Für die kleine Marie bleibt das Pils stehen

Seit Ende 2009 ist Sigmar Gabriel SPD-Chef. Der 53-Jährige hat es geschafft, die zerstrittene Partei zu besänftigen. Bei einem Aufenthalt in Ulm wurde aber auch klar, dass die Familie für ihn das Wichtigste ist.

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Setzt auf Ehrlichkeit im Wahlkampf: Sigmar Gabriel (SPD). Foto: Lars Schwerdtfeger

Sigmar Gabriel hat etwas gutzu- machen. Mit seiner erwachsenen Tochter Saskia habe er es "verdaddelt", räumt er ein. Jetzt hat der SPD-Chef mit 53 Jahren noch einmal die Chance, ein guter Vater zu sein. Deshalb wohl die Strenge, mit der er abends nach einer Veranstaltung die Einladung auf ein Bier abschlägt. Deshalb die Kompromisslosigkeit, mit der er darauf besteht, selbst zu später Stunde noch quer durch die Republik zur Familie nach Goslar zu fahren. Auch wenn es schneit und er 520 Kilometer entfernt in Ulm bei einer Veranstaltung der SÜDWEST PRESSE spricht.

Fast zehn Monate alt ist Gabriels Tochter Marie inzwischen. Er war der erste männliche Spitzenpolitiker, der drei Monate in Elternzeit ging. Neulich saß er fast eine Woche an ihrem Krankenbett, als seine Frau - eine Zahnärztin - arbeiten musste. Mittwochfrüh bringt er die Kleine immer in die Kita, Mittwochnachmittag ist "Vatertag".

Sigmar Gabriel, der Familienmensch, der selbst nie eine klassische Familie hatte: Nach der Scheidung seiner Eltern lebte er sieben Jahre lang bei seinem Vater - ein überzeugter Nationalsozialist bis zum Tod im Juni 2012. Erst vor wenigen Wochen offenbarte der Politiker via "Zeit" das schwierige Verhältnis zu ihm. Als Junge habe er sich wie ein Gefangener in der herrischen, spießigen Welt des Vaters gefühlt. Erst mit zehn Jahren durfte er zur Mutter zurück ("Sie hat mir das Leben gerettet").

Die unglückliche Kindheit mit dem Nazi, sie ist auch an diesem Abend Thema. "Er hat sich nicht nur politisch so verhalten, sondern auch in seiner Familie", sagt Gabriel. Leise und langsam spricht er diesen Satz aus, mit Bedacht. Dass ihm einzelne Stimmen im Politgeschäft nachsagen, er habe diese Geschichte aus taktischem Kalkül heraus im Wahlkampfjahr platziert, mit einem "großen Plan" im Hinterkopf, empfindet er als unfair. Gabriel widerspricht dem Bild vom Politiker als "finsteren Gesellen", dem es nur um sich selbst geht. Er verneint allerdings nicht die Gefahren des politischen Betriebs - Machtspiele, Lobbyismus, immer im Rampenlicht stehen. Man könne sich davon "gefangennehmen lassen".

15 Jahre Landtag in Hannover, sieben Jahre Bundestag. Ministerpräsident in Niedersachsen, dann Bundesumweltminister, jetzt Parteivorsitzender. Der frühere Lehrer Gabriel kann trotz herber Niederlagen und einem Zwischenstopp als SPD-Popbeauftragter ("Siggi Pop") auf eine insgesamt steile Karriere blicken. Doch er will einer wie Du und Ich sein - dieses Bild vermittelt er den Bürgern auch dann, wenn er am Eingang einer Veranstaltung jedem Polizisten persönlich die Hand schüttelt. Wenn er sagt, dass er Pils-trinker ist, kein Kenner edler Rebensäfte wie SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück, dem eine Flasche Wein für fünf Euro nicht auf den Tisch kommt.

Dem Sohn aus kleinbürgerlichen Verhältnissen ist indes bewusst, dass er inzwischen zur Elite gehört, zu den "Privilegierten". Zu denen, die sich ein paar Tage Auszeit für die kranke Tochter einfach nehmen, ohne einen Chef bitten zu müssen. Zu denen, die ihrer gebrechlichen Mutter im Pflegeheim logopädische Zusatzbehandlungen finanzieren können. Aber er ist überzeugt: "Politik ist so gut wie das Wissen aus dem Alltag der Menschen." Und er hält es für eines der größten Probleme der Parteien von heute, dass sie diesen Alltag der kleinen Leute "nicht mehr widerspiegeln". Als Gabriel im November 2009 auf dem Parteitag in Dresden zum Vorsitzender gewählt wurde, formulierte er das noch drastischer. "Wir müssen raus ins Leben; da, wo es laut ist; da, wo es brodelt; da, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt."

Passt dies alles zu einem Kanzlerkandidaten namens Steinbrück? Gabriel glaubt nicht, dass der frühere Bundesfinanzminister "Nachhilfe in Bürgernähe" braucht. Auch wenn das Verhältnis der beiden Politiker nicht als das Allerbeste gilt: Tag für Tag springt der Parteichef nun für Steinbrück in die Bresche, lobt dessen "unverzichtbare" ökonomische und finanzpolitische Kompetenz. "Selbst die CDU würde nicht bestreiten, dass Steinbrück Deutschland durch die Finanzkrise gebracht hat", so Gabriel. War was? Ach ja: "Schön" sei die Debatte um Nebeneinkünfte und Bemerkungen zum Kanzlergehalt nicht gewesen. "Aber das weiß Steinbrück selbst."

Sonst ist Gabriel ein Mann der klaren Worte. Nachdem die SPD bei der Bundestagswahl 2009 auf ein historisches Tief von 23 Prozent abgestürzt war, beschrieb er ihren Zustand als "katastrophal". Nach gut drei Jahren an der Spitze der Partei kann er für sich reklamieren, die Wogen geglättet zu haben. Doch das Meisterstück fehlt noch: die SPD an die Regierungsmacht zurückzuführen. Dafür hat der Parteiboss seinen Wahlkämpfern Ehrlichkeit verordnet. Schulden abbauen, in die Bildung investieren und zugleich Steuern senken - "das geht nicht". Also Steuern erhöhen, jedenfalls den Spitzensteuersatz. "Sexy" sei das natürlich nicht, deshalb werde das auch "kein einfacher Wahlkampf". "Aber ich weiß keine andere Antwort", sagt Gabriel.

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