Ehe für alle: Standesämter bleiben gelassen

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Gleichgeschlechtliche Brautpaare als Tortenfiguren: Die Ehe für alle tritt am 1. Oktober in Kraft. Foto: Sebastian Kahnert/Illustration  Foto: 

Viele Jahre lang haben homosexuelle Menschen in Deutschland für sie gekämpft, nun kommt sie: Die Ehe für alle tritt am 1. Oktober in Kraft.

Gleichgeschlechtliche Paare können dann ganz regulär heiraten - oder ihre bestehende eingetragene Lebenspartnerschaft in eine Ehe umwandeln lassen. Die deutschen Standesämter bereiten sich akribisch auf den Tag vor. Doch der große Ansturm auf die Behörden bleibt an diesem Tag erstmal aus.

Das liegt auch daran, dass der 1. Oktober in diesem Jahr ein Sonntag ist und die meisten Standesämter geschlossen haben. Nur das Standesamt in Hannover will an diesem Tag öffnen: Die zwei Paare, die 2001 als erste bundesweit eingetragene Lebenspartner wurden, wollen dort auch als erste die Ehe eingehen. Es handelt sich um ein schwules und ein lesbisches Paar. Mit dem außergewöhnlichen Termin soll die Bedeutung des neuen Gesetzes hervorgehoben werden, wie die niedersächsische Landeshauptstadt mitteilte.

In den meisten anderen deutschen Städten bleiben die Standesämter hingegen am Sonntag zu - selbst in Köln. Zu gering sei die Nachfrage. „Aus vielen Gesprächen wissen wir, dass die meisten Paare den Hochzeitstag auf den Tag legen wollen, an denen sie ihre Lebenspartnerschaft geschlossen haben. Deswegen wird sich das auf das ganze Jahr verteilen“, sagte der Leiter des Kölner Bürgeramts Innenstadt, Ulrich Höver.

Aktuell liegen dort rund 100 Anmeldungen vor. „Wir haben unter anderem eine Beamtin aus einer anderen Stadt engagiert, ansonsten kommen wir nach heutigem Stand mit dem bestehenden Personal aus“, sagte Höver. In Düsseldorf liegen den dortigen Standesämtern zufolge rund 40 Anmeldungen vor. Etwas mehr als die Hälfte dieser Paare will ihre eingetragene Lebenspartnerschaft umwandeln lassen.

In Hamburg öffnen am 1. Oktober zwar nicht die Standesamttüren. Dafür bieten die städtischen Standesämter am Tag darauf aber Zusatztermine an. Insgesamt wollen in den nächsten Monaten in Hamburg 48 Paare heiraten und 116 Paare ihre eingetragene Partnerschaft in eine Ehe umwandeln. Als „Run“ möchte das eine Stadtsprecherin aber nicht bezeichnen.

Auch in anderen deutschen Großstädten häufen sich die Anmeldungen - ohne, dass die Behörden das als Ansturm bezeichnen wollen. In München wird die erste Ehe eines homosexuellen Paars voraussichtlich am 5. Oktober geschlossen. 32 Anmeldungen liegen dort derzeit vor, etwa so viele wie in Nürnberg. „Der Andrang hält sich in Grenzen“, sagte dort eine Sprecherin.

Bremen schätzt die künftige Zahl der gleichgeschlechtlichen Ehen in der Hansestadt auf 70 bis 100 pro Jahr. Innensenator Ulrich Mäurer hatte die Entscheidung Ende Juni als „überfällig“ bezeichnet - schließlich sei die Ehe für schwule und lesbische Paare seit längerem schon von Irland bis Israel möglich. In der Stadt Bremen leben geschätzt 900 homosexuelle Paare in eingetragenen Lebenspartnerschaften.

In der Bundeshauptstadt wiederum liegen die meisten Anmeldungen beim Standesamt Tempelhof-Schöneberg vor. Der Bezirk gilt als Szene-Hochburg. 41 Paare haben sich hier angemeldet. „Hier gibt es schon ein großes Interesse“, sagte eine Sprecherin des dortigen Standesamts. Wie in ganz Deutschland ist die Anmeldung für die Eheschließung in allen Berliner Bezirken möglich. Bisher war es jedoch schwer, eines der chronisch überlasteten Standesämter während der Sprechzeiten zu erreichen.

In den Standesämtern in Thüringen wiederum, in denen es einzelne Nachfragen schwuler oder lesbischer Paaren zur Ehe für alle gab, fehlte es den Angaben nach oft an Informationen bei den Verwaltungen selbst. So sagte zum Beispiel eine Sprecherin der Stadtverwaltung Erfurt, seit Ende Juni habe es Fälle gegeben, bei denen Menschen konkrete Informationen zur Ehe für alle wollten. „Die Fragen konnten bisher nicht beantwortet werden, da Informationen und Anwendungshinweise fehlten“, sagte sie. Dabei sei es vorwiegend um Formalitäten gegangen, die noch nicht geregelt gewesen seien.

Während die Städte mehr oder weniger gewappnet sind, hängt das Innenministerium noch hinterher: In den Personenstandsregistern aller deutschen Standesämter kann die gleichgeschlechtliche Ehe erst ab dem 1. November 2018 richtig erfasst werden. Grund sind notwendige Software-Anpassungen, die mehrere Monate dauern werden. Erst dann ist es möglich, die bisher zwingenden Bezeichnungen „Ehemann/Ehefrau“ anders darzustellen oder auch wegzulassen.

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