Drei Manager nach Putschversuch in der Türkei verhaftet

Nach dem gescheiterten Putschversuch von Teilen des türkischen Militärs geht die Regierung weiter gegen innenpolitische Gegner vor. Nun ist offenbar die Wirtschaft an der Reihe.

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Zwei Wochen nach dem gescheiterten Militärputsch nimmt die türkische Regierung die Geschäftswelt ins Visier. Am Freitag wurden der Chef des Boydak-Konzerns, Mustafa Boydak, und zwei weitere Manager des Familienunternehmens festgenommen, meldet die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu. Gegen drei weitere Manager wurden Haftbefehle erlassen.

Laut Anadolu stehen die Ermittlungen im Zusammenhang mit finanziellen Aktivitäten der Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen. Die Boydak-Holding ist im Energie- und Finanzsektor aktiv. Das Unternehmen besitzt zudem zwei bekannte Möbelmarken.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan macht den in den USA lebenden Gülen für den gescheiterten Putsch vom 15. Juli verantwortlich. Die Regierung in Ankara geht seitdem mit großer Härte gegen mutmaßliche Unterstützer des Umsturzes vor. Zehntausende angebliche Gülen-Anhänger wurden festgenommen, vom Dienst suspendiert oder abberufen: Betroffen sind vor allem Militärs, Richter, Staatsanwälte und Lehrer, aber nach Angaben der EU auch Diplomaten.

Zuletzt entband die Regierung mehrere Generäle von ihren Aufgaben bei der Nato – laut DPA die zwei türkischen Mitglieder im Führungsstab des Afghanistan-Einsatzes. Zudem wurde bereits kurz nach dem Umsturzversuch der türkische Stabschef im Landstreitkräfte-Hauptquartier in Izmir festgenommen.

Nachdem fast die Hälfte aller Generäle entlassen wurden, hatte die Regierung am Donnerstag wichtige Posten in der Armeeführung neu besetzt. Am Freitag empfing Erdogan die neue Armeeführung im Präsidentenpalast in Ankara. Außenminister Mevlüt Cavusoglu betonte, wenn die Gülen-Anhänger „ausgemerzt“ seien, werde die Armee „dynamischer, sauberer und effektiver“ sein.

Äußerungen des US-Generals Joseph Votel, der vor negativen Auswirkungen für den Kampf gegen die Dschihadistenmiliz IS gewarnt hatte, wies Cavusoglu als „lächerlich“ und „unglücklich“ zurück. US-Geheimdienstdirektors James Clapper hatte sich ähnlich geäußert. Erdogan warf Votel vor, sich auf die Seite der Putschisten zu stellen, „statt ein Land zu verteidigen, das einen Putschversuch vereitelt hat“. Er warf den USA zudem vor, mit Gülen den Anstifter des Putschs zu „nähren“.

Das von der türkischen Regierung als „Säuberung“ bezeichnete Vorgehen wird international kritisiert, weil offensichtlich auch Regierungskritiker, die nicht zu den Putschisten zählen, betroffen sind. EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn drohte indirekt mit Abbruch der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. Das Land müsse beweisen, dass es nach dem Putsch rechtsstaatlich mit Verdächtigen umgehe, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. Wenn daran „nur der leiseste Zweifel“ bestehe, seien „Konsequenzen unabdingbar“.

Das sagt die Opposition

„Hexenjagd“ Angesichts von Massenfestnahmen, Suspendierungen und Medienschließungen in der Türkei kritisieren die beiden größten Oppositionsparteien des Landes die Regierung. „Es darf in der Türkei keine Hexenjagd gegen Unschuldige geben“, sagte der Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu von der Mitte-Links-Partei CHP der „Bild“-Zeitung. Der Vorsitzende der pro-kurdischen Partei HDP, Selahattin Demirtas, sagte am Freitag: „Im Moment verwandelt sich das Ganze zunehmend in eine Hexenjagd.“

Kritik Alle drei Oppositionsparteien im Parlament – CHP, HDP und die ultranationalistische MHP – haben den Putschversuch verurteilt. Auch Kilicdaroglu sagte: „Ich denke, dass die Vorwürfe gegen die Gülen-Bewegung auf Fakten beruhen.“dpa

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