Flammenhölle auf hoher See

Die schwierige und chaotische Rettung der Menschen an Bord der Adria-Fähre "Norman Atlantic" ist beendet. Jetzt beginnt die Aufarbeitung des Unglücks. Gerettete erheben schwere Vorwürfe: Die 56-köpfige Crew habe sie im Stich gelassen.

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  • Gerettete Passagiere der Fähre verlassen in Bari ein Containerschiff, das sie aufgenommen hat (oben). Ein Helfer bringt ein Kind in Sicherheit (rechts). Ein Hubschrauber holt Menschen von der brennenden Fähre (unten). Fotos: afp 1/4
    Gerettete Passagiere der Fähre verlassen in Bari ein Containerschiff, das sie aufgenommen hat (oben). Ein Helfer bringt ein Kind in Sicherheit (rechts). Ein Hubschrauber holt Menschen von der brennenden Fähre (unten). Fotos: afp
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"Es ist jetzt nur noch der Kapitän da, der wie alle guten Kapitäne als Letzter von Bord geht", sagt Italiens Regierungschef Matteo Renzi. Viele atmen auf. Die Evakuierung der havarierten Adria-Fähre "Norman Atlantic" ist nach etwa 36 Stunden vorbei. Es war ein langer Kampf, den nach Behördenangaben acht Menschen verloren haben.

An Bord der brennenden Adria-Fähre müssen fürchterliche Zustände geherrscht haben. Und auch am Montag ist der Verbleib aller 422 Menschen, die auf der Passagierliste standen, und der 56 Besatzungsmitglieder nicht endgültig geklärt. Es können sich überdies blinde Passagiere an Bord befunden haben. Im griechischen Hafen Igoumenitsa hatten neun Flüchtlinge versucht, auf das Schiff zu gelangen. Sie wurden festgenommen. Anderen Migranten könnte es gelungen sein, unentdeckt die Fahrzeugdecks zu erreichen. Zudem hatte die Fähre 222 Fahrzeuge geladen, darunter mehrere Tanklaster, die mit griechischem Olivenöl gefüllt waren.

Panik und Schlägereien brachen unter den hunderten Passagieren aus, die eine gefühlte Ewigkeit auf Hilfe warten mussten. "Man wollte Kindern, älteren Menschen und Frauen Vorrang bei der Rettung geben", sagt die griechische Sopranistin Dimitra Theodossiou, die auch an Bord war. Aber einige Männer hätten sich nicht darum geschert. "Sie schlugen uns und schoben uns weg, um sich als erste in Sicherheit zu bringen". Sie hat es geschafft, der Hölle auf hoher See zu entkommen. Die Zahl der Geretteten ist aber immer noch nicht klar, sie liegt nach offiziellen Angaben über 400.

Passagiere erzählen von dem Chaos, nachdem am Sonntagmorgen gegen 4.30 Uhr vor der griechischen Insel Korfu auf einem der Autodecks ein Feuer ausgebrochen war und sich rasend schnell ausbreitete. "Man hat uns keine Anweisung gegeben. Es gab nur einen einzigen Notausgang auf Deck 6 in Richtung Bug. Es herrschte dort absolute Panik wegen des Gedränges. Es gab keinerlei Koordination, niemand hat die Leute beruhigt", sagt Rania Fyreou im griechischen Fernsehen. Ein Grund: Die Böden der Decks wurden so heiß, dass die Schuhsohlen der Passagiere schmolzen.

"Das größte Rettungsboot für 150 Menschen war mit nur 60 Leuten besetzt. Das Personal war praktisch nicht vorhanden." Zudem sei das Schiff der griechischen Linie Anek Lines in letzter Minute ausgewechselt worden. "Wir fühlten uns, als ob wir auf einem Schiff in der Dritten Welt reisen sollten." Die fünf Jahre alte Fähre ist von der italienischen Firma Visemar gechartert worden. Das Schiff hat trotz seiner kurzen Geschichte mehrfach den Besitzer gewechselt, es war immer wieder aus dem Verkehr gezogen worden.

Andere erzählen von ihrer Verzweiflung. "Mein Mann und ich sind mehr als vier Stunden im Wasser gewesen. Ich wollte ihn retten, habe es aber nicht geschafft", erzählt die Frau eines Todesopfers, Teodora Douli. Ein Elfjähriger liegt im Krankenhaus von Copertino in Süditalien und wartet auf Nachrichten von seinem Vater. "Geht es Papa gut? Wo ist er? Wann holt er mich ab", fragte Marco Journalisten.

Große Probleme bereitete den Helfern das Wetter. Bei meterhohen Wellen konnte kein anderes Schiff an die "Norman Atlantic" anlegen und die Menschen von Bord holen. Zu groß wäre das Risiko gewesen, dass beide Schiffe einen folgenschweren Schaden davongetragen hätten. Der griechische Schifffahrts-Experte Giorgos Margetis sagte, bei dem Unfall seien mehrere unglückliche Umstände zusammengekommen. "Zunächst das Feuer, das sich schnell ausgebreitet hat. Feuer ist das Schlimmste, was auf einem Schiff passieren kann. Dazu hatten wir extrem schlechtes Wetter, bis Windstärke zehn. Das passiert auf unseren Meeren vielleicht zwei, drei Mal im Jahr."

Für Hubschrauber ist das eine Herausforderung. "Die Flammen zu überfliegen, ist keine leichte Sache", sagte der Ex-General der italienischen Luftwaffe, Vincenzo Camporini. "Zudem macht es die Sache noch komplizierter, wenn sich so viele Institutionen koordinieren müssen." Medien spekulierten bereits über Abstimmungsprobleme zwischen den Ländern. So soll Griechenland zum Beispiel favorisiert haben, die "Norman Atlantic" ins nähere Albanien zu schleppen. Doch dies sollen die Italiener, die das Kommando bei der Operation haben, nicht unterstützt haben. Bei der Abschleppaktion riss zu allem Überfluss noch ein Tau und hielt die Retter weiter auf.

Was an Bord der inziwschen weitgehend ausgebrannten Fähre wirklich geschehen ist, wird sich noch im Detail zeigen. Die Staatsanwaltschaften in Bari und Brindisi leiteten jedenfalls Ermittlungen wegen fahrlässigen Schiffbruchs und fahrlässiger Tötung ein. Geprüft werden müssen auch Vorwürfe, wonach an der "Norman Atlantic" Mängel festgestellt worden waren und dass das Autodeck überfüllt war. Bei einer Inspektion des Schiffs am 19. Dezember im griechischen Patras stellten Experten Sicherheitsmängel fest, unter anderem an einem Brandschutzportal. Die Reederei erklärte, die Mängel vor dem Ablegen behoben zu haben. Doch erhebliche Zweifel bleiben.

In Italien wecken die Schilderungen schmerzhafte Erinnerungen an die Havarie der "Costa Concordia" im Januar vor drei Jahren. Damals fuhr der Kreuzer mit mehr als 4200 Menschen auf einen Felsen vor der Insel Giglio, 32 Menschen starben. Dem Kapitän Francesco Schettino wird zurzeit der Prozess gemacht. "So etwas überwindet man nie", sagt Chiara Castello, Opfer der Concordia-Katastrophe. "Ich denke an die Armen auf dem Schiff . . . Diese Tragödie wird sie ein Leben lang begleiten."

Als Letzter von Bord

Schiffsführer Argilio Giacomazzi, der Kapitän der Adria-Fähre "Norman Atlantic", hat die Ehre der italienischen Schiffsführer gerettet: Im Gegensatz zu seinem Kollegen von der "Costa Concordia", Francesco Schettino, verließ Giacomazzi am Montag als letzter die brennende Fähre, nachdem er die Kontrolle italienischen Marine-Offizieren übergeben hatte. Schettino hatte das havarierte Kreuzfahrtschiff vorzeitig verlassen.

Schwierig Schlechtes Wetter und Wellengang erschweren grundsätzlich Bergungsaktionen auf See, wie Antke Reemts von der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) sagt. Zu der konkreten Situation könne sie zwar nichts sagen, aber Schiffe, die dort im Umfeld helfen könnten, seien nicht dafür ausgelegt, dass auf See Menschen von einem Schiff aufs andere übersteigen. Auch die Rettung per Hubschrauber ist schwierig. Dazu braucht man eine freie Fläche auf dem Schiff. Wenn Rauch dazu kommt, ist die Sicht nach unten für den Piloten und den Mann an der Winde erheblich eingeschränkt. afp/dpa

SWP

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