Geschützte Arten und Umwelt-Aktivisten bremsen Windkraft-Ausbau

Naturschutz-Initiativen und der streng geschützte Rotmilan erweisen sich als größte Hindernisse für den Windkraft-Ausbau im Land. Die ehrgeizigen Ziele der grün-roten Landesregierung geraten in Gefahr.

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  • Windpark bei Böhmenkirch auf der Ostalb. Es gebe im Land ausreichend Vorrangflächen für Windräder ohne Beschränkung für den Artenschutz, betonen Naturschützer. 1/2
    Windpark bei Böhmenkirch auf der Ostalb. Es gebe im Land ausreichend Vorrangflächen für Windräder ohne Beschränkung für den Artenschutz, betonen Naturschützer. Foto: 
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Als Eckhard Göttler zum Windpark-Gegner wurde, dachte er nicht an das Landschaftsbild oder daran, dass ihm der Ausblick vor dem Fenster verspargelt werden könnte. Er dachte an den Wald. Etwa fünf Hektar sollten abgeholzt werden, um mitten im "Großen Hau" bei Horb Rotoren aufzustellen. "An diesem Wald haben Generationen gearbeitet", sagt Göttler. Einst seien Familien aus dem Teilort Rexingen zur Aufforstung verpflichtet worden, heute sei er beliebtes Naherholungsgebiet. Seit Jahrzehnten werde der Wald zum naturnahen Plenterwald umgestaltet, er sei deshalb besonders artenreich. Und jetzt sollten mitten hinein riesige Windkraft-Türme gepflanzt werden?

Es dauerte nicht lange, bis sich eine Bürgerinitiative gegen die Pläne der Stadt Horb bildete. Es gab Info-Abende, Unterschriftenlisten und ein Waldfest, zu dem hunderte Bürger kamen. Auch der Naturschutzbund Nabu lehnte den Standort ab. Doch die Stadt war wild entschlossen. "Wir wussten, das uns nur noch der Rotmilan helfen kann", sagt Göttler. Tatsächlich war auf den streng geschützten Beutegreifer Verlass. Heute ist das Windpark-Projekt gestoppt: Das Regierungspräsidium Karlsruhe gab dem Artenschutz den Vorrang.

Der Fall Horb verdeutlicht die Klemme, in der die grün-rote Landesregierung steckt. Auch im zweiten Jahr nach dem Regierungswechsel ist von einem Windkraft-Boom nichts zu sehen. Gerade einmal neun Anlagen wurden im Südwesten 2012 gebaut. Vom Ziel, bis 2020 den Windstrom-Anteil im Land von einem auf zehn Prozent zu steigern, ist Grün-Rot meilenweit entfernt. Und ausgerechnet Nabu-Aktivisten und geschützte Arten wie Fledermäuse und Rotmilan machen Grün-Rot am meisten Sorgen.

Der Gegenwind: "Wir sind keine Windkraft-Gegner", sagt Eckhard Göttler von der Horber BI. Gegen einen Windpark auf freiem Feld habe man nichts. "Wir verstehen uns als Naturschützer." Vielerorts im Land haben sich ähnliche Initiativen gebildet. Bei weitem nicht alle sind von Graswurzel-Ökologen bevölkert - doch den Artenschutz als Hebel zur Verhinderung haben viele entdeckt. Bei Gammertingen (Kreis Sigmaringen) haben Windkraft-Gegner sogar extra Nistkästen im Wald aufgehängt, in denen sich tunlichst geschützte Fledermäuse ansiedeln sollen. Gerade bei den Grünen sorgt das für völlig neue Debatten. Ging es bisher vor allem darum, die von der CDU hinterlassene Anti-"Verspargelungs"-Mentalität sowie gesetzliche Hürden wie das Landesplanungsgesetz aus dem Weg zu räumen, tauchen nun neue Konfliktlinien auf. So wetterte der Tübinger OB Boris Palmer gegen ein "faktisches Windkraftverbot im Land", das mit dem Artenschutz begründet werde. Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann appellierte an die Behörden "Spielräume" zu Gunsten der Windkraft auszunutzen. Vogelschützer vor Ort sind alarmiert. "Jetzt wird sich zeigen, wie grün die wirklich sind", sagt ein altgedienter Ornithologe.

Der Rotmilan. Er ist ein echtes K.O.-Kriterium: "Wenn an einem Standort Rotmilane nachgewiesen werden, ist klar, dass der Windkraft-Betreiber von der Planung ablässt", sagt die Biologin und anerkannte Milan-Expertin Marion Gschweng. Sie hat selbst schon viele Gutachten über den Greifvogel geschrieben, der den Plänen der Landesregierung einen dicken Strich durch die Rechnung machen könnte. Der Rotmilan ist zwar streng geschützt, ausgerechnet in Baden-Württemberg aber recht weit verbreitet. Und er fällt besonders häufig Windrädern zum Opfer. "Er jagt auf offenen Flächen, und das genau in den Höhen, in denen sich die Rotoren bewegen", sagt Marion Gschweng. Immer wieder werden Milane als "Schlagopfer" gefunden. Im Umkreis von mindestens einem Kilometer zu Milan-Horsten gelten Windräder deshalb als tabu.

Doch keiner weiß, wo im Land der Milan nistet. "Die Vorgängerregierung hat in Sachen Artenschutz kaum Daten hinterlassen", heißt es im Umweltministerium. Nun sei "Grundlagenarbeit" nötig. Seit Mai dieses Jahres existiert wenigstens eine lückenhafte Kartierung der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz. Sie soll bis zum Jahresende durch zusätzliche Untersuchungen ergänzt werden. Doch selbst dann dürften die Betreiber vor Überraschungen nicht gefeit sein. Die Horste zu finden, ist kein leichter Job. Auch in Horb hatte ein Umweltbüro nach Milanen gesucht - und bereits grünes Licht für den Windpark gegeben. Doch der örtliche Nabu traute der Studie nicht, gab ein eigenes Expertengutachten in Auftrag. Plötzlich tauchten Milane in Hülle und Fülle auf, das Projekt wurde gestoppt. "Es hängt alles von der Qualität der Gutachten ab", sagt Marion Gschweng.

Die Standorte. Eine offene Frage ist, ob es gelingt, durch Verschiebungen von Standorten die Konflikte zu entschärfen, wie es etwa Nabu-Landeschef Andre Baumann als Lösung vorschlägt. In Horb etwa weht laut Stadtverwaltung sonst nirgends genug Wind. Auch im Umweltministerium sieht man die Problematik: In Baden-Württemberg sei im Gegensatz zu anderen Ländern "die Windhöffigkeit nicht gleichmäßig über das Land verteilt", sagt ein Ministeriums-Sprecher. Vielerorts könne man deshalb nicht einfach ausweichen. Zudem haben sich an topographisch geeigneten Flecken im Land oft schon andere breitgemacht: "Gerade in windhöffigen Höhenlagen gibt es häufige Konflikte mit Funkanlagen wie zum Beispiel dem Wetterradar des Deutschen Wetterdienstes, Richtfunksendern der Bundesnetzagentur oder dem Hörfunk", sagt der Sprecher. Auch deshalb hatte Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) große Hoffnungen auf Windkraft im Wald gesetzt - riesige Flächen im Land sind Staatsforst. An elf Standorten habe die Forstverwaltung bereits Planungen für mehr als 70 Windräder in Gang gesetzt, heißt es im Ministerium, an weiteren zwölf Standorten würden Angebote eingeholt. Jetzt muss nur noch der Rotmilan mitspielen.

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