Ein Dorf unter Strom

Avantgarde im Allgäu: In einem Dorf bei Kempten erzeugen fast alle Bürger Strom. Viel mehr, als sie verbrauchen. Für Techniker und Tüftler ein Versuchslabor mit schöner Aussicht in die Zukunft.

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Es ist ein großer, ein ganz großer Plan. Wobei, es ist mehr so eine Idee. Denn den ganz großen Plan von der Energiewende hat in Berlin kaum einer. Jeder doktert so vor sich hin. Der Wirtschaftsminister hier, das Umweltministerium dort.

Man kann aber auch einfach mal anfangen mit der Energiewende. Mit einem Plan, der von unten entwickelt wird. Nicht von Experten in Arbeitskreisen mit schwer lesbaren Gutachten, sondern an der Theke im Wirtshaus. Und nicht im preußischen Berlin, sondern im bayerischen Wildpoldsried, einem Dorf im Allgäu mit 2570 Einwohnern.

Manfred Reichart ist einer von ihnen und er hat eine Allergie. Nicht gegen Preußen oder Politiker, gegen Tierhaare. Wenn man wie Reichart den elterlichen Milchviehbetrieb übernehmen soll, ist das ein Problem. Eine Alternative musste her, ohne Tiere, aber mit Perspektive. "Mach doch Biogas", hieß es vor ein paar Jahren an der Theke im Wirtshaus. "Mach ich auch", sagte Reichart nach ein paar Gläsern Bier.

Seit 2007 rattert ein mit Biogas befeuerter Motor im Maschinenhaus auf seinem Hof, 2011 kam der zweite hinzu. Jeder leistet 100 Kilowatt, den Strom speist Reichart ins Netz, mit der aus Abgasen und Kühlwasser rückgewonnenen Wärme heizen er und die nahe gelegenen Nachbarhöfe ihre Häuser. Auf 65 Hektar baut er Gras und ein bisschen Mais an, beides kippt er mit der Gülle aus den Ställen der Nachbarn in die eingegrabenen Fermenter, in denen sich Mikroorganismen um die Umwandlung der Biomasse in Gas kümmern.

Energie-Bauer Reichart ist nur einer von vielen in Wildpoldsried. Unter Strom stehen hier fast alle: Mit Solaranlagen auf dem Dach, Finanzbeteiligungen an Windkraftanlagen auf den Hügeln hinter dem Dorf oder kleinen Wasserkraftwerken am Bach. Sie produzierten im vergangenen Jahr 21 300 Megawattstunden Strom, dreimal so viel, wie in der Gemeinde verbraucht wird. Das, was die Bundesregierung für die ferne Zukunft will, den Anteil erneuerbarer Energie an der Stromerzeugung bis 2020 auf 35 Prozent zu steigern, bis 2050 gar auf mindestens 80 Prozent, ist hier längst kalter Kaffee: Die Gemeinde liegt bei gut 330 Prozent, noch. Wenn sich die zwei neuen Windräder drehen, die bereits aus dem Wald wachsen, sind es 500 Prozent.

Der Strom muss raus aus dem Dorf, zu den Verbrauchern in den Städten, für die er dann aus der Steckdose und nicht von Manfred Reichart und den anderen Wildpoldsriedern kommt. Um raus zu kommen, muss der Strom aber erst mal rein; ins Netz. Das ist technisch schwierig. Besonders dann, wenn die Allgäuer Sonne auf die 200 Photovoltaik-Anlagen des Dorfes knallt, eine ordentlich Brise die Windräder in Schwung hält und plötzlich reichlich Energie in das lokale Netz drängt. Bisher hieß das: Die einzelnen Solar-Anlagen und Windräder koppeln sich vom Netz ab, damit es nicht zusammenbricht.

Selbst wenn es nicht kollabierte, würde sich durch die Einspeisung der vielen Anlagen die Netzspannung auf deutlich über die 230 Volt erhöhen, die aus jeder Steckdose kommen. Wären es etwa 270 Volt, bekäme das Spülmaschinen, Kühlschränken, Computern und Fernsehern nicht so gut.

Abkoppeln vom Netz und der Welt kommt für die Wildpoldsrieder, die mit ihrem Strom bereits in der Zukunft leben, nicht in Frage. Und für die Manager, Techniker und Tüftler des Siemens-Konzerns, der auch in Zukunft Geld verdienen möchte, ebenfalls nicht. Sie basteln im Allgäu am "Smart Grid", am intelligenten Stromnetz. Eins, das nicht mehr so dämlich ist, sauberen Solarstrom einfach im Orkus zu versenken, nur weil gerade die Sonne etwas zu stark scheint.

Der erste und entscheidende Baustein des intelligenten Netzes steht mitten in Wildpoldsried neben ein paar Garagen in einem unscheinbaren Betonwürfel. Ein Transformator. Er regelt die Spannung im Wildpoldsrieder Ortsnetz so weit herunter, dass die Solar- und Windkraftanlagen ihren Strom auch bei Sonne und Wind einspeisen können. Der "regelbare Ortsnetztrafo", ein Siemens-Prototyp, wird hier getestet, das intelligente Netz steckt noch in den Kinderschuhen. Der Ort in der sanften, sattgrünen Allgäuer Hügellandschaft ist die ideale Spielwiese für die Siemens-Ingenieure. "Wildpoldsried ist ein Labor, in dem die Bewohner in die richtige Richtung gehen müssen", sagt Michael Metzger, der das "Leuchtturmprojekt" Smart Grid von Siemens leitet.

Gut unterwegs sind die Wildpoldsrieder bereits, die Strahlkraft des mit Umweltpreisen überhäuften "Dorfes der Strompioniere" nimmt immer mehr zu. Besucher aus aller Herren Länder rennen Bürgermeister Arno Zengerle die Bude ein, neben dem Rathaus steht ein nagelneues ökologischen Bildungszentrum mit 30 Gästezimmern, um dem Ansturm Herr zu werden.

Nicht alle Ideen werden an der Theke im Wirtshaus geboren. Der Gemeinderat ist seit Jahrzehnten in Sachen Energie aktiv, der Ort betreibt eine eigene, mit Pellets und Biogas befeuerte Dorfheizung, die rund 40 Gebäude, vom Kindergarten bis zur Bücherei, beheizt. Die Fäden des großen Plans für das kleine Dorf laufen bei Zengerle zusammen: "Für uns ist das Wir wichtig." Es gibt "eine breite Zustimmung". Schon vor Jahren kaufte das Dorf für alle Interessenten Solarpaneele en gros ein, das sparte Geld.

Die Zustimmung ist auch deshalb so hoch, weil es sich für die Beteiligten lohnt. Im Fall der neuen Windräder ist es eine Milchbauernrechnung, die Zengerle aufmacht: Die beiden Anlagen bringen im Jahr 80 Prozent des Ertrages der 40 Milchviehbetriebe mit 1350 Kühen in Wildpoldsried. Klar, dass sich da viele beteiligen wollen. Rund 110 Bürger investieren in die 2,9 Millionen Euro teuren Windmühlen. Die Anteile der einzelnen Investoren sind auf 100 000 Euro gedeckelt, "sonst gibt es zuviel Eigenkapital", sagt Zengerle. "Zuviel Eigenkapital", das hätten die Politiker im preußischen Berlin auch gern, um grünen Strom zu fördern. Brauchen sie aber nicht, meint Zengerle: "Für die Energiewende ist nicht das Geld des Staates, sondern der Bürger entscheidend."

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