Eine Frage des Geldes

Ohne Jobpause zum Kind: In China haben sich hunderte Agenturen auf die Vermittlung von Mietmüttern spezialisiert. Besonders für arme Frauen aus der Provinz ist das Angebot, ein Kind auszutragen, interessant.

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Nicht alle Chinesinnen haben Zeit für eine Schwangerschaft. Um trotzdem Kinder zu bekommen, buchen sie eine Leihmutter. Foto: afp

Neun Monate sind eine lange Zeit. Zu lang jedenfalls für Frau Zheng. Die 37-jährige Pekingerin, Managerin bei einer internationalen Fondsgesellschaft, wünscht sich zwar sehnlichst Familie, doch die Mühen einer Schwangerschaft schrecken sie ab. "Der Wettbewerb in unserer Branche ist sehr hart, und wenn ich mehrere Monate aussetze, übernimmt jemand anderes meinen Job", sagt Zheng. Für ein Kind alles aufzugeben, wofür sie hart gearbeitet habe, komme für sie nicht in Frage. "So gerne ich auch Mutter werden möchte, aber eine Schwangerschaft kann ich mir einfach nicht leisten."

Nach langen Diskussionen haben Zheng und ihr Mann eine Lösung für ihr Dilemma gefunden - eine Lösung, die in der Gedankenwelt einer Managerin geradezu naheliegend erscheinen muss: Sie wollen die Schwangerschaft outsourcen. Seit einigen Wochen suchen sie nach einer Leihmutter. Eine Vermittlungsagentur, die sie im Internet gefunden haben, hat ihnen bereits mehrere Kandidatinnen vorgestellt, doch bisher hat keine Bewerberin Zhengs Ansprüchen genügt. "Ich möchte jemanden, dem ich absolut vertrauen kann", sagt sie. "Ich muss sicher sein, dass die Leihmutter während der Schwangerschaft tut, was ich von ihr verlange."

Für die neun Monate soll die Mietmutter in eine kleine Wohnung in der Nähe ziehen, damit die Zhengs kontrollieren können, dass sie sich gut ernährt, nicht überanstrengt und viel klassische Musik hört. Nach der Geburt soll sie ein Honorar bekommen, das mehreren chinesischen Durchschnittsgehältern entspricht, und dann aus Zhengs Leben verschwinden.

Zhengs Vorhaben gilt unter wohlhabenden Chinesen nicht als besonders ungewöhnlich. Leihmütter und ihre Vermittler stellen in China inzwischen einen eigenen Dienstleistungszweig dar - und sorgen landesweit für hitzige Debatten, in welchen Fällen es erlaubt oder verboten sein sollte, eine Schwangerschaft einer anderen Frau zu übertragen. Denn anders als in westlichen Ländern, wo Paare sich in der Regel nur an Leihmütter wenden, wenn sie selbst kein Kind bekommen können, stehen in China häufig Bequemlichkeitserwägungen im Vordergrund - oder aber das Kalkül, die Ein-Kind-Politik zu umgehen.

Mehr als 25 000 Kinder sind in China bereits von Leihmüttern auf die Welt gebracht worden, schätzt die Zeitung "Southern Metropolis Weekly" und geht davon aus, dass die Zahl schnell steigt, besonders in diesem Jahr, das im Zeichen des Drachens steht und als besonders glückverheißend gilt. Zwischen 400 und 500 Vermittlungsagenturen bieten im Internet ihre Dienste an, so ein Bericht der "Xinmin Weekly".

Das Anforderungsprofil an Leihmütter ist klar definiert. "Sind Sie weiblich, jünger als 32 Jahre und größer als 156 Zentimeter?", heißt es etwa in einer Stellenanzeige auf der Webseite der Vermittlungsagentur "Daiyunwang". "Haben Sie keinerlei gesundheitliche oder psychische Probleme und einen guten Charakter? Waren Sie in den letzten zwei Jahren nicht schwanger?" Chinesischen Medienberichten zufolge können Leihmütter mit einer Schwangerschaft umgerechnet 12 000 bis 40 000 Euro verdienen. Für Frauen aus ärmeren Gebieten ist das ein äußerst lukratives Angebot, denn das durchschnittliche Einkommen auf dem Land würde in neun Monaten bei knapp über 500 Euro liegen, und selbst mit einem Fabrikjob und vielen Überstunden können sie kaum mehr als 3000 Euro verdienen.

Eltern wie Leihmüttern verspricht Daiyunwang, dass der gesamte Prozess von der Befruchtung im Reagenzglas bis zur Geburt in "einem der besten und professionellsten Krankenhäuser Chinas" stattfinden werde. Dabei sind derartige Angebote genaugenommen illegal, denn der Handel mit befruchteten Eiern ist in China bereits seit 2001 verboten. Doch da die Behandlungen viel Geld versprechen, fragen die Krankenhäuser nicht genau nach, woher die Ei- und Samenzellen kommen. Auch bei den Meldebehörden haben die Agenturen meist Vertrauensleute sitzen, die dafür sorgen, dass die leiblichen Eltern nach der Geburt ihr Kind problemlos adoptieren können.

Zwar ist das Geschäftsmodell nicht neu. Doch in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geriet es erst im vergangenen Herbst durch den Fall einer wohlhabenden Familie im südchinesischen Guangzhou, die innerhalb eines Monats acht Kinder bekommen hatte. Das Ehepaar hatte in einem Krankenhaus acht Eier befruchten lassen. Drei davon ließ sich die Frau selbst einpflanzen, die anderen wurden auf zwei Leihmütter verteilt. 100 000 Euro soll das Paar für die Behandlung bezahlt haben - und unerwarteterweise wuchsen alle acht Embryonen zu gesunden Kindern heran.

Bekannt wurde die Riesenfamilie, als sie sich in einem Fotostudio ablichten ließ und die Fotografen das ungewöhnliche Bild heimlich für eine Werbekampagne einsetzten. Chinesische Medien berichteten, wie sehr die Familie das Gegenteil des typischen chinesischen Ein-Kind-Haushalts darstellt: Die vier Jungen und vier Mädchen werden von acht Kindermädchen und drei Haushälterinnen betreut. Die monatlichen Kosten für Gehälter, Windeln und importiertes Milchpulver sollen rund 10 000 Euro betragen.

Die Reaktionen waren heftig. "Kinder zu bekommen ist heute ein luxuriöses Hobby für Reiche" echauffierte sich ein Blogger, ein anderer monierte: "Es ist ungerecht, dass sich die Mehrheit der Menschen an die Familienplanungspolitik halten müssen, aber einige davon profitieren, dass man mit modernen Technologien Mehrlingsgeburten hervorrufen kann." Die hochoffizielle Volkszeitung kritisierte: "Damit wird die traditionelle Bedeutung von Elternschaft völlig auf den Kopf gestellt."

Einige Kritiker sehen im Boom des Leihmuttergeschäfts ein grundlegendes soziales Problem. "Was treibt Frauen dazu, ihre Gebärmutter herzugeben, um das Kind einer anderen Frau auszutragen?" fragt die Zeitung China Daily und gibt selbst die Antwort. "In den meisten Fällen handelt es sich um Frauen mit finanziellen Problemen." Da das Geld der entscheidende Faktor sei, müsse man von wirtschaftlicher Ausbeutung sprechen, wenn nicht gar von einer neuen Klassenbildung: "Arme Frauen vermieten ihre Gebärmutter an die Reichen."

Finanzmanagerin Zheng lässt sich auf solche Diskussionen nicht ein. Sie sieht ihren Plan, eine Leihmutter anzustellen, rein rational und ökonomisch. "Wenn es Frauen gibt, die sich für eine Mietschwangerschaft anbieten, dann sollte man das nicht verbieten", sagt sie. "Das ist einfach eine Sache von Angebot und Nachfrage."

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