Digitale Lagerhallen

Seit mehr als 100 Jahren sind Musik, Literatur und andere Formen der Kunst nahezu weltweit geschützt. Im Internet aber wird das Urheberrecht oft gebrochen, und es erweist sich als schwer, das zu verhindern.

|

Einen Pool, gefüllt mit reinem Mineralwasser können nicht viele ihr Eigen nennen, eine Festplatte voller Downloads schon. Ersteren - und einigen Luxus mehr - leistete sich dem Vernehmen nach der in Haft sitzende Gründer der Plattform Megaupload, mit letzteren soll er Millionen verdient haben. Downloads sind längst ein Massenphänomen. Allein Megaupload soll nach Angaben des US-Justizministeriums 150 Millionen registrierte Nutzer sowie 50 Millionen Seitenaufrufe am Tag gehabt und einen Gewinn von 175 Millionen Dollar kassiert haben.

Kostete es einst eine gehörige Portion Mut, im Laden eine CD einzustecken und an der Kasse vorbeizuschmuggeln, scheint das Unrechtsbewusstsein parallel zu den Preisen der Speichermedien zu verfallen. "Ladendiebstahl in der digitalen Welt" nannte ein Branchenkenner das vor zwei Jahren, Staatsanwaltschaften drohten zu kapitulieren, manche stellten die Strafverfolgung gar ein, wenn der Delinquent nicht binnen kurzer Zeit mehr als 3000 Titel aus dem Netz gezogen hatte. "Auf eine gekaufte CD kommen zwei gebrannte", hieß es noch 2009 im Jahresbericht des Bundesverbandes der Musikindustrie (BVMI), der rund 280 Labels vertritt.

Ging es lange Zeit vor allem um Musik, sind heute alle Bereiche der so genannten Content-Industrie betroffen: Songs, Alben, Filme, Hörbücher, E-Books. Deshalb ziehen diese Branchen nun an einem Strang. Ein Resultat ist eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) zur digitalen Content-Nutzung von 2011. Danach haben 14,3 Millionen Deutsche im Jahr 2010 Medieninhalte aus dem Internet heruntergeladen, 3,7 Millionen davon gaben zu, dies illegal getan zu haben - ein kleiner, aber äußerst aktiver Teil der Bevölkerung. Die GfK nennt Durchschnittswerte pro Person und Jahr: 103 Musiktitel, 27 Alben, 9 Hörbücher, 18 E-Books, 30 Spielfilme und 15 TV-Serien wechseln - natürlich illegal - den Speicherplatz.

Die Vertriebswege ändern sich immer wieder. Megaupload etwa ist ein Sharehoster, also ein Dienst, bei dem die Nutzer Daten hinterlegen und lediglich einen Link zu diesem Speicherplatz verbreiten - von dem andere die Daten wieder herunterladen können. Megaupload-Gründer Kim Schmitz alias Kim Dotcom hat den Vorwurf der Internet-Piraterie zurückgewiesen, sein Anwalt betonte, sein Mandant habe gegen keine Gesetze verstoßen.

Auch die deutsche Piratenpartei meldete sich prompt zu Wort: Die "Content-Mafia" habe europäische Bürger - gemeint ist unter anderem der gebürtige Kieler Schmitz - nach US-Recht verhaften lassen. "Wir erleben hier eine Wiederholung der Pirate-Bay-Razzia von 2006, die einst zur Gründung der Piratenpartei führte", sagte Andreas Popp, Urheberrechtsexperte der PP. Damals waren auf Betreiben der USA in Schweden Server der Plattform "The Pirate Bay" beschlagnahmt worden. Popp: "Rechtlich gesehen bieten Filehoster etwa die gleiche Dienstleistung wie ein Lagerhallenbetreiber an - es wäre absurd, diesen für das Verhalten seiner Kundschaft verantwortlich zu machen."

Musik, Literatur und andere Formen der Kunst sind dank internationaler Abkommen seit mehr als 100 Jahren nahezu weltweit geschützt. Das bedeutet, dass sie ohne Zustimmung des oder der Rechteinhaber nicht vervielfältigt werden dürfen. Eine Ausnahme ist Paragraph 53 I des deutschen Urheberrechtsgesetzes, der einzelne Privatkopien erlaubt. Das aber schließt Up- und Download aus. Zwei neue Trends beobachtet der BVMI: Der wachsende Download von Musik-Alben und der Tausch kompletter Festplatten. "Das ist eine dramatische Entwicklung", sagt Andreas Leisdon, Sprecher des BVMI. Immerhin hätten 17 Prozent der Deutschen 2010 Inhalte per Festplatte getauscht, in der Gruppe der 10- bis 29-Jährigen seien es sogar 40 Prozent.

Seit 2008 können Rechteinhaber bei jenen Anbietern, die Zugang zum Internet gewähren, abfragen, wer für den Download verantwortlich ist. Es folgt eine Abmahnung, die mit Kosten verbunden ist. Leisdon: "Der wirtschaftliche Schaden ist immens und geht zu Lasten der Künstler und Unternehmen, die in der Musikbranche tätig sind." Vor geraumer Zeit hatte der BVMI von einem Schaden von einer Milliarde Euro pro Jahr gesprochen.

"Wir setzen stark auf die Durchsetzung von Rechten", nennt Leisdon die Strategie der Content-Industrie, gibt aber zu, dass diese einen anderen Weg bevorzugen würde: "Wir plädieren für ein sanktioniertes Warnmodell." Das bedeutet: Ertappte bekommen einen Hinweis, dass sie gegen Gesetze verstoßen haben. Beim zweiten Verstoß gibt es erneut Post, beim dritten folgt eine Strafe. Ziel ist ein langfristiger Bewusstseinswandel der Internet-Nutzer. Immerhin würden sich fast 80 Prozent, so jedenfalls die GfK-Studie, durch solche Warnschüsse abschrecken lassen.

Mit dieser Forderung liegt der BVMI international im Trend, auch wenn dort oft weit radikalere Wege beschritten werden. Ein Beispiel ist Frankreich mit seinem so genannten Hadopi-Gesetz. Dort kann nach dem dritten Verstoß gegen Urheberrechte der Internet-Zugang gekappt werden - für jede, auch legale, Aktivität. Ähnliche Verfahren ("Three Strikes") gibt es bereits in Großbritannien und Neuseeland. Das Prinzip wurde auch in den Verhandlungen über das Acta-Handelsabkommen diskutiert.

Pläne für Eingriffe in das Internet im Namen des Urheberschutzes (die Pipa- und Sopa-Gesetze) in den USA hatten jüngst zur Attacke des Aktivisten-Kollektivs "Anonymous" auf die Website des US-Justizministeriums geführt. Denn es geht nicht immer darum, kostenlos an Musik zu kommen. Für manche Aktivisten müssen geschützte Inhalte "befreit" werden. Der Kampf gegen das Urheberrecht ist da zum Politikum geworden, verbunden mit einem Neusprech: Illegales Kopieren wird zum "Teilen von Informationen" - in der digitalen Lagerhalle.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Albi: Edeka übernimmt Mitarbeiter

Der Edeka-Verbund hat am Freitag das komplette Unternehmen der Albi GmbH & Co. KG in Bühlenhausen übernommen. weiter lesen