Fasten: Eine Frage der Haltung - Ein Leitartikel von Andreas Clasen

Mit dem Aschermittwoch beginnt die bis Ostern dauernde Fastenzeit. Sie weist auf jene 40 Tage, die nach biblischer Überlieferung Jesus in der Wüste verbracht haben soll, hin. Er fastete dort, widerstand auch anderen Versuchungen.

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 Andreas Clasen  Foto: 

Nach den Darstellungen der Bibel versuchte der Satan selbst, ihn zum Essen zu verführen. Auch bot er Jesus die Weltherrschaft an, wenn dieser ihn im Gegenzug verehre. Jesus aber lehnte ab: das Essen und die Macht. Eine alte Geschichte. Was soll sie heute Menschen noch sagen, und wofür soll eine Fastenzeit gut sein - besonders dann, wenn man an keinen Gott glaubt?

Auf der Suche nach einer Antwort hilft ein Vierjähriger, der wie eine Reihe von Altersgenossen für eine Studie vor einem Teller mit einem Marshmallow sitzt. Die Versuchung für das Kind ist groß, den Mäusespeck sofort zu essen, doch der Verzicht auf den schnellen Genuss würde sich lohnen. Hält der Junge 15 Minuten seinem Verlangen stand, bekommt er ein weiteres Stück Schaumzucker - aber nur dann. Die meisten der 600 Versuchsteilnehmer, mit denen der Psychologe Walter Mischel dieses berühmte Experiment Ende der 1960er unternahm, griffen trotzdem nach eineinhalb Minuten zu. Mischel verfolgte den Werdegang vieler Probanden und erfuhr, jene, die der Versuchung getrotzt hatten, besaßen später häufiger einen Universitätsabschluss, waren in der Regel schlanker und konnten eher mit Frustrationen umgehen.

Wer verzichten kann, profitiert - aber meist nicht sofort. Die Person ist mehr Herr ihrer selbst, scheidet Nötiges von Unnötigem und kann so fokussierter und vorausschauender handeln. Wer hingegen Versuchungen, Reizen, Moden schnell erliegt, die Schokolade sofort verschlingt, die eingehende Textnachricht gleich liest oder den neuen Ultra-HD-3D-Curved-Smart-Fernseher augenblicklich kaufen muss, fühlt kurzfristig Befriedigung, wird aber womöglich bald auch mit Problemen konfrontiert: ob mit Übergewicht, mangelnder Konzentration oder Schulden.

Nun mag mancher denken, Verzichten hilft vor allem, Ressourcen sinnvoller einzusetzen, um langfristigen Erfolg zu sichern. Aber das würde wichtige Aspekte ausblenden. Beim Verzicht geht es auch um eine persönliche Haltung. Einem Jugendlichen ist das Tierwohl wichtig, darum isst er kein Fleisch. Ein Paar möchte Flüchtlingen helfen und spendet Geld, das beide sonst für Geschenke ausgegeben hätten. Ein anderer beschränkt seinen Fernsehkonsum und nützt die Zeit für bewusstere Gespräche in der Familie.

Zudem sind die Folgen des Verzichts nicht immer so klar wie im Marshmallow-Test, wo dem Kind bekannt war, dass es profitiert, wenn es durchhält. Mahatma Gandhi, der Kämpfer gegen die britische Herrschaft in Indien, wusste nicht, dass sein Verzicht auf Gewalt, Hassreden und Rache 1947 in der Unabhängigkeit Indiens mündet. Viel wahrscheinlicher war es, dass er während seines Protestes stirbt - ob durch eine britische Kugel oder im Zuge eines Hungerstreiks.

Was in Bezug auf die heutige Fastenzeit wiederum interessant ist: Gandhi hat die für diesen passiven Widerstand nötige Einstellung und Kraft erst im Laufe seines Lebens entwickelt, wie auch Jesus die Zeit in der Wüste als inneren Klärungsprozess genutzt haben soll. Genau hierin kann eine weitere Bedeutung der Fastenzeit liegen: Man kann diese 40 Tage als Motivation nehmen um zu überlegen, was wichtig und was verzichtbar ist - und dann entsprechend handeln.

leitartikel@swp.de

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