FREMDE FEDER · KOSTAS PETROPULOS: Lebenslüge der Familienpolitik

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Das vernichtende Votum von Regierungsexperten zur Wirksamkeit der Familienpolitik hat ein gewaltiges polit-mediales Echo ausgelöst. Nahezu unisono beklagen jetzt die Opposition und viele Redaktionen die "verschwenderische Familienförderung in astronomischer Höhe" und deren Fruchtlosigkeit - ganz wie es ihnen "Der Spiegel" nahelegt.

Tatsächlich liefern sie alle ein Lehrstück zu einer der größten bundesdeutschen Lebenslügen: Eltern und Kinder leben eben nicht in dem seit Jahrzehnten statistisch gemalten Familienparadies.

Kinder sind Armuts- und Berufsrisiko Nummer eins. Und zwar nicht nur, weil der Staat sich das "Fördergeld" zurückholt, sondern unterm Strich sogar bei den Familien kräftig abkassiert - über die Lohn-, Umsatz- oder Ökosteuer und vor allem die gesetzliche Rente. Bekanntlich häuft die keine Rücklagen an, sondern nur Ansprüche, die auf dem Papier stehen. Zahlen müssen die heutigen Kinder. Auch für diejenigen, die sich durch Nachwuchsverzicht nicht mehr am vermeintlichen Generationenvertrag beteiligen. Am Ende verdient der Staat laut ifo-Wirtschaftsforschungsinstitut pro Kind mindestens 77 000 Euro.

Dieser politisch geschaffene, wirtschaftliche Druck zwingt Väter und Mütter mehr zu arbeiten, als sie eigentlich wollen. Vollzeiterwerbstätige Mütter wünschen sich im Schnitt eine Arbeitszeitverkürzung um zehn Stunden; Väter wollen ihr Pensum um sieben Stunden verringern. Eltern und ihre Kinder klagen über zu wenig Zeit füreinander. Hinzu kommt der verschärfte Druck in der Arbeitswelt. Laut Streßreport 2012 leiden Vollzeitbeschäftigte und Frauen in den weiblichen Zukunftsjobs im Bereich Gesundheit, Bildung und Betreuung überdurchschnittlich oft an Überlastung.

Kein Wunder, wenn sich Kinder für immer mehr Paare vom Glücks- zum alltäglichen Streßfaktor wandeln. Eine Abschreckung für alle, die sich Nachwuchs wünschen.

Das expertengestützte "Patentrezept" der Politik lautet jedoch unverdrossen: mehr organisierte (Ganztags)betreuung für die Kleinsten. Schließlich braucht die alternde Republik nicht nur den ganzen Mann, sondern jetzt auch die ganze Frau. Arbeitsmarkt- statt Familienpolitik lautet die Devise!

Das ist nichts anderes als ein Programm zur Förderung der Kinderlosigkeit. Ohne Nachwuchs braucht man weder einen wirtschaftlichen, noch einen beruflichen Absturz zu fürchten und die Frage, wohin das Kind zur Betreuung wegorganisiert werden soll, stellt sich nicht mehr. So schafft unsere Gesellschaft todsicher ihre eigene Zukunft ab.

Info Kostas Petropulos ist Leiter des Heidelberger Büros für Familienfragen und soziale Sicherheit.

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