Geplatzte Träume

Moskau, die größte Stadt Europas wächst und wächst. Aber gleichzeitig frisst der Moloch seine Menschen und ihre Träume. Reich werden nur die Privilegierten. Viele Zuwanderer packen wieder ihre Koffer.

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Regenbogen über Moskau. Der teuerste Wohnraum Europas ist einer der Gründe, weshalb viele Zuwanderer der Stadt bald wieder den Rücken kehren. Foto: dpa

Auch Schlafstädte bieten Perspektiven. Aus Olgas Balkonfenster, in der 9. von insgesamt 24 Etagen, sieht man halb Moskau. Wie weißgraubraune Bausteine leuchten Wolkenkratzer, Kraftwerksschlote und Stalinsche Zuckerbäckertürme in der Vormittagssonne, die der Smog rosa gefärbt hat. Senkt man aber den Blick, dann sieht man vor allem Autos. Autos, die sich durch die schmalen, zugeparkten Straßen zwischen den Plattenbautürmen quälen, noch mehr Autos, die als blecherner Wurm auf der Moschaisker Chaussee ostwärts kriechen, in die Hauptstadt.

Wir sind in Trjochgorka, einer Neubausiedlung bei Moskau. Südwestlich des heutigen Moskau soll ein neues Zentrum mit Parlaments- und Regierungsviertel entstehen. Aber auch so wuchern schon in allen Himmelsrichtungen Trabantenstädte. In Moskau leben offiziell 12 Millionen Menschen, im Ballungsraum mehr als 15 Millionen. Zugezogene Provinzrussen und Zentralasiaten, Betriebsmanager und Bauarbeiter träumen hier den großen postsowjetischen Traum: Moskauer werden, reich und glücklich.

"Moskau hat uns euphorisiert", sagt Olga. "Die Parks sind voller Blumenbeete, sogar der Asphalt wird hier gewaschen." Olga Krylatowa, 27, stammt wie ihr Mann Andrej aus einer Kosakensiedlung am Don, 2007 wagten sie den Sprung aus der Gebietshauptstadt Rostow nach Moskau. Als Krankenschwester in Rostow verdiente sie umgerechnet gut 70 Euro, als Kioskverkäuferin in Moskau dreimal mehr. Auch Andrejs Einkommen vervielfachte sich, als Vertriebsmanager bringt er es jetzt auf mehr als 1700 Euro im Monat. "So viel Geld", Olga lächelt schüchtern, "wir konnten uns sogar Restaurants erlauben". Gehaltsunterschiede von oftmals 500 Prozent locken das junge, mobile Russland in die Hauptstadt. In der Hoffnung, sich ein Westauto wie aus der Fernsehwerbung leisten zu können, einen Pauschalurlaub an der Algarve und vielleicht sogar einen Hypothekenkredit. Denn Wohneigentum ist der große Unterschied zwischen "echten" Moskauern und den "Zugezogenen". Etwa neun Millionen Einwohner besitzen Eigentum am teuersten Wohnraum Europas, die übrigen zahlen Wuchermieten.

Die 40 Betontürme von Trjochgorka verbreiten optisch Tristesse. Plattenbau, die bonbonfarbenen Fassaden bröckeln, kaum, dass sie gestrichen sind. Vergangenen Sommer gab es im ganzen Viertel monatelang kein warmes Wasser. Aber unten parken BMW, Toyota, auch Porsche, Citroen - die jüngsten Modelle, vor allem Parkett-Jeeps.

Hier regiert der Kompromiss, ballen sich teure Kredite, mündliche Mietvereinbarungen und Karriereträume. Hier leben Yuppie-Paare, die einen japanischen Vierradantrieb einem prestigeträchtigeren "Townhouse" in einer der benachbarten Reihenhaussiedlungen vorziehen. Oder junge Familien, die sich in Moskau kein Kinderzimmer hätten leisten können. Und ältere Moskauer, die eine Wohnung im Zentrum verkauft haben, um für sich und ihre Kindern mehrere Wohnungen außerhalb erstehen zu können.

Als Olga 2009 schwanger wurde, beschlossen sie und Andrej, aus dem Zimmer, das sie im Moskauer Südosten mieteten, nach Trjochgorka zu ziehen, in eine Ein-Zimmer-Wohnung. Olga ist eine geborene Mutter, verliebt in ihr Töchterchen. "Wir möchten noch ein Kind." Aber selbst wenn Olga wollte, sie kann nicht mehr arbeiten, die Warteschlangen in den beiden kommunalen Kindergärten sind endlos lang, die Kinderfrauen hier aber kosten mehr, als Olga im Krankenhaus verdiente. Geld ist wieder knapper geworden bei Olga und Andrej, allein die Miete kostet über 600 Euro. Olga schiebt als Krankenschwester in Moskau Wochenenddienste, dann hütet Andrej das Kind. Sie sehen sich selten.

Der Moloch Moskau frisst seine Menschen. Andrej geht morgens um halb sieben aus dem Haus, kommt gegen Viertel nach acht am Abend zurück. Sicher, auch er besitzt eine Mazda-Limousine, aber er gehört zu den Realisten, die auf den Moskauer Dauerstau verzichten. Andrej fährt S-Bahn, U-Bahn, dann Bus, täglich fünf Stunden zur Arbeit und zurück. Auch er merkt, dass mit dem Alltag hier etwas nicht stimmt. "Hier fehlt der Himmel, hier fehlt die Erde."

Olga glaubt nicht mehr an den Traum, in Moskau durch Fleiß und Leistung glücklich zu werden. "Das sehe ich im Krankenhaus. Je mehr du arbeitest, umso mehr Patienten geben sie dir. Warum sollen sie dich befördern? Dann müssen sie ja einen neuen Dummen finden, der die Knochenarbeit macht."

Stress, Smog, Zeitmangel, fast alle Neu-Moskauer, zumindest die, die älter als 30 sind, klagen darüber. Aber vor allem die Jungen träumen sehr amerikanisch davon, durch eine geniale Geschäftsidee oder bloße Arbeitswut reich zu werden. Tatsächlich wird hier kein Tellerwäscher Millionär. Hier herrscht Feudalkapitalismus, die großen Karrieren machen Söhne und Töchter, Nichten und Neffen der Top-Beamten und Baulöwen, die den Schmiergeldmarkt längst unter sich aufgeteilt haben.

Immer häufiger haben Olga und Andrej sich an ihre Kosakensiedlung erinnert, an den stillen Don, an ihre leerstehende Zwei-Zimmerwohnung dort. Und an den kleinen Kindergarten in dem Fichtenwäldchen, in den Olga selbst gegangen ist. Vergangene Woche haben sie beschlossen, einen Möbelwagen zu bestellen. Die Familie will heim.

Es gibt keine Statistik, wie viel Zugereiste jährlich ihren Moskauer Traum begraben. Aber Olga und Andrej sind keine Ausnahme. Nach offiziellen Angaben hat das ärmere, aber stillere St. Petersburg im Jahr 2011 mit 117 000 Zugezogenen Moskau (107 000) zum ersten Mal überflügelt. Moskau, die Stadt mit der schlechtesten Luft, den höchsten Mieten und den längsten Staus in Europa, verliert an Mythos.

"Natürlich werden wir weniger Geld haben", sagt Olga. Aber zu Hause gibt es ein Sanatorium, in dem sie Arbeit finden kann. Andrej überlegt, sich dort selbstständig zu machen, vielleicht auch Beamter zu werden.

Im Flur stapeln sich Umzugskisten, Olga und Andrej stehen am Fenster, schauen hinaus. Unten spielt sich moskowitisches Alltagsdrama ab: Zwei Kraftwagen stehen sich in einer der engen Parkgassen gegenüber, keiner will zurück, hinter ihnen aber kommen von beiden Seiten immer mehr Autos dazu. Stau spontan, kein Vor, kein Zurück. Irgendwann steigen die ersten Fahrer aus, gestikulieren, schließlich einigt man sich, jemand versucht zurückzusetzen, auch der erste seiner Hinterleute weicht. Würde man die Szene filmen und sie im Schnelllauf abspielen, sie wäre witzig. Aber dort unten passiert alles quälend langsam, dehnen sich Sekunden und Nerven. "Hier hast du zu wenig Zeit, um frei zu sein", sagt Andrei. "Zuhause nehme ich die Angel und bin in zehn Minuten am Don." Der Traum vom einfachen Leben ist auch in Russland angekommen.

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