Leitartikel zur Frauenbewegung: Feminismus? Jetzt erst recht!

Populistische Parteien und anti-liberale Regenten würden die Frauenbewegung am liebsten zurückdrehen. Zeit für einen selbstbewussten Feminismus. Ein Leitartikel von Ulrike Sosalla.

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Ivanka Trump, Angela Merkel, Christine Lagarde, Königin Maxima (von links nach rechts) beim W20 Gipfel im Hotel Intercontinental in Berlin.  Foto: 

Als die Bundeskanzlerin beim G20-Frauengipfel vor zwei Wochen gefragt wurde, ob sie sich als Feministin betrachte, gab es einen typischen Merkel-Moment: Zögern, nachdenken, rausreden. Sie werde in sich gehen, beschied sie das Publikum. Die Antwort ist nicht nur typisch für Merkel, sondern auch für den Zustand des Feminismus. In Deutschland leidet die Idee unter dem schweren Erbe Alice Schwarzers, deren schlechtgelaunte Männerfeindlichkeit Nachahmerinnen zuverlässig abschreckt. Zumal Merkels Aufstieg zur Dauer-Kanzlerin Anlass bietet, das Thema für erledigt zu erklären: Wenn Frauen jetzt schon die Regierung leiten können, was wollen sie dann noch?

Die Antwort lautet: Eine Menge – nicht nur in Deutschland, sondern überall auf der Welt. Gerade jetzt, wo in vielen Weltregionen autoritäre Regenten und anti-liberale Regime auf dem Vormarsch sind, ist Feminismus nötiger denn je. Da können die Gegner der gesellschaftlichen Modernisierung, die sich unter anderem in der AfD sammeln, noch so oft postulieren, die Gleichstellung der Frauen sei nicht nur erfolgt, sondern längst viel zu weit gegangen: Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. In den Vorständen der 160 börsennotierten Unternehmen in Deutschland liegt der Frauenanteil bei 6,7 Prozent. Bei den Oberbürgermeistern ist die Quote in den vergangenen zehn Jahren sogar gesunken. Da nimmt sich der Frauenanteil von 19 Prozent unter den Multimillionären fast üppig aus. Überrepräsentiert sind Frauen dagegen unter Geringverdienern, Menschen mit niedrigen Renten und den Opfern häuslicher Gewalt.

Trotzdem gibt es eine immer stärkere gesellschaftliche Strömung, die die bisherigen Erfolge der Frauenbewegung dazu benutzen will, die ganze Idee für überholt zu erklären. Keine Frage, in den westlichen Gesellschaften wurde viel erreicht. Offene Diskriminierung ist verpönt, gut ausgebildete Frauen fordern selbstbewusst Mitsprache ein. Doch lassen wir uns nicht täuschen: Wenn eine reiche Erbin wie Ivanka Trump sich selbst als Feministin bezeichnet, ist für die Sache der Unterprivilegierten noch nicht viel gewonnen. Unter der glänzenden Oberfläche führen die alten Denkmuster ein munteres Leben. Das fängt beim Nachwuchs an, wie der Blick in einen beliebigen Spielzeugladen belegt, wo schon kleine Kinder in völlig unterschiedliche Welten gelenkt werden (stärker übrigens als noch vor 30 Jahren). Weiter geht es bei der Berufsausbildung: Das, was Frauen bevorzugt tun – Erziehung, Lehre, Pflege, Sozialarbeit – wird deutlich schlechter bezahlt als männlich geprägte Berufe. Sollen deshalb alle Frauen Ingenieurinnen werden oder muss die Gesellschaft umsteuern? Blickt man dann noch auf Länder wie die Türkei, die arabische Welt oder Russland, sieht man, wie viele Frauen selbst von formaler Gleichstellung weit entfernt sind.

Zu den Abwehrmechanismen der Patriarchen gegen die Machtansprüche von Frauen gehört übrigens, den Begriff Feminismus lächerlich zu machen. Schon deshalb sollte Angela Merkel noch einmal in sich gehen.

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