Erdogan sucht den Schulterschluss mit Putin

Nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch türkische Raketen war es schlecht bestellt um die Beziehungen beider Länder. Das soll sich nun ändern.?

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Wladimir Putin war einer der ersten, die nach dem Putschversuch in der Türkei Erdogan ihre Unterstützung zugesagt haben.  Foto: 

Im Westen hat der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan wegen seiner despotischen Anwandlungen kaum noch Freunde. Jetzt wendet er sich Wladimir Putin zu. Dem sind die Avancen aus Ankara willkommen: Putin sieht wohl die Chance, einen Keil zwischen die Türkei und die Nato zu treiben. Erdogan muss sich fragen, ob das wirklich im Interesse seines Landes ist. Eine politische Wesensverwandtschaft der beiden Präsidenten ist zwar nicht zu übersehen. Und beide Länder haben tatsächlich in einigen Bereichen auch gemeinsame Interessen. Aber am Ende könnte die Türkei den Kürzeren ziehen.

Eigentlich wollte Erdogan schon im Dezember 2015 nach Sankt Petersburg fliegen, um Putin zu treffen. Doch nachdem Ende November die türkische Luftwaffe einen russischen Kampfjet im syrischen Grenzgebiet abgeschossen hatte, sagte Putin das Treffen ab. Jetzt wird es nachgeholt: Am 9. August reist Erdogan nach Sankt Petersburg. Möglich wurde das, nachdem sich der türkische Präsident Ende Juni für den Abschuss entschuldigt hatte. Russland hob daraufhin nicht nur die verhängten Wirtschaftssanktionen gegen Ankara auf. Auch politisch kommt man sich näher: Am Putsch-Wochenende war Putin einer der ersten ausländischen Staatschefs, der sich mit Erdogan verbinden ließ und ihm Russlands Unterstützung zusicherte.

Eine erstaunliche Wandlung. Nach dem Abschuss hatte Putin vom „Dolchstoß eines Terror-Komplizen“ gesprochen – gemeint war Erdogan. Von der türkischen Regierung sprach der russische Präsident als einer „Bande“. Erdogans Familie verdiene am Öl-Schmuggel der IS-Terrormiliz, so ein Vorwurf Putins. Jetzt hört man versöhnliche Töne. Es werde bei dem geplanten Treffen „mehr als genug Themen“ geben, freut sich Kremlsprecher Dmitri Peskow. Russland sei „nicht nur unser enger und freundlicher Nachbar, sondern auch ein strategischer Partner“, erklärte der türkische Vizepremier Mehmet Simsek diese Woche in Moskau.

Kritik an den Säuberungen, mit denen Erdogan derzeit gegen mutmaßliche Verschwörer, politische Gegner und Kritiker vorgeht, hat Erdogan von Putin nicht zu erwarten. Russland gewähre „bedingungslose Unterstützung“, berichtete der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu. Alexander Baunov, außenpolitischer Experte des Moskauer Carnegie-Zentrums, sieht bereits den Beginn einer Allianz der beiden Länder „mit einer Ideologie gemeinsamer Werte in einer Union der vom Westen Betrogenen“.

Die Türkei hofft vor allem wirtschaftlich von der Annäherung zu profitieren. Die nach dem Abschuss verhängten Importverbote und vor allem der russische Reise-Boykott hatten die türkische Wirtschaft schwer getroffen. Nützen könnte es der Türkei auch, wenn Russland die Pläne zum Bau einer Gaspipeline durch das Schwarze Meer und Anatolien nach Südosteuropa wieder reaktiviert. Hier überschneiden sich die Interessen beider Länder: Russland sucht Abnehmer für sein Erdgas, die Türkei könnte ihre Rolle als Energie-Drehscheibe stärken.

Es gibt weitere Gemeinsamkeiten, so im Kampf gegen den IS-Terror, aber auch gegenüber dem Iran, dessen wachsenden Einfluss Russland und die Türkei eingrenzen wollen. Andererseits sind beide Völker seit Jahrhunderten Rivalen im Nahen Osten. Das zeigt sich aktuell im Syrienkrieg, wo Ankara auf den Sturz des von Moskau gestützten Assad-Regimes hinarbeitet, oder im Kaukasuskonflikt – Russland unterstützt Armenien, die Türkei hingegen Aserbaidschan.

So bahnt sich wohl keine Freundschaft, sondern eher ein Zweckbündnis an. Eine Zukunftsperspektive eröffnet sich daraus für die Türkei nicht. Selbst wenn der Handel mit Russland wieder aufblüht, kann er die engen Wirtschaftsbeziehungen der Türkei zum Westen niemals ausgleichen. Und ebenso wenig kann Russland für die Türkei den Nato-Schutzschild ersetzen.

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