Experte Bandelow: Angst zu schüren, dient dem Machterhalt

|
„Ängste haben nicht zugenommen, sie werden heute nur schneller und offener thematisiert“, sagt Borwin Bandelow.  Foto: 

Ob Finanzkrise, Naturkata­strophen oder Terroranschläge: Wann immer die Deutschen es mit der Angst zu tun bekommen, ist Borwin Bandelow (65) einer der gefragteste Interviewpartner. Mit zahlreichen Veröffentlichungen, TV-Auftritten und Vorträgen hat der Göttinger Psychiatrie-Professor  diesen dunklen Seelenzustand ins Licht gerückt. Das will er auch weiter tun, obwohl er seit kurzem im Ruhestand ist. Apropos Alter: Jenseits der 55 gehen Bandelow zufolge Ängste, die letztlich eine Art Übererregung seien, spürbar zurück, weil sich die dafür zuständigen Rezeptoren abnutzen. Mehr noch. „Es gibt Studien, die zeigen: Mit 82 Jahren kann man, wenn man bei guter Gesundheit ist, wieder so unbeschwert sein wie mit 18.“

Herr Bandelow, wenn Sie die Ängstlichkeit der Deutschen auf einer Skala von 1 bis 10 einordnen sollten: Wo landen wir?

Vielleicht bei 6. Die Deutschen sind etwas ängstlicher als der Durchschnitt, haben ein größeres Bedürfnis nach Sicherheit. Auffallend ist, dass kaum ein Volk so viel Geld für Versicherungen ausgibt, auch die Leidenschaft fürs Sparen entspringt  letztlich einem Gefühl der Ängstlichkeit, ebenso der Wunsch, dass es für möglichst alle Lebensbereiche feste Regeln, Gebote und Verbote geben sollte.

Woher kommt das?

Meine Theorie ist, dass hier ein Nord-­Süd-Gefälle existiert. Die Menschen, die vor hunderttausenden von Jahren aus
Afrika Richtung Norden gezogen sind, haben in unseren Breiten eine unwirtliche Gegend vorgefunden, in der sechs Monate im Jahr nichts wuchs,  sodass die Gefahr bestand zu verhungern und zu erfrieren. Ein Terrain für ängstliche Bedenkenträger, die Nahrungsmittel gehortet haben, um die karge Zeit zu überstehen. Die Unbekümmerten hingegen sind verhungert und erfroren.

Wir sind also die Nachfahren dieser Bedenkenträger.

So ist das, und je weiter nördlich Sie kommen, desto ausgeprägter finden Sie diese Eigenschaft.

Was versteckt sich denn hinter dem Begriff der „German Angst“?

Dieser Begriff ist viel jünger. Er stammt aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Damals meinte er die Angst der Deutschen vor dem Wiederaufkommen des Nationalsozialismus. Heute wird er verwendet, um uns als besonders ängstlich darzustellen. George Bush etwa hat diesen Ausdruck mit der Absicht gewählt, den Deutschen Feigheit vorzuwerfen, weil sie nicht am Irak-Krieg teilnehmen wollten.

Er hat diesen Begriff also politisch instrumentalisiert.

Ja, obwohl sich die Weigerung später als sehr klug und berechtigt herausgestellt hat angesichts der Entwicklungen und Probleme, die sich durch diesen Krieg ergeben haben.

Haben die Deutschen mehr oder weniger Angst als früher?

Wir müssen zwei Arten unterscheiden: Zum einen gibt es Angsterkrankungen. Dazu zählen etwa Phobien, Panikattacken und die generalisierte Angststörung, von der wir sprechen, wenn ein Mensch unentwegt darüber grübelt, was alles passieren könnte. Etwa 15 Prozent der Bevölkerung leiden an einer Angsterkrankung, die sich sehr gut mit einer kombinierten Verhaltens- und medikamentösen Therapie behandelt lässt. Auf der anderen Seite stehen die realen, berechtigten Ängste – vor einem Autounfall, vor Krankheit, vor dem Tod. Weder das eine noch das andere hat tatsächlich zugenommen, es wird heute nur schneller und offener thematisiert.

Die Krankenkassen sagen, es gebe heute deutlich mehr Angsterkrankungen, weil die Belastungen im Beruf steigen.

Früher haben es die Ärzte vermieden, in den Krankschreibungen psychiatrische Diagnosen aufzuführen – weil ihnen das selbst unheimlich war oder sie mit den Patienten nicht über deren Seelenlage sprechen wollten. Statt Angsterkrankung stand da dann etwas von psychovegetativer Erschöpfung und ähnliches Geschwurbel.

Welche Funktion erfüllt Angst?

Ohne Angst würden wir nicht lange existieren. Sie leitet uns jeden Tag elegant durchs Leben. Wenn wir mit dem Rad oder dem Auto zur Arbeit fahren, achten wir, ohne darüber nachzudenken, die ganze Zeit darauf, dass wir nicht bei Rot über die Ampel preschen oder nicht von einem 20-Tonner erwischt werden. Situationen dieser Art gibt es viele, bis wir abends wieder ins Bett gehen.

Wie reagiert der Körper auf Angst?

Wenn wir uns bedroht fühlen, erleben wir Symptome wie Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Luftnot und Blässe. Das ist eine Kampf- oder Fluchtreaktion. Der Körper soll vor drohendem Unheil geschützt werden. Blut wird in die Beine und Arme gepumpt, damit wir schneller weglaufen oder kämpfen können.

Ab wann ist Angst krankhaft?

Wenn sich jemand die Hälfte des Tages Sorgen macht oder über seine Ängste nachdenkt, wenn Arbeit, Familie oder Freizeit darunter leiden oder man im Übermaß Alkohol oder Beruhigungsmittel zu sich nimmt, um die Angst auf Abstand zu halten, dann ist das krankhaft.

Woher kommt krankhafte Angst?

50 Prozent sind Vererbung und 50 Prozent Umweltfaktoren – etwa Trennungen  in der Kindheit, sexueller Missbrauch oder andere traumatische Erlebnisse. Wobei es auch das gegenteilige Phänomen gibt: Menschen im Krieg oder auf der Flucht haben kaum Zeit, über ihre Lage nachzudenken, weil sie alle ihre Energie dazu verwenden, um zu überleben. Sie werden auf diese Weise verblüffend resistent gegen Angst.

Die Deutschen fürchten sich am meisten
vor Terrorismus, Extremismus und Spannungen durch den Zuzug von Ausländern.
Die Angst vor einer schweren Erkrankung folgt erst auf den hinteren Plätzen.
Glauben Sie das?

Es kommt immer darauf an, was zur Zeit der Umfrage das bestimmende Thema ist. Jetzt ist es der Terror, mal ist es die Überforderung durch Flüchtlinge, mal sind es Naturkatastrophen. Das ist permanent in Bewegung. Denken Sie an das Atomunglück von Fukushima: In den ersten vier Wochen konnte ich mich vor Interviewanfragen kaum retten, dann brach das Interesse abrupt ab, obwohl die Gefahr absolut nicht gebannt war. Trotzdem wollte keiner mehr etwas davon  hören.

Wann sind Ängste besonders groß?

Wenn etwas unbeherrschbar erscheint, ob das nun ein Atomunglück ist, der Flüchtlingszustrom oder ein Terroranschlag mit 50 Toten. Dabei sind im gleichen Jahr womöglich mehr als 50 Menschen  auf einem Elektrofahrrad ums Leben gekommen. Davon redet keiner, mehr noch: E-Bikes werden überall gelobt. Wussten Sie, dass jedes Jahr in Deutschland 300 Menschen sterben, weil sie einen Kugelschreiber verschlucken? Das hält uns nicht davon ab, damit zu schreiben. Oder nehmen Sie die vielen Toten und Verletzten durch Autounfälle. Das blenden wir völlig aus.

Wodurch passiert das?

Schlichtweg durch Gewöhnung. Wenn sie zu unserem Alltag gehören, nehmen wir gewisse Gefahren kaum noch als solche wahr. Das gilt zum Beispiel auch für die vielen Haushaltsunfälle mit jährlich etwa 9000 Toten, daran denken Sie auch nicht, wenn Sie sich ans Kartoffelschälen machen.

Zurück in die Politik: Wer ist empfänglich für Angstkampagnen, wie sie etwa die AfD während der Flüchtlingskrise geführt hat? Welche Instinkte werden da angesprochen?

Es gibt einerseits den intelligenten, vernunftbetonten Teil des Gehirns, der uns sagt, dass das Fremde durchaus eine Berei­cherung sein kann. Und dann gibt es ein primitives System, das aus der Höhlenmenschenzeit stammt und der Intelligenz auch nicht zugänglich ist.

Welche Funktion hatte dieses System?

In dieser Zeit waren wir noch in Stämmen organisiert, und da war es ein Überlebensvorteil, für den eigenen Stamm
alles zu tun und die anderen Stämme blutig zu bekämpfen, damit sie einem nicht das Gebiet, die Nahrung oder die Frauen wegnahmen. Besonders empfänglich für Angstkampagnen sind also Menschen, die eher diesem Grundgefühl folgen, statt harte Fakten gelten zu lassen. Im schlimmsten Fall führt das zu brennenden Flüchtlingsheimen oder dazu, dass Afrikaner auf offener Straße zusammengeschlagen werden.

Spielt also der Bildungsstand eine Rolle?

Nein, Hetzer finden sich selbst unter Professoren. Und andersherum gilt: Auch Menschen mit geringer Bildung setzen sich für Flüchtlinge ein – aus Courage und Menschlichkeit.

Was können Politiker tun, um Hetze zu entschärfen?

Das primitive Gehirn, ich nenne es auch das Xenophobie-Gehirn, kennt keine intellektuelle Sprache. Deshalb hilft es wenig, wenn Politiker Fakten predigen. Überzeugen lässt sich dieses Gehirn durch Taten. In diesem Fall heißt das: Wer Fremdenfeindlichkeit abbauen will, muss Begegnungen mit Flüchtlingen herbeiführen, so wie Sie den Spinnenphobiker nur kurieren können, wenn er das Objekt seiner Angst berührt.

Was ist der häufigste Fehler, den Politiker hier machen können?

So zu tun, als gäbe es überhaupt keine Probleme mit Flüchtlingen oder sie zu bagatellisieren. Dann wird man komplett unglaubwürdig und treibt den Populisten die Wähler zu.

Mit welchem Thema gelingt es besonders gut, Angst zu schüren?

Der Feind von außen ist schon das beliebteste Motiv: Bei Hitler waren es die Juden, bei Trump sind es die Mexikaner und Moslems und bei Erdogan ist es die Gülen-Bewegung. Letztlich soll verdeckt werden, dass vieles im eigenen Land nicht läuft. Das schweißt die Menschen zusammen und dient dem Machterhalt des Stammesfürsten nach dem Motto „Da gibt es eine Riesengefahr, aber ich werde euch davor schützen“. Das Ganze folgt stets der gleichen Logik: Man baut künstlich eine Angst auf, für die man dann eine  Lösung verspricht.

Ängste können aber auch zu Fortschritten führen: Ausstieg aus der Atomenergie, Klimabündnisse gegen die Erderwärmung, Abrüstungsinitiativen.

Ja, Angst kann auch ein unglaublich positiver Motor sein – nicht nur in der Politik, auch in Kunst und Wissenschaft. Künstler und Wissenschaftler haben oft Angst, andere könnten besser sein als sie selbst, und das spornt natürlich an.

Wenn man sich, so wie Sie, ein ganzes Berufsleben lang mit der Angst beschäftigt:
Ist das nicht ziemlich belastend?

Nein, im Gegenteil. Wenn Sie tausende Male erleben, dass Sie einem verzweifelten Menschen helfen können, weil Angststörungen sehr gut therapierbar sind, dann ist das ein phantastisches Gefühl.

Sind Sie selbst ein ängstlicher Menschen?

Sagen wir, ich bin ein vorsichtiger Mensch, aber eben auch einer, der weiß und weitergeben will: Es gibt für viele Probleme eine gute Lösung, wenn man sich ehrlich mit ihnen auseinandersetzt.

Borwin Bandelow war Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen und ist Vorsitzender der Gesellschaft für Angstforschung. Der Experte für Angsterkrankungen hat mehrere psychologische Bücher geschrieben und hält Vorträge zu allen Themen, die die Seele des Menschen betreffen.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Sicherheit: Sonderkommission jagt Einbrecher

Die Polizei beiderseits der Donau verstärkt ihren Kampf gegen Wohnungseinbrüche. Das Präsidium in Kempten hat jetzt eine Sonderkommission dauerhaft eingerichtet. weiter lesen