Fast auf Augenhöhe

Annegret Kramp-Karrenbauer hat es geschafft. Die Wahlgewinnerin umgarnt schon am Abend SPD-Chef Heiko Maas. Mit dem wollen auch die Linken koalieren, glauben aber selbst nicht dran.

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Jasmin Maurer muss noch üben, ein richtiger Medienfreak ist das 22-jährige Gothic-Model noch nicht: Vor klickenden Kameras gelingt es der Spitzenfrau der Saar-Piraten erst beim zweiten Versuch, ihren Stimmzettel in die Urne zu werfen. Aber nach 18 Uhr ist das kleine Missgeschick auf der Wahlparty der Newcomer in einer Studentenkneipe auf dem Uni-Campus vergessen: Das rhythmische Beifallklatschen will nicht enden, als traumhafte Zahlen zwischen sieben und acht Prozent über die Bildschirme flimmern. Der kleine Landesverband, der erst mitten im Wahlkampf mit dem Aufbau einer Parteiorganisation begann, muss den Politikbetrieb noch lernen: Die Feier findet draußen am Saarbrücker Stadtrand statt; anders als die Konkurrenz schafft es erst um 19 Uhr mit Michael Hilberer ein einfaches Vorstandsmitglied zur Saarbrücker Saarmesse, wo in einer tristen Ausstellungshalle die TV-Studios installiert sind. Ob die Piraten denn Politik machen können? Hilberer lacht: "Warum nicht?", bei den Profis klappe das im Übrigen auch nicht immer.

So sehr der Einzug der Piraten in den zweiten Landtag die Sensation dieses Urnengangs ist, so dreht sich doch alles schnell wieder um jene, die das Machtspiel unter sich ausmachen werden. Sieger des Abends ist Annegret Kramp-Karrenbauer, die auf der Party der CDU in einer zum Veranstaltungszentrum transformierten Halle eines früheren Stahlwerks ausgiebig gefeiert wird, auch beim Erscheinen im Medienzentrum kommt Beifall auf. Sie wirkt sichtlich erleichtert, nach dem Ergebnis "fiel mir ein mittlerer Felsbrocken vom Herzen". Offenbar haben es die Stimmbürger der Ministerpräsidentin als Pluspunkt angerechnet, dass sie die chaotische Jamaika-Koalition hat platzen lassen - dieses Ende ging voll zu Lasten der zertrümmerten FDP und der Grünen.

Alles deutet darauf hin, dass die Wähler eine solide Politik wollten und dass die 49-Jährige als Zugnummer im Alleingang die Union vor Verlusten bewahrt hat. Die Saarländer hätten ein "Gespür für echte Menschen", kokettiert sie. Eine Signalwirkung in Richtung große Koalition auch auf Bundesebene will Kramp-Karrenbauer in dem Urnengang nicht sehen, "die Situation im Saarland ist schon sehr speziell".

Mit der Anmerkung, jetzt werde man "erst einmal feiern", umschifft sie clever die Frage, wie sie denn in Verhandlungen mit der SPD Probleme wie die Gegensätze beim Mindestlohn oder der Sparpolitik lösen wolle. Stattdessen macht sie SPD-Landeschef Heiko Maas schöne Augen, damit der angesichts eines rechnerisch möglichen rot-roten Bündnisses nicht abspringt: Man sei im Wahlkampf "fair miteinander umgegangen", sie strebe eine "Koalition auf Augenhöhe" an, sie lade den SPD-Chef "herzlich ein".

In dieses Schicksal scheint sich die SPD fügen zu wollen. In der Kongresshalle, wo mit 200 bis 300 Gästen eine überschaubare Zahl von Anhängern aufgetaucht ist, ist die Stimmung ziemlich durchwachsen. Trotz eines Zugewinns von immerhin sechs Prozentpunkten wirkt Maas etwas steif und verkniffen, auch im Wahlkampf kam er wenig volkstümlich daher. Die SPD habe ihr Wahlziel, nämlich die Übernahme des Amts des Ministerpräsidenten, "nicht erreicht, daran soll man nicht vorbeireden", räumt Maas zerknirscht ein. Die Mobilisierung der SPD sei nicht recht gelungen: Ein Teil der Anhänger lehne Rot-Rot ab, ein Teil sei gegen die große Koalition. Jedenfalls zeigt sich der 45-Jährige bereit, in einem solchen Bündnis Juniorpartner zu sein, in dem er eine "wichtige Rolle" spielen werde - und lässt offen, ob er unter Kramp-Karrenbauer auch Minister werden will.

Oskar Lafontaine setzt auch am Wahlabend sein Werben für ein Linksbündnis fort - wobei man ihm anmerkt, dass er damit ernsthaft nicht mehr rechnet. Glanzvoll ist das Ergebnis für die Linke nicht, doch trotz der Verluste kann "Oskar" zufrieden sein, unter 400 Genossen geht es in einem Festzelt gelöst zu: So stark schneidet seine Partei in den alten Ländern nirgends ab, im Herbst lag man an der Saar noch bei zwölf Prozent. Der Landesvorsitzende Rolf Linsler betont, das wichtigste Wahlziel, nämlich eine rot-rote Mehrheit, sei erreicht worden. Ob er mit 16 Prozent im Rücken wieder in die Bundespolitik einzusteigen gedenke? Lafontaine: "Fragen Sie mich später wieder."

Die Grünen bangen lange um den Wiedereinzug in den Landtag, aber immerhin gibt sie noch Lebenszeichen von sich. Die FDP wird pulverisiert. Spitzenmann Oliver Luksic: "Wir haben die Wähler enttäuscht und einen Denkzettel erhalten." Co-Spitzenfrau Nathalie Zimmer gibt Durchhalteparolen aus: "Liberale wird es immer geben."

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