DIW-Chef Fratzscher kritisiert Ablehnung der Rente mit 70

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, kritisiert im Interview das Versprechen Angela Merkels, es werde mit ihr keine Rente mit 70 geben.

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DIW-Chef Marcel Fratzscher  Foto: 

Die Bundeskanzlerin hat der Rente mit 70 eine klare Absage erteilt. Wie beurteilen Sie das?
Ich habe viel Verständnis dafür, wenn man keine Rente mit 70 für alle anstrebt. Es muss Regelungen für diejenigen geben, die nicht so lange arbeiten können. Aber die demografische Entwicklung, die verlängerte Lebenszeit, machen ein späteres Renteneintrittsalter notwendig. Anders kann das System nicht finanziert werden. Wir brauchen allerdings flexible Regelungen, damit alle, die länger arbeiten können und erst recht alle, die das wollen, dies problemlos tun können.

Frau Merkel sagt, es gibt doch die Flexi-Rente.
Dies reicht nicht, da diese Möglichkeizt zu sehr vom Arbeitgeber abhängt. Wenn der nicht will, gibt es die Flexi-Rente meist nicht oder ist nicht attraktiv und die Arbeitnehmer haben Nachteile. Es sollten die Chancen und Anreize verbessert werden, länger zu arbeiten, wenn Menschen dies können und wollen.

Bedeutet eine steigende Lebensarbeitszeit nicht automatisch eine schleichende Rentenkürzung?
Nein. Das ist keineswegs ein Automatismus. Man kann durchaus intelligente Lösungen finden. Es darf nicht darum gehen, jemanden dafür zu bestrafen, wenn er früher in Rente geht. Es geht umgekehrt darum, Anreize und Möglichkeiten zu schaffen, länger zu arbeiten. Aber grundsätzlich gilt natürlich, dass die eingezahlten Beiträge in einem vernünftigen Verhältnis zu den ausgezahlten Renten stehen müssen. Wenn aber länger Rente bezogen wird, muss das Geld dafür irgendwo herkommen. Jetzt verspricht die Politik den Älteren etwas, das jüngere Generationen bezahlen müssen. Das ist Umverteilung zu Lasten der jüngeren Generationen.

Die Rente mit 67 wird ja schon eingeführt. Bis 2030. Müssen da wirklich schon heute Entscheidungen getroffen werden?
Man könnte im Prinzip, wie die CDU es vorschlägt , auf die gesicherte Finanzierung der Rente in den nächsten 10 Jahren verweisen. Aber das ist gegenüber den jetzt 45, 50 oder 55jährigen unfair. Die müssen doch wissen, wie das für sie aussieht, wenn sie in Rente gehen. Die brauchen Planbarkeit. Stattdessen werden ihnen falsche Versprechungen gemacht. Wir müssen den Menschen reinen Wein einschenken und rechtzeitig über das Thema diskutieren. Und rechtzeitig ist jetzt.

Die Rente mit 70 kommt also auf jeden Fall?
Ja, sie muss kommen. Wenn auch nicht für alle. Wir wissen natürlich nicht, wie sich Geburtenraten, Zuwanderung oder Löhne entwickeln. Aber keiner der Faktoren wird sich so dramatisch ändern, dass sich grundlegend etwas ändert. Beispielsweise würden sich mehr Geburten, erst viel später auswirken. Selbst wenn es sehr günstig läuft, wird die Zahl der Beschäftigten bei uns bis 2040 um 3 Millionen Menschen abnehmen. Im schlechtesten Fall um 10 Millionen. Das ist in jedem Fall kein Pappenstiel.

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