Ein Experiment der ganz besonderen Art

Die Gärten, die auf Brachflächen in der Stadt entstehen, sind keine privaten Refugien, sagt die Münchner Soziologin Christa Müller. Es geht darum, gemeinsam mit anderen Neues wachsen zu lassen.

|

Wie verbreitet ist das Gärtnern in der Stadt mittlerweile?

CHRISTA MÜLLER: Es gibt etwa 200 Gemeinschaftsgärten in Deutschland. Das ist keine riesige Zahl. Dennoch zeigt sich darin eine neue und möglicherweise bedeutende Dimension: Der Gemüseanbau ist eine Art Experimentierfeld dafür, wie sich Städte verändern können. Es geht um die Zukunft der Stadt.

Worin liegt der tiefere Sinn?

MÜLLER: Mit den neuen Formen des Gärtnerns werden städtische Räume geöffnet. Oft waren das vorher Brachflächen. Aus dem ausgemusterten Material der Konsumgesellschaft, aus alten Fenstern, Milchkartons oder Europaletten, werden Gemeinschaftsgärten mit Parzellen und Hochbeeten errichtet. Das sind neue Orte für die Natur und für alle, die in der Stadt mit Natur in Verbindung kommen wollen, und das gemeinsam mit anderen. Im urbanen Gärtnern zeigt sich auch ein Trend gegen die städtische Isolation, unter der viele Menschen leiden.

Wie sieht für Sie die Stadt der Zukunft aus?

MÜLLER: Städte sind mehr als Orte für immer neue Durchgangsstraßen und Shopping Malls. Stadt ist ein Lebensraum, in dem auch Pflanzen und Natur ein Zuhause finden. Die jüngeren Generationen verstehen Stadt nicht mehr als Gegenbild von Provinz, vom ländlichen Idyll. Urbane Gärtner wollen die Stadt-Land-Trennung der Industriegesellschaft produktiv unterlaufen. Das geht mit der ökologischen Umgestaltung der Gesellschaft einher.

Ist "Urban Gardening" mehr als ein kurzfristiger Modetrend?

MÜLLER: Sicher. Die Gärten sind eine Antwort auf viele ungelöste Fragen unserer Gesellschaft. Die neuen kreativen Lösungen sind häufig von den Internet-Praktiken des Tauschens und Teilens inspiriert. Und die jungen Gärtner wissen genau, wie man Ideen verbreitet. Es ist ein elementares Erlebnis zu sehen, wie Nahrung entsteht. In den Gärten wird das manchmal auch mit einem öffentlichen Dinner zelebriert.

Was geschieht da?

MÜLLER: Kürzlich war ich in Leipzig bei einem solchen Event. Dort haben Spitzenköche in einem Gemeinschaftsgarten gekocht und fast nur Produkte daraus verwendet. Es wurden Tische mit weißen Decken aufgestellt und das Gemüse kunstvoll angerichtet. Für die Köche eine Herausforderung, weil sie ein mehrgängiges Menü für 60 Leute unter freiem Himmel zubereitet haben.

Was wurde serviert?

MÜLLER: Die Köche verarbeiteten jede Menge Gemüse, das gerade reif war, etwa Fenchel und Mangold. Für die Fleischesser gab es ein Reh, das im Leipziger Stadtwald geschossen wurde. Zum Nachtisch wurde ein grünes Gurkensorbet auf Gartenkräutern gereicht. Sehr lecker.

Wie stehen die Initiativen zu Schrebergärten?

MÜLLER: Der größte Unterschied ist, dass sie sich nicht ins Private zurückziehen wollen. Die neuen Gärten sind keine Refugien. Auch geht es hier nicht um Privateigentum, sondern um gemeinschaftliche Bewirtschaftung. Alle sollen Zugang haben, und dieser Zugang ist gratis.

Info Christa Müller arbeitet bei der Stiftungsgemeinschaft "anstiftung und ertomis". Diese erforscht Gesellschaftsmodelle, fördert urbane Gemeinschaftsgärten, Offene Werkstätten sowie Initiativen zur nachhaltigen Gestaltung von Regionen.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo