G-8-Gipfel der Kontroversen

Von seiner besten Seite wollte sich Gastgeber David Cameron zeigen und das britische Königreich ins rechte Licht rücken. Doch Russlands Präsident Putin und eine Spionageaffäre vermiesen den G-8-Gipfelstart.

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Demonstranten mit Masken der Staats- und Regierungschefs schippern zum Gipfelauftakt über die nordirische Seenlandschaft. Sie fordern mit einem Lächeln ein "Ende der Steuerflucht". Foto: dpa

So strahlend wie der kurze Sonnenschein über der nordirischen Seenlandschaft lächelten Angela Merkel, Barack Obama, François Hollande und Wladimir Putin, als sie in einem alten Segelboot zu dem idyllischen Golfzentrum schifften, in dem für zwei Tage der G-8-Gipfel tagt. Und auch Gastgeber David Cameron winkt freundlich wie Enrico Letta, Stephen Harper und Shinzo Abe unter dem riesigen Transparent "Ende mit der Steuerflucht".

Doch in dem Boot saßen nicht die Staats-und Regierungschefs der acht führenden Wirtschaftsmächte sondern Demonstranten mit deren Masken. Die echten Gipfelteilnehmer knatterten mit Hubschrauber zu dem massiv abgeschirmten Tagungsort und waren weit weniger harmonisch.

Manche Delegationsmitglieder warfen einen misstrauischen Blick auf die riesige Telekommunikationsanlage, die während des Gipfels die wunderschöne Landschaft verunstaltet. Zum Auftakt hatte der "Guardian" Dokumente veröffentlicht, die beweisen, wie der britische Geheimdienst im Jahre 2009 massiv die G-20-Teilnehmer des Londoner Gipfels elektronisch bespitzelte und ihre Smartphones und E-Mails überwachte. Die Informationen wurden direkt an die britische Delegation weitergegeben, die dadurch bei den Verhandlungen einen beträchtlichen Wissensvorsprung über die geheimen Absichten ihrer Verhandlungspartner hatten.

Säuerlich kommentierte der britische G-8-Gastgeber David Cameron den Skandal damit, dass er "geheimdienstliche Operationen prinzipiell nicht kommentiere und jetzt nicht damit anfangen würde." Ebenso sauer war er wohl auf Wladimir Putin, der tags zuvor beim Treffen in London keinerlei Anzeichen erkennen ließ, dass Russland zum Bürgerkrieg in Syrien auf den von Cameron und Obama gewünschten Kurs einschwenken wird. Putin hat wohl beim abendlichen Festessen, an dem die außenpolitischen Positionen diskutiert wurden, vielen Staatslenkern den Appetit gründlich mit der Erinnerung an seine Londoner Bemerkung verdorben, dass man die "menschenfressenden Rebellen" nicht unterstützen solle. Vielmehr betonte er das "legitime Recht" Russlands, an die "legitime Regierung" des syrischen Machthabers Baschar al-Assad Waffen zu liefern. Wenn Barack Obama hingegen seine Ankündigung einer militärischen Aufrüstung des syrischen Rebellen wahr macht, markiert der Gipfel in Lough Erne keine Lösung des syrischen Konflikts sondern eine weitere Eskalation. Kanzlerin Angela Merkel deutete kurz vor ihrem Eintreffen an "dass es sicherlich an mancher Stelle auch kontroverse Beratungen" geben wird. Sie lehnte im Gegensatz zu den USA, Großbritannien und Frankreich Waffenlieferungen an die Rebellen weiterhin strikt ab und hofft "dass ein politischer Prozess in Gang kommt. Allein militärisch wird das nicht zu lösen sein." Sie warnte auch davor, Russland in dem Konflikt zu isolieren und stärker an Assad zu binden.

Auf dem Weg zum Gipfel würdigte Obama in der nordirischen Hauptstadt Belfast den Friedensprozesses in einem Land, in dem während des dreißigjährigen Bürgerkrieges prozentual mehr Menschen starben und verwundet wurden als in Syrien. Er erinnerte daran, dass es noch eine Menge Arbeit gäbe. "Es gibt hier noch Menschen, die die Früchte des Friedens nicht ernten konnten, die nicht glauben, dass der Frieden alle Anstrengung lohnte", sagte Obama, der wie viele seiner Vorgänger irisches Blut in seinen Adern hat. Er pries Nordirland als ein "Land von bemerkenswerter Schönheit und einer außergewöhnlichen Geschichte" zu dem "Millionen Amerikaner eine ewige Beziehung haben."

Da die eigentlichen Gespräche der Delegationen erst am späten Nachmittag begannen, bleiben kaum 24 Stunden Zeit, die gewaltige Agenda von der globalen Wirtschaftslage und der internationalen Steuertransparenz über die Konfliktherde der Welt bis zum gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus abzuhaken. Bei diesem Pensum muss der japanische Premierminister Shinzo Abe wohl auf seine Golfrunde auf dem weltberühmten Platz verzichten und Wladimir Putin kann höchstens ein paar Minuten in den kalten Fluten des Sees vor dem Hotel kraulen.

David Cameron hatte alles so schön geplant. Grüne Wiesen kuschelige Kamin-Atmosphäre und Großbritannien als bemühter Gastgeber des Gipfels der sieben führenden Industrienationen und Russlands. Im 13 000-Einwohner-Örtchen Enniskillen haben die Leute sogar leerstehende Schaufenster beklebt, angeblich, damit es für die hochrangigen Gäste nicht so trostlos aussieht.

Cameron wollte das Format G 8 überdies im Alleingang reformieren. "Zurück zu den Wurzeln" lautete seine Devise: Gespräche im kleinen Kreis, keine Unterzeichnungszeremonien, geringe Kosten. "Er wollte in Zeiten des Sparens bewusst alles kleiner machen", sagte ein Diplomat aus einem G-8-Land. Nichts deutet daraufhin, dass dies klappt.

Von Pleitegeiern und Drohnen
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