärung: Putin liegt mehr in seinem Stuhl als dass er sitzt. Auch Obama glänzt nicht mit Haltung. Beide fixieren den Dolmetscher, als wäre von ihm nun ein Wunder zu erwarten. Sie vermitteln den Eindruck, dass sie sich exakt dort befinden, wo sie West und Ost nicht mehr sehen: im Kalten Krieg.

Einzige Erwärmung war Obamas Witzelei: "Und schließlich haben wir uns über die Expertise von Präsident Putin im Judo und meine nachlassenden Fähigkeiten im Basketball ausgetauscht." Da entweicht Putin sogar spontan ein Lächeln, um gleich zu kontern: "Der Präsident möchte mich mit seinen Worten entspannen." Das bringt dann Obama zum Lachen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mit Sport bekanntlich nicht viel am Hut. Die Physikerin baut lieber Brücken. Zum Beispiel zwischen Washington und Moskau. So hat sie Verständnis für Putins Sorge vor einer politisch instabilen Ära nach Syriens Machthaber Baschar al-Assad. Dabei ist Angela Merkel wahrlich keine Putin-Freundin und Assad hat ihrer Ansicht nach schon lange jegliche Legitimation verloren. Andererseits ist zu hören, die Bundeskanzlerin wehre sich dagegen, wenn Berichte der USA über einen Giftgaseinsatz in Syrien mit den einstigen Falschangaben der Regierung von Obamas Vorgänger George W. Bush vor dem Irak-Krieg verglichen werden.

Vom Krieg zum Frieden ist es ein langer Weg und eines von Merkels Markenzeichen ist Politik in kleinen Schritten. Auf dem Gipfel gelingt dann immerhin doch ein Schritt. Alle Staats- und Regierungschefs sind sich einig, dass es eine zweite Syrien-Friedenskonferenz in Genf geben soll, die über eine Übergangsregierung in Damaskus mit exekutiven Vollmachten berät. Putin hat mitgemacht. Für einen Moment haben alle gewonnen - und Assad hat nun vielleicht verloren. Vielleicht. Denn die politische Zukunft von Assad spart die Gipfelerklärung aus.

Im Kampf gegen Hunger, Armut und Korruption sind die acht mächtigsten Politiker der Welt dagegen nicht groß weitergekommen. 1,8 Milliarden Menschen leiden unter Hunger oder Mangelernährung, jedes Jahr sterben drei Millionen Kinder an Unterernährung. Von dem Gipfel war ein wichtiges Signal erwartet worden. Gastgeber David Cameron hatte zuvor den großen Bogen geschlagen. Steuervermeidung, Korruption, illegaler Landkauf - all das zieht den Armen das Geld aus der Tasche, all das manifestiert die Position vor allem afrikanischer Länder am Tabellenende der weltweiten Wohlstands-Liga.

Doch Anspruch und Wirklichkeit klaffen mal wieder deutlich auseinander. Ausgerechnet beim Mittagessen sprachen Obama, Putin und ihre Kollegen über Möglichkeiten, wie afrikanische Länder die Ernährung ihrer Bevölkerung sicherstellen sollen. Ins Kommuniqué schrieben sie viele Willensbekundungen, aber wenig Konkretes. "Wir sind enttäuscht", hieß es von Hilfs- und Entwicklungsorganisationen - nun bei noch einem weiteren Gipfel. Die Kritiker scheinen ein wenig zu resignieren. Seit Jahren wurde bei einem internationalen Gipfel nicht mehr so wenig demonstriert wie im nordirischen Enniskillen.

Dabei sah es unter britischer Präsidentschaft gar nicht so schlecht aus. Cameron hatte unter dem innenpolitischen Druck knapper Kassen schon zum großen Wurf in Sachen Steuerflucht ausgeholt - dann wurde ihm der Arm aber doch irgendwie lahm. Der Gipfel brachte nicht den Durchbruch im Kampf gegen Steueroasen in der Karibik oder vor Großbritannien.

Cameron ist nach Meinung von Experten mit seinem Vorstoß gegen internationale Steuerflucht aber auch keineswegs gescheitert. Erstmals steht in einem Gipfel-Kommuniqué, dass international tätige Unternehmen ihre Gewinne länderbezogen ausweisen sollen. "Vor zehn Jahren habe ich das als einer der ersten gefordert, jetzt machen es sich die G 8 zu eigen. Das ist schon so eine Art Erfolg", sagt etwa Richard Murphy, einer der profiliertesten Kritiker von Steueroasen in Großbritannien und Mitbegründer des internationalen Experten-Netzwerks Steuergerechtigkeit.

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