Ein Gespräch mit Antoine Leiris, der seine Frau im Bataclan verloren hat

|
Vorherige Inhalte
  • Antoine Leiris. 1/3
    Antoine Leiris. Foto: 
  • 
Eine grauenhafte Nacht: Am 13. November 2015 starben bei Terroranschlägen 130 Menschen in Paris. 2/3
    Eine grauenhafte Nacht: Am 13. November 2015 starben bei Terroranschlägen 130 Menschen in Paris. Foto: 
  • Unter den Opfern ist auch die 35-jährige Hélène. Zurück blieben ihr Mann Antoine Leiris und Sohn Melvil. 3/3
    Unter den Opfern ist auch die 35-jährige Hélène. Zurück blieben ihr Mann Antoine Leiris und Sohn Melvil. Foto: 
Nächste Inhalte

Antoine Leiris (35), dessen Frau in der Pariser Terrornacht starb, gibt uns wenige Tage, bevor sich das Ereignis jährt, von einem Hotelzimmer aus ein telefonisches Interview. Er ist in Deutschland, um Pressetermine wahrzunehmen und in Dresden den Literaturpreis „Hommage à la France“ für sein Buch  „Meinen Hass bekommt ihr nicht“ entgegenzunehmen. Das schmale Bändchen ist nicht nur in Frankreich ein Bestseller. Man kann es nicht lesen, ohne immer wieder Tränen in den Augen zu haben. Doch es ist nicht Antoines anrührender Abschied von seiner Frau Hélène, der die Lektüre zu etwas Besonderem macht, sondern seine beinahe trotzige Weigerung, sich von den Terroristen sein Denken und Fühlen diktieren zu lassen. Er und sein kleiner Sohn, so schreibt er, „werden nie in unser Leben von vorher zurückkehren. Aber wir werden uns kein Leben gegen diese Menschen aufbauen. Wir werden mit unserem eigenen Leben weitermachen.“

Monsieur Leiris, Sie führen  derzeit das Leben eines Globetrotters. Ihr Buch ist in 23 Ländern erschienen, in welche davon sind Sie bisher gereist?

Antoine Leiris: Ich bin Vater eines kleinen Sohns. Daher versuche ich, so wenig zu reisen wie möglich. Angesichts all der Einladungen könnte ich wohl einmal die Erde umrunden. Trotzdem war ich bereits in Großbritannien, in Spanien, in Italien, in Norwegen, in Japan und bin nun zum zweiten Mal in Deutschland.

Ich habe Ihr Buch auch wie die Chronik eines Abschieds von Ihrer Frau Hélène gelesen. Wie nahe fühlen Sie sich ihr heute noch?

Sie haben Recht, auch wenn es nicht wirklich meine Absicht war, eine solche Chronik zu schreiben. Ich wollte lediglich so aufrecht wie möglich meine Gefühle nach Hélènes Tod festhalten. Und zu dieser Zeit war sie noch jede Sekunde in mir und um mich herum. Das ist auch heute noch so. Manche sagen, dass der Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen mit der Zeit nachlässt. Ich habe diesen Eindruck nicht. Der Schmerz kommt immer wieder, lediglich die Abstände werden größer. Aber wenn er kommt, ist er so stark wie in den ersten Augenblicken.

Gibt es Momente, in denen Ihnen Hélène besonders fehlt?

Nein, das kann ich nicht sagen. Ihre Abwesenheit ist mir ständig bewusst und deswegen ist diese Abwesenheit eine Art Omnipräsenz. Es gibt nur Momente, wo mein Wunsch, sie wiederzufinden, besonders stark ist und ich mich isoliere, um in Gedanken bei ihr zu sein.

Wie geht es Ihrem Sohn?

Melvil geht es gut, er wird größer und ist ein fröhlicher Junge, der Geschichten und Musik liebt. Aber ich habe ihn nicht mitgenommen wie im Mai, als ich zum ersten Mal in Deutschland war. Ich hatte wegen meiner Termine keine Zeit, mich um ihn zu kümmern. Das hat ihn verstört. Seither lasse ich ihn bei seiner Großmutter in vertrauter Umgebung, wenn ich verreise. Das ist besser für ihn.

Warum haben Sie Ihr Buch unmittelbar nach dem 13. November geschrieben?

Weil die Worte da waren, sich mir aufdrängten, raus mussten, auch noch nach meiner ersten Reaktion auf Facebook. Ich war dermaßen aufgewühlt, es war für mich der beste Weg, mit meinen Gefühlen umzugehen, mich nicht völlig von ihnen überwältigen zu lassen. Und ich wollte diese Momentaufnahme, ich wollte festhalten, was ich in diesen Momenten erlebt und gefühlt habe, damit die Erinnerung sie später nicht verfälscht.

Sie haben damals auf Facebook den Mördern geschrieben: Ihr bekommt meinen Hass nicht! Viele Menschen haben Sie dafür bewundert. Stimmt dieser Satz heute noch?

Ja, das tut er. Dieser Satz reflektiertdie Entschlossenheit, mich und meinen Sohn nicht in die Spirale des Hasses hineinziehen zu lassen. Er steht auf dem Papier als ein Schutzwall, um den Hass, den ich instinktiv auch empfinde, niederzuhalten. Er hilft mir, der Versuchung des Hasses nicht nachzugeben, die schon allein deshalb groß ist, weil er meine Trauer betäuben könnte. Bloß habe ich Angst, dass ich mich von diesem Hass, sollte ich mich ihm hingeben, nie mehr befreien kann. Der Satz hilft mir, zu widerstehen, aber es bleibt ein täglicher Kampf mit mir selber. Es geht darum, mir und meinem Sohn die Möglichkeit eines Lebens zu erhalten, das nicht von diesem Gefühl dominiert wird, es geht um unsere Freiheit und um unser Glück.

Woher nehmen Sie die Kraft und wie sollten wir alle auf die Terrorbedrohung reagieren?

Das ist keine Frage der Kraft, sondern der Notwendigkeit. Ich bin ein Vater, ich nehme diese Verantwortung ernst. Ich will meinem Sohn die Chance geben, seinen eigenen Weg zu wählen, einen Weg, der nicht vorherbestimmt wird durch den Mord an seiner Mutter. Aber ich habe keine Antwort auf die Frage, wie wir alle reagieren sollten. Ich habe den Eindruck, dass in Frankreich viele Menschen den Politikern Versagen im Kampf gegen den Terror vorwerfen. Doch ob das nun stimmt oder nicht, es entledigt uns nicht unserer eigenen Verantwortung als Bürger. Wie wir trotz der Bedrohung zusammenleben, wie wir unsere Gesellschaft zusammenhalten, hängt von uns allen ab.

Haben Sie den Eindruck, dass sich das Leben in Paris verändert hat?

Ich empfinde das nicht so, obwohl sich ein Gefühl der Angst installiert hat. Das ist nachvollziehbar, verständlich, wir wissen, dass Paris eine bevorzugte Zielscheibe der Terroristen ist. Aber mich beeindruckt, wie die Menschen versuchen, trotz der Angst ihr Leben so normal wie möglich weiterzuleben, arbeiten, die Metro nehmen, ausgehen. Ich finde das bewunderungswürdig, die Pariser zeigen Größe und Stärke, jeden Tag. Sie stellen feigen Mördern, die ihnen mit Kalaschnikows in den Rücken schießen, ihren Mut entgegen. Und ihren Willen, den Kopf nicht einzuziehen.

Sie haben aufgehört, als Journalist zu arbeiten. Welche Zukunftspläne haben Sie?

Ich versuche, voranzugehen. Und ich möchte auch meinen Beruf wieder ausüben. Ich war Kulturjournalist. Weiterzugeben, zu beschreiben, was ein Kunstwerk, ein Theaterstück, ein Buch oder ein Film in einem hervorrufen, ist mir weiter ein Anliegen. Ich werde bestimmt wieder in diesem Bereich tätig werden.

Monsieur Leiris, wo und wie werden Sie den 13. November verbringen?

Das weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, dass ich diesen Tag mit Melvil verbringen will –  so normal wie möglich.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

52-Jähriger tötet Freundin und springt von Autobahnbrücke

Ein kreisender Hubschrauber hat am Mittwochabend im oberen Filstal für Aufsehen gesorgt. Ein 52-Jähriger hatte sich vom Maustobelviadukt in den Tod gestürzt. Zuvor hatte er im Landkreis Ludwigsburg seine Freundin getötet. weiter lesen