Gemeinsam für Beschneidung

Die Debatte über das Beschneidungsverbot eint Juden und Muslime in Deutschland. Gestern demonstrierten sie in Berlin und bekamen Unterstützung von Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse.

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Kenan Kollat, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde spricht mit Kippa bei der Demonstration in Berlin. Foto: dpa

Eine symbolträchtige Geste fand gestern kurz vor der Kundgebung statt: Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Kenan Kollat, fragte den orthodoxen Rabbiner Yitshak Ehrenberg auf dem Bebelplatz in Berlin-Mitte, ob er eine Kippa für ihn habe. Ehrenberg hob kurzerhand seinen Hut, nahm die eigene Kippa vom Kopf und reichte sie Kollat. Die Gemeinsamkeit im Kampf gegen das Beschneidungsverbot stand im Vordergrund bei der Kundgebung für Religionsfreiheit auf dem historischen Platz, der im Mai 1933 Hauptschauplatz der Bücherverbrennung war.

Rund 500 Vertreter aller Glaubensrichtungen waren dem Aufruf des Jüdischen Forums gefolgt. "Wir machen weiter", rief Ehrenberg ihnen zu, um gleich darauf zu betonen: "Wir sind verzweifelt. Dürfen die Mohel weiter beschneiden?" Seit das Kölner Landgericht die Beschneidung eines Jungen als rechtswidrige Körperverletzung gewertet hat, herrscht Verunsicherung. Nach massiven Protesten an dem Urteil hatte die Bundesregierung beschlossen, demnächst ein Gesetz zur Beschneidung vorzulegen. Für die Übergangszeit hatte Berlins Justizsenator Heilmann (CDU) mit der Generalstaatsanwaltschaft Berlin eine Regelung vorgeschlagen, nach der Beschneidung straffrei bleibt, allerdings nur wenn sie von Ärzten vorgenommen wird und die Eltern den religiösen Hintergrund der Beschneidung schriftlich darlegen.

"Ich bin sicher, dass die Absicht gut war", sagte Ehrenberg dazu, "aber das Resultat ist unglücklich." Beide Einschränkungen stoßen auf starke Kritik - bei Juden wie bei Moslems. "Wir sagen ja zur Beschneidung, ja zur Hygiene" sagte Kollat und fügte verärgert hinzu: "Als sei diese bisher nicht professionell gemacht worden." Die Glaubensvertreter beider Religionen wollen, dass eine gesetzliche Regelung geschaffen wird. Die betroffenen Religionen sollten dabei einbezogen werden. "Ihre Einwilligung muss geholt werden", forderte Kollat. Eine Regelung, die von den jüdischen und islamischen Religionsvertretern abgelehnt werde, nütze nichts.

Kollat sicherte der jüdischen Gemeinde nach einem antisemitischen Übergriff auf einen Rabbiner und seine Tochter in Berlin Solidarität zu. "Sie können sicher sein, sie haben die volle Unterstützung der türkischen Gemeinde." Wenn es solche "Idioten" in der türkischen Gemeinde gebe, würden diese "entsprechende Hinweise" bekommen.

Auch der Vizepräsident des Bundestags, Wolfgang Thierse (SPD), äußerte sich bei der Kundgebung: "Es hat mich sehr irritiert, dass die religiöse Zugehörigkeit von den Eltern nachgewiesen werden muss." Er betonte, dass "religiöse und geistige Dimensionen" dazugehören, wenn es darum geht, das Kindeswohl zu bestimmen. Außerdem stellte er die rhetorische Frage: "Soll der Staat definieren, was zum Kern einer Religionsgemeinschaft gehört?" Aufgrund seiner Biographie sei er dagegen "geradezu allergisch".

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Kommentare

11.09.2012 09:41 Uhr

Professionelle Körperverletzung?

"Als sei diese bisher nicht professionell gemacht worden."
Diese Aussage von Kenan Kollat ist in mehrerer Hinsicht kritikwürdig, nicht nur weil sie pauschalierend ist.

Zum einen hat der Arzt beim Kölner Urteil die Beschneidung durchaus professionell durchgeführt. Das ist also beim Kölner Urteil gar nicht das Thema. Es ging beim Kölner Urteil um eine nicht unbeträchtliche "professionelle" Körperverletzung ohne medizinische Indikation.

Zum zweiten, selbst wenn man dem Kölner Urteil nicht folgt, dürfte im Laufe der Debatte doch nun zwischenzeitlich jedem klar geworden sein, dass die traditionelle Beschneidung ohne Betäubung noch weit verbreitet ist.

Zum dritten können sich ältere Kleinkinder, über deren Kopf hinweg entschieden wird, dass sie technisch betrachtet "professionell" beschnitten werden, sehr wohl quasi vergewaltigt fühlen, selbst wenn eine medizinische Indikation vorliegt.

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10.09.2012 11:34 Uhr

Ist das Aufgebot schon bestellt?

Angesichts der Tatsache, daß Israel und die Türkei unlängst wechselseitig ihre Botschafter ausgewiesen haben und die innige Liebe von Juden und Muslimen sprichwörtlich ist, war ich gestern doch etwas verwundert über diese Vorstufe zur eingetragenen Lebenspartnerschaft.

Offen gestanden fühle ich mich etwas unwohl bei der gegenwärtigen Kuschelallianz zwischen türkischen und jüdischen Spitzenverbänden in Deutschland, wenn das einzig verbindende der Wunsch nach einem Beschneidungserlaubnisgesetz (daß es nach vernunftgemäßer Betrachtung nicht geben wird) und die damit verbundene gegenwärtige "Abarbeitung" dieser Gruppen an der Bundesrepublik Deutschland ist.

Dieser "Ehe" fehlt das inhaltliche Fundament und das ist auch nicht durch eine gemeinsame Illustion zu ersetzen.

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