Ein Zwerg gibt den Ton an

Beim letzten Arabischen Gipfel 2010 in Sirte verspottete Libyens Gaddafi Katars Emir noch wegen seiner Leibesfülle. Inzwischen gilt das kleine Land am Persischen Golf als diplomatische Großmacht in der Region.

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"Sing, Jassir, sing", ruft es aus dem Inneren des Zeltes. Über dem offenen Feuer knistern die Kaffeebohnen. Die rote Glut spiegelt sich in den Gesichtern, Rauch beißt in die Augen, von Ferne meckern ein paar Ziegen. Und Jassir singt - rau und tief ertönt die Stimme des alten Beduinen. "Nimm Kaffee, misch Gewürz hinein - und reich ihn den Männern hoch zu Ross."

Ein altes Kriegerlied aus der Wüste, wo die Zeremonie des Kaffeemachens seit alters her Männersache ist. So auch an diesem Abend eine Autostunde vor den Toren von Doha, der Hauptstadt Katars. Besitzer der 60-Hektar-Farm, auf der Jassir, ein Syrer aus Homs, und 27 ägyptische Fellachen die Felder bestellen, Rosen züchten und Schafe hüten, ist Mohammed Attiya. "Hier bin ich ein anderer Mensch", sagt er, der mit 15 Geschwistern in der Provinz Al-Rayyan aufwuchs.

In der katarischen Hauptstadt bekannt geworden ist Mohammed Attiya durch seine Majlis, ein Salon der offenen Tür, wo Abend für Abend einflussreiche Herren auf bequemen Polstern bei Kaffee, Tee, Datteln und Gebäck zusammen sitzen, um zu plaudern - über das nächste Kamelrennen, die letzte Auslandsreise oder die jüngsten Geschäfte. Die Woche über dirigiert der Vater von sieben Kindern in Doha seine drei Baufirmen, seine sechs Supermärkte sowie die Redaktion seines Lifestyle-Magazins "Die Perle". An den Wochenenden aber zieht es ihn hinaus aufs Land ins Beduinenzelt - auf dem Boden sitzen, rauchen, den Nachthimmel mustern und an der freien Luft schlafen.

Wie viele Kataris trägt der 45-Jährige zwei Seelen in seiner Brust - die Sehnsucht nach dem einfachen, beschaulichen Leben seiner Jugend und die Faszination des rasanten, neuen Katars, das dank Gas und Öl auf sagenhaftem Reichtum sitzt und 2022 als erstes muslimisches Land eine Fußball-Weltmeisterschaft ausrichtet.

Praktisch alles Moderne stammt aus den letzten 15 Jahren, seit Scheich Hamad bin Khalifa al-Thani seinen Vater mit einem unblutigen Putsch vom Thron stieß und seinen Landsleuten eine Blitzreise an die Spitze der Zukunft verordnete. In der Arabischen Liga gibt der Däumling im Persischen Golf inzwischen mit den Ton an.

Beim letzten Arabischen Gipfel im März 2010 in Sirte spottete Gastgeber Muammar al-Gaddafi noch öffentlich über den Bauch des fülligen Emirs von Katar. Grinsend posierte der libysche Despot da zusammen mit Ägyptens Husni Mubarak und Jemens Ali Abdullah Saleh in der ersten Reihe des Gruppenfotos. In dieser Woche beim Gipfel in Bagdad wird wohl Emir Hamad al-Thani ganz vorne stehen. "Kissinger Arabiens" nennen ihn seine Bewunderer. Lange Jahre primär auf Ausgleich und Vermittlung bedacht, hat Katar sich seit dem Arabischen Frühling zum aktiven politischen Akteur gewandelt. Gegen Gaddafi gehörte das Emirat zu den treibenden Kräften eines internationalen Eingreifens, schickte Waffen und Mirage-Jets in die Schlacht. Heute rührt es laut die Trommel für eine militärische Intervention gegen Syriens Baschar al-Assad.

Dabei ist Katar nicht gerade ein demokratischer Vorzeigestaat. Es hat weder ein Parlament, noch Parteien, weder eine Zivilgesellschaft noch eine unabhängige Justiz. Vielleicht wird 2013 zum ersten Mal ein Parlament gewählt, vielleicht auch nicht. Und wie beim Nachbarn Saudi-Arabien ist der wahhabitische Islam Staatsreligion, auch wenn dessen Klerus wenig zu melden hat, Frauen am Steuer sitzen und es keine Sittenpolizei gibt.

Mehr noch: Qatar ist stolz auf seine Widersprüche. Es beherbergt eine große US-Luftwaffenbasis genauso wie den Meisterdenker der Muslimbrüder, den 85-jährigen Ägypter Yusuf al-Qaradawi. Das von Ieoh Ming Pei gebaute Museum für Islamische Kunst ist in der arabischen Welt ohne Parallele. Auf dem Gelände der Katar-Foundation betreiben renommierte Universitäten aus Europa und den USA ihre Filialen. Junge Frauen und Männer studieren zusammen ohne islamistisches Kulturkampfgeschrei. Und beim Sport gibt mal die Tennis-Weltelite ihr Stelldichein, mal jagen 450-PS-Speedboote in der Lagune mit 240 Stundenkilometern um WM-Punkte. In drei Jahren wird hier die Handball-Weltmeisterschaft ausgetragen.

Die Öl- und Gasreserven Katars, so stellte jüngst ein Gutachten fest, sind nach heutigen Preisen 7,3 Billionen Euro wert. Der Bodenschatz gehört 230 000 Kataris, die umsorgt werden von 1,5 Millionen Gastarbeitern aus aller Welt. Eine Drittel-Gesellschaft nennen westliche Diplomaten das Emirat. Dem kleinsten Teil gehört das Land. Die Einheimischen zahlen keine Steuern, bleiben meist unter sich und gehören zu den reichsten Menschen der Welt. Das mittlere Drittel sind gut qualifizierte Ausländer. Sie führen die Firmen, wickeln die Geschäfte ab und halten die Wirtschaft am Laufen. Die weitaus größte Anzahl stellen die zehntausende Haushaltshilfen und hunderttausende Bauarbeiter, Taxifahrer und Kellner, untergebracht in Barackensiedlungen draußen vor der Stadt, zu sechst in engen Zimmern. Die Männer dürfen an Feiertagen nicht in die Shopping-Malls und schuften für magere Löhne, so lange das Thermometer nicht über 50 Grad Celsius steigt.

"In der großen Welt der Politik sind wir ein Zwerg - wenn wir keinen Einfluss suchen, werden wir keinen haben", erläutert Abdulhameed Alansari, pensionierter Professor für Islam und Mitglied beim "Gulf Research Center". Katar habe so wenig Einwohner, es könne für seine Sicherheit nicht auf Militär und Waffen setzen. Das "Katar-Rätsel", von dem viele Beobachter reden, ist für ihn keines. Sein Land folge keinem diplomatischen Masterplan. "Wir wollen uns einfach nur unentbehrlich machen, überall mitmischen und möglichst sichtbar bleiben", sagt Alansari.

Derweil ist es über Mohammed Attiyas Beduinenzelt dunkel geworden. Im Schein des Feuers wird das Essen aufgetragen - Hühnchen und Hammelfleisch, Leber, Reis mit Safran und Rosinen. Der Mond steht kaltweiß am Himmel, der Muezzin vom Dorfminarett ist verstummt. Mohammed Attiya hüllt sich in einem Mantel aus Kamelfell gegen die heranschleichende Kälte. "Zelt, Feuer, Tiere - das war unser Leben", sagt er. "Ich vermisse es sehr."

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Kommentare

27.03.2012 16:22 Uhr

Mal wieder ein Zahlendreher

In dem Artikel heißt es "Die Öl- und Gasreserven Katars, so stellte jüngst ein Gutachten fest, sind nach heutigen Preisen 7,3 Trillionen Euro wert." Das wäre das Millionenfache des US-Staatshaushalts. Und ist mal wieder auf Schlamperei der Redaktion zurückzuführen, die das amerikanisch-englische Trillion mit der deutschen Trillion gleichsetzt. Richtig wäre im deutschen 7,3 Billionen - der Millionste Teil des angegebenen Wertes. Weshalb passieren ihnen solche Dinge eigentlich so oft?

[i]Besten Dank für den Hinweis. Wir haben den Fehler korrigiert.
Online-Redaktion[/i]

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