Fremde Feder - Thorsten Faas: Risiken der Demoskopie

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Er wuchs und wuchs und wuchs. Und blieb erst bei 9,9 Prozent stehen - der Balken für die niedersächsische FDP am Wahlabend. Jubel bei den Liberalen, fragende, überraschte Gesichter bei den anderen. Hatten die Demoskopen nicht gesagt, die FDP würde mit der Fünf-Prozent-Hürde zu kämpfen haben? Und dann das. Was war passiert?

Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Viele Gründe tragen dazu bei, dass die Demoskopie ein Geschäft mit "Risiken und Nebenwirkungen" ist. Es fängt schon damit an, dass Wahlforscher nur ein- bis zweitausend Leute befragen, aber etwas über Millionen Menschen aussagen. Das hat seinen Preis: Die Ergebnisse schwanken, wie auf hoher See.

Aber das zwickt die Demoskopen nur. Schmerzen bereiten ihnen andere Phänomene. Wer heutzutage zwei Wochen vor einer Wahl eine Wahlumfrage macht, der wird vieles zu hören bekommen: Wahlabsichten für die CDU, Sympathien für die SPD, Stimmen für die Grünen, Treuebekenntnisse zur FDP. Und ein Teil der Befragten wird, gefragt nach ihrem Wahlverhalten, sagen: "Ich weiß es (noch) nicht." Die berühmte Gruppe der Unentschlossenen ist in jüngerer Vergangenheit erheblich gewachsen. Das ist zunächst kein großes Problem, wenn ich heute eine Umfrage mache und veröffentliche. Aber was, wenn ich etwas über eine Wahl in zwei Wochen sagen will? Bis dahin werden aus vielen Unentschlossenen Entschlossene geworden sein - aber entschlossen zu was? Werden sie überhaupt ihr Kreuzchen machen? Und wo? Darüber kann man Mutmaßungen anstellen - aber mit Sicherheit wissen kann das kein Demoskop der Welt.

Erschwerend kommt hinzu: Vielleicht sehen die Unentschlossenen - oder auch einige vermeintlich entschlossene Wähler - auf der Zielgeraden die Ergebnisse einer Umfrage. Und sie reagieren darauf und ändern ihr Wahlverhalten. Das ist der Albtraum eines jeden Demoskopen. Warum? Weil sich die Umfrage just in diesem Moment selbst ad absurdum führt.

Niedersachsen ist ein gutes Beispiel: Die Umfragen sahen die FDP lange Zeit an der Fünf-Prozent-Hürde straucheln. Viele Anhänger der CDU/FDP-Regierung wollten aber, dass die Liberalen im neuen Landtag in Hannover vertreten sind. Tausende von Leihstimmen waren die Folge: Menschen, die "eigentlich" (in einer Welt ohne Umfragen) die CDU gewählt hätten, haben auf der Zielgeraden (in unserer Welt mit Umfragen) ihr Kreuzchen bei der FDP gemacht. Hier liegt der Hauptgrund für das vermeintliche Versagen der Demoskopen.

Dr. Thorsten Faas ist Politikwissenschaftler an der Gutenberg-Universität Mainz. Foto: Peter Pulkowski

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