Ein Leben auf dem Pulverfass

Die ganze Republik hat die Bombensprengung in München verfolgt. Doch andernorts ist die Gefahr durch Blindgänger noch weit größer. Als "Stadt der Bomben" gilt Oranienburg an der Havel.

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Gefährlicher Schrott: 100 000 Blindgänger soll es in Deutschland geben, viele davon in Brandenburg. Foto: dpa

Oranienburg war gestern mal wieder nur schwer zu erreichen. Sperrkreise um zwei 250-Kilogramm-Bomben führten zum Ausnahmezustand, rund 6000 Einwohner mussten zeitweise ihre Wohnungen verlassen. Einer der gefundenen Sprengkörper ist nahezu baugleich mit jener Fliegerbombe, die am Dienstagabend in München kontrolliert gesprengt wurde.

Es gibt zwar keine Statistik darüber, wie viele schwere Bomben die Alliierten über Deutschland abgeworfen haben und wie viele davon explodiert sind. Experten gehen aber noch immer von rund 100 000 Blindgängern aus. Als am stärksten mit Bomben belastet gilt Brandenburg. In der Mark sind seit 1991 allein 73 000 Brandbomben und 15 000 Sprengbomben mit mehr als fünf Kilogramm geborgen und vernichtet worden.

Schwerpunkt der Luftangriffe war die Stadt Oranienburg nördlich von Berlin, wo seit Jahren Evakuierungen und Sperrungen von Straßen und Schienen zum Alltag gehören. Als "Stadt der Bomben" ist sie auch bekannt. Über 22 000 Brand- und Sprengbomben warfen alliierte Flugzeuge über Oranienburg ab - so viele pro Quadratkilometer Stadtfläche wie sonst nirgends in Deutschland. Ziele waren die zahlreichen Rüstungsbetriebe und zentrale Einrichtungen der SS. Die Alliierten hatten vermutet, dass in den teilweise unterirdischen Fabriken der Auerwerke und der Heinkel Flugzeug AG an der Entwicklung von Atomwaffen gearbeitet wurde. Für die Umsetzung der NS-Rüstungspläne mussten Häftlinge des KZ Sachsenhausen und Zwangsarbeiter schuften.

67 Jahre nach Kriegsende stecken rings um die Stadt noch Tausende Bomben im sandigen Untergrund, davon etliche Blindgänger, die mit einem extrem gefährlichen chemischen Langzeitzünder versehen sind. Dieser Bautyp war ursprünglich für eine Sprengung bis zu 24 Stunden nach dem Abwurf vorgesehen - um in deutschen Städten Panik auszulösen. Beim Aufprall sollte ein Glas mit Aceton zerplatzen, das wiederum ein Zelluloid-Plättchen zersetzt, welches einen Bolzen blockiert, der dann die Explosion auslöst. Doch bei vielen Bomben kam es nicht zur Zersetzung. Inzwischen ist das Zelluloid aber so spröde geworden, dass die Gefahr einer Selbstauslösung stetig wächst.

Bislang kam es in Oranienburg zu fünf Selbstdetonationen, die zu teils heftigen Verwüstungen führten. Bei einer Explosion Anfang der 90er Jahre gab es drei Verletzte. Für die heute rund 42 000 Einwohner ist es ein Leben auf dem Pulverfass: Wenn Experten "Bombenverdachtspunkte" untersuchen, müssen alle Anlieger ihre Wohnungen verlassen und es werden Sperrkreise gezogen. Für Suche, Entschärfung und Entsorgung der Bomben gibt das Land Brandenburg jährlich einige Millionen Euro aus. Der Bund trägt nur die Kosten für die Bergung von Wehrmachtsmunition. Brandenburg und Niedersachsen streben eine Gesetzesänderung an, der der Bundesrat bereits zugestimmt hat. Die Bundesregierung lehnt eine andere Finanzierung aber ab.

In Oranienburg zeigt sich immer wieder, wie schwierig die Arbeit für die Bombenräumer ist. Trotz über 350 Luftbildern mit knapp 2000 Verdachtspunkten, die von den Alliierten unmittelbar nach den Abwürfen gemacht wurden, war ein Drittel der bislang gesicherten Blindgänger gar nicht auf den Aufnahmen zu erkennen. Doch auch die Suche am Boden endet nicht zuverlässig mit dem Ergebnis "Entwarnung". Denn oft, berichtet ein Mitarbeiter einer Bergungsfirma, sind die elektromagnetischen Sonden durch alte Kabel, Rohre oder Eisenträger irritiert. Wie groß das Risiko einer Blindgänger-Explosion tatsächlich ist, geht aus einem Gutachten der Universität Cottbus für das Potsdamer Innenministerium hervor: "Eine Selbstdetonation in naher Zukunft ist als wahrscheinlich anzunehmen." Unmittelbar unter der Innenstadt und rings um den Bahnhof sollen noch immer über 300 unentdeckte Weltkriegs-Bomben liegen.

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