Experte zu Nachahmungstaten bei schweren Gewaltverbrechen

Nach schweren Gewaltverbrechen kommt es oft zu Nachahmungstaten. Der Kriminologe Frank J. Robertz erklärt, warum das so ist – und was die oft jungen Täter antreibt.

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Prof. Dr. Frank J. Robertz ist Kriminologe und Sozialwissenschaftler. Er lehrt an der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg. Robertz hat etliche Studien zu jugendlichen Gewalttätern und Amokläufern veröffentlicht.  Foto: 
Würzburg, München, Ansbach, Reutlingen – sehen Sie in dieser Häufung schwerer Gewalttaten einen Zusammenhang?
FRANK J. ROBERTZ: Medienwirkungs-Studien belegen, dass Suizide und auch schwere Gewalttaten in der Folge intensiver medialer Berichterstattung über vorangegangene Ereignisse auftreten können. Wenn eine solche Häufung auftritt, ist das meist innerhalb der ersten zwei Wochen nach dem berichteten Ereignis der Fall. Insofern ist die aktuelle Häufung von Gewalttaten in Deutschland erschreckend, aber nicht außergewöhnlich.

Warum ist das so?
ROBERTZ: Natürlich fühlt sich nicht jeder Mensch angeregt, eine Gewalttat nachzuahmen, wenn er eine intensive Berichterstattung verfolgt. Allerdings wird einzelnen Menschen mit hoher Problembelastung – etwa Anerkennungsmangel, schwache soziale Einbindung, Kränkbarkeit und Gefühle von Ausweglosigkeit – derzeit in den Medien verdeutlicht, wie sie erhebliche subkulturelle Anerkennung und mediale Aufmerksamkeit erringen können. Die durch Massenmedien vermittelten Inhalte werden mit bereits bestehenden Gewaltphantasien verknüpft, in einigen wenigen Fällen erheblich angeregt und letztlich tatsächlich realisiert.

Manche Taten finden in einer Art Grenzbereich zwischen Terrorismus und Amoklauf statt. Wie stufen Sie diese Verbrechen ein?
ROBERTZ: Für mich als Kriminologen steht ein derartiges Etikett nicht im Mittelpunkt der Tatanalyse. Den Tätern ist gemeinsam, dass sie neben der genannten Problemballung und intensiven Gewaltphantasien in aller Regel ihre Tat als letzten Ausweg sehen, um ein individuelles Ziel zu erreichen. Die Tatausgestaltung und die beabsichtigten Opfer korrespondieren dabei mit von ihnen erlebten Missständen. Sie werden in der Phantasie dann mit Inhalten aus vorangegangenen Taten vermischt. Letztlich ergibt sich so eine individuelle Tatplanung, die zwar von persönlichen Bedürfnissen geprägt ist, aber oft nicht sinnvoll in eine bestehende Schublade passt. Wir sprechen in der Kriminologie daher meist eher von „schweren zielgerichteten Gewalttaten“.

Taten wie Schul-Amokläufe treten oft in „Wellen“ auf. Was treibt Trittbrettfahrer oder Nachahmer an?
ROBERTZ: Trittbrettfahrer sind Menschen, die an der Handlungsmacht des Täters teilhaben wollen, ohne selbst jemandem direkt zu schaden. Sie streuen vielleicht Gerüchte oder machen leere Drohungen und freuen sich, wenn etwa die Polizei gezwungen ist, zu reagieren. Die Handlungen dieser Menschen sind sehr ärgerlich, da sie die Arbeit der Helfer behindern – sie fungieren aber nicht selbst als Gewalttäter.

Im Gegensatz zu Nachahmern?
ROBERTZ: Ja, Nachahmungstäter lassen eigene Gewaltphantasien durch vorangegangene Taten anregen. Ihre eigene Tatausführung zeigt deutliche Elemente von zuvor bekannt gewordenen Fällen. Sie imitieren Tatbewaffnung, Tatkleidung, Aussagen oder bildliche Darstellungen. Leider ist die Berichterstattung oft so explizit, dass es Nachahmungstätern gelingt, solche Details wahrzunehmen und selbst zu verwenden. Oft wollen Sie mit einer solchen Tat ihre Handlungsmacht demonstrieren und einen subjektiv erlebten Missstand mit der Ausübung von Gewalt auflösen.

Gilt das auch für Terroristen mit politischer oder religiöser Botschaft? Etwa für die Täter, die sich zum IS bekennen?
ROBERTZ: Davon müssen wir ausgehen. Die Inhalte der Berichterstattung erlauben möglichen Tätern auch die Erkenntnis, womit sich am besten Angst verbreiten lässt. Es ist auch durchaus möglich, dass wir gerade einen Wechsel der typischen Tatvorgehensweisen erleben. Vielleicht verschieben sich die typischen Ziele jugendlicher Gewalttäter weg von Schulen und hin zu einer religiösen Verbrämung oder öffentlichen Zielen wie Einkaufszentren und Veranstaltungen. Die eigentlichen Ursachenbündel dürften allerdings sehr ähnlich bleiben.

Welche Rolle spielt die mediale Berichterstattung?
ROBERTZ: Eine unterstützende Rolle. Sie macht Informationen zugänglich, die potentielle Täter anregt, ihre Tat tatsächlich umzusetzen. Auch werden die heroisierten Selbstdarstellungen der Täter oft gesendet oder gezeigt und deren Wünsche somit auch noch erfüllt. Das heißt aber nicht, dass man gar nicht berichten sollte. Die Gefahr einer Aushöhlung der Pressefreiheit durch Vorzensur wäre hochproblematisch. Allerdings ist die Frage, wie berichtet werden sollte.

Das Interesse ist groß, die Berichterstattung auch. Wie beurteilen Sie das? Sollte man Fotos der Täter zeigen? Ihre Namen nennen?
ROBERTZ: Diesbezüglich sind unsere Erkenntnisse ziemlich eindeutig. Besonders wichtig ist es, Täter nicht detailliert als machtvolle Personifikation des Bösen zu schildern, sondern ihre Schwächen darzustellen und auf die Folgen statt auf den Täter zu fokussieren. Medien sollten definitiv Täterfotos verpixeln, Namen anonymisieren und die real immer sehr komplexen Motivlagen nicht unzulässig vereinfachen, weil sich potentielle Nachahmungstäter sonst besser mit dem Täter identifizieren könnten.
 

Zur Person

Prof. Dr. Frank J. Robertz ist Kriminologe und Sozialwissenschaftler. Er lehrt an der Fachhochschule der Polizei des Landes Brandenburg. Robertz hat etliche Studien zu jugendlichen Gewalttätern und Amokläufern veröffentlicht. Dieses Jahr erschien das von ihm mitherausgegebene Buch „Die mediale Inszenierung von Amok und Terrorismus“.

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