Ein Verbrechen bringt den Schuldigen hinter Gitter und oft auch seine Nächsten ins Abseits

Kinder können ihren Eltern auch als Erwachsene große Freude machen: Beruflicher Erfolg, Heirat, Enkelkinder. . . Ulrike erlebte mit ihrem ältesten Sohn David in den vergangenen Jahren das Gegenteil.

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Ulrike ist eigentlich eine ganz normale Frau. 56 Jahre alt, der Pagenkopf ist leicht ergraut. Sie arbeitet als kaufmännische Angestellte. Ulrike redet fränkisch, ihr Lachen ist ansteckend. Sie hat drei erwachsene Söhne. Der Älteste, David, hat ihr Leben vor zehn Jahren komplett auf den Kopf gestellt.

Im Januar 2005 hat er einen Raubüberfall begangen. Zusammen mit einem Kumpel. David hatte eine Waffe und bedrohte damit die Kassiererin. Die Polizei stellte das Duo auf der Flucht. Es kam zum Showdown: David nahm seinen Komplizen als Geisel. Die Polizei konnte beide unverletzt festnehmen, sie landeten in Untersuchungshaft.

Davon hat Davids Familie zunächst nichts erfahren. Mutter, Vater und die zwei Brüder wussten eine Woche lang nicht, dass der damals 24-Jährige ein Verbrecher geworden war. David musste sich aus der Justizvollzugsanstalt nicht bei seinen Eltern melden, und tat es auch nicht. Die Eltern machten sich Sorgen um den Sohn, der in einer eigenen Wohnung lebte. Kurz vor dem Überfall habe er versucht, sich das Leben zu nehmen, sagt seine Mutter. Er wurde, wie sie sagt, zu Unrecht wegen sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Das belastete den jungen Mann schwer.

Von einem Kumpel haben die Eltern dann erfahren, dass ihr Sohn im Gefängnis sitzt. "Es ist, als wenn man den Boden unter den Füßen verliert", sagt Ulrike, die eigentlich anders heißt, wie ihr Sohn auch. Für sie kam eine so schwere Tat, trotz einer Vorstrafe wegen Ladendiebstahls "aus heiterem Himmel". Die Familie beantragte eine Besuchserlaubnis. Der Sohn stimmte dem Besuch in der Justizvollzugsanstalt (JVA) zu. "Es war die Hölle", sagt die Mutter über die erste Begegnung hinter Gittern. Sie habe nur geheult.

Wie nähert man sich einem Sohn an, der mit seiner Tat das ganze Leben der Familie verändert hat? Eine schwere Aufgabe. Ulrike schüttelt den Kopf, begreifen kann sie es bis heute nicht. Sie vermutet, dass David es gemacht hat, um an Geld zu kommen. Das war bei ihm, der damals eine Lehre machte, nämlich knapp. Seine neuen Freunde, die der Mutter bis heute nicht ganz geheuer sind, hatten Geld. Trotzdem - Ulrike zuckt ratlos mit den Schultern. Mehr sagt sie dazu nicht.

Sie erzählt von der Familie. Ganz leicht habe es David und seine ganze Familie nicht gehabt. Immer war zu wenig Geld da. Als David drei Jahre alt war, ließ sich seine Mutter vom ersten Mann scheiden. Zog mit ihm aus den USA nach Bayern. "Das soll aber keine Entschuldigung sein," sagt die Mutter. Scheidungskinder gebe es schließlich viele. Ihr zweiter Mann adoptierte den Jungen. David ist acht Jahre lang psychologisch betreut worden. Sonst sei alles in "geregelten Bahnen verlaufen". "Es war immer jemand für ihn da", sagt Ulrike.

Die Tat veränderte die Familie. Der mittlere Sohn habe jahrelang unter der Straftat seines Bruders gelitten. Der Jüngere, damals zwölf Jahre alt, reagierte dagegen ganz trocken: "Gott sei Dank ist er nur mein Halbbruder." Und das Umfeld? Es war nicht leicht raus zu gehen, zur Arbeit oder zum Einkaufen. "Ich dachte, es steht mir auf die Stirn geschrieben." Darüber reden wollte Ulrike zunächst nicht, aber verschweigen ließ sich so eine Geschichte auch nicht. Schwager und Schwägerin fanden, die Eltern hätten bei der Erziehung versagt. Nachbarn, Freunde und Kollegen reagierten unterschiedlich. Ihr Chef steht bis heute hinter ihr. Trotzdem: "Es hat sich gelichtet", sagt sie über ihr soziales Umfeld. "Die ganze Familie bekommt den Stempel aufgedrückt." Fühlt sie sich schuldig? "Man fragt sich die ganze Zeit, ob man mitschuldig ist." Sie beißt sich auf die Unterlippe, lächelt gequält.

Nach einem der ersten Besuche in der JVA hat Ulrike den Flyer einer Beratungsstelle für Angehörige von Straffälligen, dem "Treffpunkt" in Nürnberg, entdeckt. Sie rief an. "Das war ein Segen," sagt sie. Im "Treffpunkt" bekam die Familie Hilfe von Sozialpädagogen. Ulrike und ihr Mann traten einer Elterngruppe bei. Dort habe sie erkannt, dass "ganz normale Menschen genau dasselbe Problem haben".

Im Juni 2005, ein halbes Jahr nach der Tat, kam es zur Verhandlung. Die zwei Verhandlungstage erschienen Ulrike wie eine Ewigkeit. Als der Staatsanwalt die Anklage vorlas, kam es ihr so vor, als ob er über einen ganz anderen Menschen spricht. Das Urteil: neun Jahre und neun Monate Haft. David kommt nach Straubing ins Hochsicherheitsgefängnis. Dort sitzen auch Mörder und Vergewaltiger.

Fast zehn Jahre Haft lagen vor David und seiner Familie. Die Besuchszeiten sind kurz. Anfangs nur zwei Stunden im Monat. Maximal drei Familienmitglieder dürfen auf einmal kommen. Richtig reden können sie nicht, es sind immer Beamte dabei. Alle Briefe werden gelesen. Handy und E-Mail sind tabu.

David arbeitete und schaffte es, seine Schulden - fast 8000 Euro - abzubauen. Er schloss im Gefängnis eine Buchbinderlehre ab. Wechselte aber in die Bäckerei der Haftanstalt, weil er mit seinem Chef nicht klar kam, erzählt seine Mutter.

Die Besuche blieben immer hart für die Mutter. Auf den Rückfahrten redete sie selten, sie musste verarbeiten. Trotzdem, da ist sie sicher: "Man darf das Kind nicht fallen lassen." Sauer dürfe man schon sein. Mehr als einmal habe sie ihrem Sohn die Meinung gesagt. In Watte habe sie ihn nicht packen wollen.

Sie befürwortet die Haft als solche. Zu lasche Strafen führten zu einer höheren Kriminalität. Und dass die ganze Familie mitbestraft wird? "Das kann man nicht ändern."

David ist jetzt 34 und seit fast einem Jahr frei. Die Haftstrafe habe ihn verändert. Er sei kühler und misstrauischer geworden. Nicht der Familie, aber der Gesellschaft gegenüber. Er sucht jetzt Arbeit. Ulrike legt die Hände wie zum Gebet: "Ich hoff, dass er Arbeit kriegt." Ihre größte Angst ist, dass er wieder was anstellt. Ganz leise sagt sie: "Ich wüsste nicht, ob ich das nochmal durchstehen würde."

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