Ganz Ludesch ist ein Pflegeheim

Wie sollen alte Menschen in Zukunft gepflegt werden? Die Frage stellte sich in der Vorarlberger Gemeinde Ludesch so wie anderenorts. Überraschend war jedoch die Antwort: dezentral, nicht in einem Heim.

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Der Initiator des Pflegemodells der Vorarlberger Gemeinde Ludesch, Klaus Zitt. Der Gemeindearzt steht vor dem Demenzgarten des erweiterten Zentrums der Integrierten Altenhilfe. Foto: Elisabeth Zoll

Kariertes Papier, wilde Kreise und Striche kugelschreiberblau - so sieht der Anfang des Modells "Integrierte Altenpflege" (IAP) in Ludesch aus. Der Gemeindearzt Klaus Zitt hat die Struktur erdacht. 19 Jahre ist das nun her. Den Praxistest hat die Idee längst bestanden. In der Gemeinde werden alte und pflegebedürftige Menschen überwiegend zu Hause versorgt. Die Betroffenen schätzen das. Die Kommune ebenso. Denn das Modell rechnet sich für beide Seiten.

Am Anfang stand ein radikaler Bruch. Vorarlberg wollte auf den demografischen Wandel vorbereitet sein. Immer mehr alte Menschen würden in Zukunft fremde Hilfe und Pflege benötigen. Was lag da näher, als an ein zentrales Alten- und Pflegeheim zu denken? Ein Haus mit 300 Betten wurde für den Großraum ins Auge gefasst. Der Bedarf an Heimplätzen würde ja steigen mit der Zeit. Mit dem Wunsch der Betroffenen, so lange wie möglich zuhause zu bleiben, hatte die Berechnung nichts zu tun. Auch nicht mit den Vorstellungen der Gemeinden. "Keine wollte so ein Haus haben", sagt Klaus Zitt. Seit 1984 ist der Allgemeinmediziner und Psychotherapeut Gemeindearzt in der 3300 Einwohner großen Kommune. Sein Ansatz: "Wir brauchen etwas Kleineres."

Beispielsweise ein umgebautes altes Bauernhaus im Zentrum des Ortes gleich neben dem Flüsschen Lutz. Dort entstand die Zentrale der Integrierten Altenpflege (IAP) Ludesch. Ein Pflegeheim im herkömmlichen Sinn ist sie nicht. Das Haus hat neun Kurzzeitpflegeplätze. Zum Vergleich: Der offizielle Bedarfsplan geht von 12 bis 15 Betten aus. Gepflegt und versorgt werden alte Menschen anderswo, zumeist zu Hause, aber auch in so genannten Pensionen beziehungsweise in einer kleinen Wohngemeinschaft.

Das System ist extrem flexibel. Zitt nennt ein Beispiel: Ein Mann erleidet einen Schlaganfall. Von einer Minute auf die andere ist die Not in der Familie groß. Wo den Vater unterbringen, wenn er nach der Akutversorgung aus dem Krankenhaus entlassen wird? Weder können Angehörige von heute auf morgen aus beruflichen Verpflichtungen aussteigen - noch wollen sie das in jedem Fall. Die Akutbetten sichern die Phase des Nachdenkens und Planens ab. Ist die Versorgung durch Fremde finanziell zu stemmen? Kann ein Angehöriger einspringen? In welchem Umfang? Was bräuchte er, damit ihn die neue Aufgabe nicht überfordert?

Ohne Anreiz ist die heimische Pflege nicht. "Wir wollten kein System, das nur zu Lasten der Töchter oder Schwiegertöchter geht", sagt Zitt. In Österreich erhalten Pflegebedürftige je nach Einschränkung Pflegegeld bis maximal 1655 Euro im Monat. Über diese Summe verfügen die Betroffenen. Sie können damit die Arbeit der Tochter honorieren, sich ambulante Leistungen einkaufen oder fremde Unterstützung finanzieren. Zum Beispiel in einer "Pension". Das sind Gastfamilien auf Zeit, die alte Menschen beherbergen und versorgen, zum Beispiel während der Erziehungsphase der eigenen Kinder oder während einer Arbeitslosigkeit. Geeignete Räume sind im Feriengebiet oft vorhanden. Wegen gestiegener Schneefallgrenzen stehen etliche leer. Den Familien gewährt das zusätzliche Einnahmen, dem System eine höhere Flexibilität. Die ganze Gemeinde wird so Teil des Pflegenetzes. Zitt: "Das Gute ist: In der Gemeinde kennt jeder jeden." So weiß man, wo Hilfsbedürftige gut aufgehoben sind - und wo nicht.

Den Blick dafür haben examinierte Krankenschwestern des örtlichen Krankenpflegevereins, die regelmäßig an die Tür der alten Menschen klopfen. Sie erfahren, bei wem sich der Gesundheitszustand verändert, wer zusätzliche ambulante Leistungen braucht, wo Angehörige geschult oder durch eine Kurzzeitpflege entlastet werden müssen. "Für diese Aufgabe ist der professionelle Blick diplomierter Krankenschwestern wichtig", betont Zitt. Sie leiten pflegende Angehörige an und kontrollieren auch. Die zeitraubendere Betreuung der Hilfsbedürftigen gehört nicht zu ihren Arbeitsaufgaben. Das übernehmen die Familien oder zum Teil auch Ehrenamtliche. So würden die Fachkräfte entlastet - und Budget geschont, meint Zitt.

"Alten Menschen fehlt es oft an Betreuung, weniger an der medizinischen Versorgung", betont der 62-jährige Mediziner. Gerade wenn alte Menschen lange zuhause leben. "Das größte Problem ist dann oft die Einsamkeit." Deshalb gibt es in Ludesch nicht nur ein Netz aus Ehrenamtlichen, sondern regelmäßige Unterhaltungsangebote im Zentrum der IAP.

Dort laufen alle Fäden zusammen. Auch die Einsatzpläne für die Fachkräfte der ambulanten und stationären Pflege werden dort geschrieben. Die Wünsche von fünf Diplomierten, gut sieben Pflegehelfern, einer Heimhilfe sowie zwei Zivildienstleistenden versucht Pflegedienstleiterin Ulrike Bochdansky unter einen Hut zu bringen. Obwohl der ambulante Bereich mit zwei Krankenschwestern in die Zuständigkeit des örtlichen Krankenpflegevereins fällt und die stationäre Pflege Sache des IAP ist, kommt die Personalplanung aus einer Hand. Ein Teil der Krankenschwestern pendelt sogar zwischen Heim- und Hauspflege.

"Dadurch wissen wir immer, wie die Situation in den Häusern ist", sagt Ulrike Bochdansky. Einfach ist die Abstimmung nicht. Und doch sind die Dienstpläne nicht die größte Herausforderung. Die liegt in den vielen Patientenaufnahmen, die mit den Notbetten und der Kurzzeitpflege verbunden sind. In kurzen Rhythmen müssen sich die Beschäftigten auf meist schwere Pflegefälle einstellen. Doch nur so bleibt das System elastisch - und für die Pflegenden draußen in den Häusern attraktiv. "Die wissen, dass sie jederzeit aussteigen beziehungsweise Entlastung anfordern können." Auch sind Fachkräfte rund um die Uhr erreichbar.

Das Ludescher Pflegekonzept rechnet sich. Zum einen weil weniger stationäre Pflegebetten vorgehalten und finanziert werden als in vergleichbaren Gemeinden (minus 23 Prozent), sich die Pflegekosten zum anderen durch den punktuellen Einsatz von Fachpersonal um 15 Prozent reduzieren.

Die Kommune ist von diesem Weg überzeugt. Im vergangenen Jahr hat sie das Modell auf drei weitere Gemeinden des Großen Walsertals ausgeweitet. Die IAP-Zentrale im Bauernhaus bekam einen modernen Anbau für die Langzeit-, Kurzzeit- und Tagespflege. Insgesamt 30 Betten stehen heute für sechs Gemeinden mit insgesamt 12 000 Einwohnern bereit. 59 Prozent weniger als der Pflegeschlüssel vorsieht.

"Wir wissen, unser Ansatz ist sehr mutig", räumt Klaus Zitt ein. Auch die engere Abstimmung unter den Gemeinden und zwischen den nunmehr drei Krankenpflegevereinen ist nicht einfach. "Das muss noch wachsen." Dennoch ist er überzeugt: Seine wilden Striche und Kreise haben Ludesch vor nunmehr zwölf Jahren den richtigen Weg gewiesen.

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