Facebook erfindet die Zeit neu

Ordnung ist das halbe Leben. Auch das von Facebook. Künftig werden Texte, Bilder, Unterhaltungen aller Nutzer zeitlich geordnet präsentiert. Die Pflicht zur "Timeline" stößt auf Widerstand.

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Strahlende Gesichter sind zu sehen. Zwei Jungen planschen mit ihrem Vater im Swimmingpool. Über dem Bild steht: "Erzähle deine Lebensgeschichte mit einem neuartigen Profil." Wer dieses nette Angebot für die neue Facebook-Darstellung nicht will, hat Pech: "Timeline" ist Pflicht.

Die Chronik verändert das Gesicht von Facebook - einem Ort im Internet, den täglich 500 Millionen Menschen besuchen. Auf Facebook beschreiben Mitglieder ihren Alltag, berichten von ihren Vorlieben, unterhalten sich mit Freunden, stellen Fotos und Videos ins Netz. Das amerikanische Unternehmen will nun alle Aktivitäten und Lebensstationen seiner etwa 800 Millionen Nutzer übersichtlich als Zeitleiste darstellen, von der Geburt bis zum heutigen Tag. Jeden Kommentar, jedes Foto, jeden neuen Freund.

"Cool" und "sehr charmant" findet ein 31-jähriger Nutzer, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, die neue Darstellung. Deshalb hat er die Chronik gleich ausprobiert, als Facebook-Chef Mark Zuckerberg sie im Dezember einführte - auf zunächst freiwilliger Basis. "Die Timeline sortiert die Inhalte neu, setzt den Nutzer und die Informationen besser in Szene."

Als "neuen Trick, Leute zu ködern", sieht Thilo Weichert hingegen die verpflichtende Einführung der Timeline. Der Datenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein ist als Facebook-Kritiker bekannt. "Erstens ist es absolut nicht akzeptabel, dass Facebook einseitig ein Angebot verändert, ohne den Menschen die Möglichkeit zu geben, es abzulehnen", sagt er.

Weicherts zweiter Kritikpunkt betrifft Daten, die Nutzer schon vor längerer Zeit eingestellt haben. Sie seien "im Rauschen des Internets" mittlerweile untergegangen, sagt er. Viele Betroffene hätten vergessen, was sie vor Jahren geschrieben oder welche Fotos sie veröffentlicht hätten. In der neuen Darstellung werden die länger vorhandenen Daten wieder bekannt, kritisiert der Datenschützer. Dass Facebook allen Nutzern eine siebentägige Frist einräumt, um unerwünschte Bilder, Kommentare oder Informationen vor der Veröffentlichung der Chronik zu sichten und zu löschen, genügt ihm nicht: "Vielleicht bin ich in den sieben Tagen im Urlaub oder habe gerade kein Internet."

Drittes Problem für Weichert: Facebook versucht mit der Timeline, Leute zu animieren, noch mehr Daten über sich einzustellen. "Und die nutzt das Unternehmen dann zu Werbezwecken."

"Na und", sagt ein 30-Jähriger, der die Timeline schon seit Dezember nutzt. "Facebook ist kostenlos, das wollen die Leute so. Dafür sehen sie Werbung, über die das Netzwerk sich finanziert. Und dann bekomme ich eben Werbung, die auf mich zugeschnitten ist." Das sei ihm lieber, als dass ihn die Bundesregierung mit dem Bundestrojaner ausspioniere.

Er hat 2006 in den USA studiert und ist dem sozialen Netzwerk dort beigetreten. Seitdem hat das Unternehmen das Angebot immer wieder verändert und optimiert. "Die Deutschen sind jedes Mal ausgeflippt", erzählt er. "Aber einen Monat später hat kein Mensch mehr darüber geredet."

Das bestätigt Claudio Müller, Redakteur des Computermagazins Chip: Bei jeder Layout-Änderung einer Zeitung oder jedem Relaunch einer Webseite gebe es anfangs einen Aufschrei. Vor angeblichen Programmen, mit denen man die Timeline aufs alte Profil zurücksetzen kann, warnt er. Müller hält die Timeline aber nicht für Teufelswerk. "Sie zieht nicht mehr Informationen als die bisherige Darstellung", sagt er. "Wer kein Bedürfnis hat, sein Leben zu verewigen, muss es ja nicht tun."

Facebook möchte allerdings, dass möglichst viele Nutzer möglichst viele Informationen öffentlich darstellen, sagt Müller. Die Rechnung ist einfach: Je mehr Informationen Facebook kennt, desto mehr Geld kann es für Werbung verlangen. "Und desto wertvoller wird das Unternehmen", ergänzt der Redakteur mit Blick auf den geplanten Börsengang.

Nach Berichten des angesehenen "Wall Street Journal" wird Facebook am heutigen Mittwoch seinen Emissionsprospekt bei der amerikanischen Wertpapieraufsicht einreichen - als ersten Schritt für den Börsengang, der als einer der Größten der USA gilt. Der Wert des Unternehmens wird auf 75 bis 100 Milliarden Dollar geschätzt. Damit wäre Facebook wertvoller als viele der 30 deutschen Dax-Konzerne; Europas größter Softwarekonzern SAP etwa ist rund 56 Milliarden Dollar wert. Facebook dürfte 2011 einen Umsatz von vier Milliarden Dollar erzielt haben. Das ist nicht wenig, der seit Monaten tobende Hype um den Facebook-Börsengang aber ist riesig.

Die Hoffnungen liegen auf dem Potenzial von Facebook, Geld zu verdienen. Dazu wird immer wieder Neues aus dem Hut gezaubert. Eine mit der Timeline eingeführte Weiterentwicklung ist Frictionless Sharing (reibungsloses Teilen). Wer etwa mit gewissen Musikdiensten online Musik hört und währenddessen auf Facebook eingeloggt ist, zeigt es anderen Nutzern. "Die Songtitel erscheinen in der Timeline automatisch", erklärt Chip-Redakteur Müller. Nutzer müssen diesen Diensten vorab zustimmen - "doch die Erfahrung zeigt, dass Leute ohne zu lesen einfach auf ,Zulassen klicken." Nachträglich ist es jedoch weiterhin möglich, Funktionen in den Anwendungseinstellungen zu beschränken. Genau das stört den 31-jährigen Nutzer. "Die Timeline ist super, aber mich nerven die vielen Einstellungen. Es wird immer unübersichtlicher, welcher Freund welche Information jetzt tatsächlich sieht. Facebook ist nur noch Datenverwaltung. Darauf habe ich keine Lust mehr. Vielleicht lösche ich bald meinen Account."

Kritik gab es an Facebook immer wieder. Etwa, nachdem Zuckerberg das Ende der Privatheit ausgerufen hatte "Ich kann niemandem raten, Facebook zu nutzen", sagt Datenschützer Weichert. "Aber wenn der soziale Druck zu groß ist und man es doch macht, dann sollte man sehr zurückhaltend sein mit dem, was man einstellt - über sich und über Dritte." Außerdem sollte jeder den Schutz der Privatsphäre-Einstellungen erhöhen und sie regelmäßig überprüfen. Chip-Redakteur Müller betont: "Die Grundeinstellungen sind sehr offen. Man sollte durchgehen, welche Daten für wen sichtbar sind und sein Profil nie öffentlich sichtbar einstellen."

Dazu passt eine Geschichte eines Mitglieds. Er hat nicht nur sein echtes, sondern ein zweites fiktives Profil angelegt, mit einem "weiblichen Allerweltsnamen". Erschreckend findet er, dass diese nicht existierende Person inzwischen 600 Freunde auf Facebook hat, nachdem er wahllos Anfragen an verschiedene Personen schickte. "Viele dieser Leute schreien sicher auch nach mehr Datenschutz, aber sie bestätigen einfach irgendwelche Freudschaftsanfragen und lassen Unbekannte auf ihre Informationen blicken", sagt er. "80 Leute haben der nicht existierenden Frau sogar zum Geburtstag gratuliert."

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