Dieses Projekt bildet Häftlinge zu Unternehmern aus

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  • Alexander B. hat früher mit Heroin gedealt. Jetzt geht er einer Arbeit als Metall-Facharbeiter nach.   Foto: 1/3
    Alexander B. hat früher mit Heroin gedealt. Jetzt geht er einer Arbeit als Metall-Facharbeiter nach. Foto: Foto: 
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    Fotos: Cordula Flegel Foto: 
  • Ein „Leonhard“-Mentor (oben) und Bernward Jopen (unten), Gründer der Initiative, diskutieren die Geschäftsideen der Häftlinge. 3/3
    Ein „Leonhard“-Mentor (oben) und Bernward Jopen (unten), Gründer der Initiative, diskutieren die Geschäftsideen der Häftlinge. Foto: 
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Jetzt kann Alexander B. also im Café Kulisse draußen in der Sonne sitzen. Es liegt an dem langgestreckten Marktplatz in Günzburg mit seinen schön restaurierten Prachthäusern aus dem 18. Jahrhundert. Ein Frühlingstag, er blinzelt, trinkt einen Cappuccino, schaut auf die Flaniermeile des bayerisch-schwäbischen Städtchens und sagt: „Günzburg ist eine tolle Stadt. Gerade richtig: klein, überschaubar, aber alles da – und man kennt sich noch.“

Seine Schicht als Metall-Facharbeiter ist um 14 Uhr zu Ende gegangen, B. hat Zeit zu erzählen. „Wir waren vier Bosse auf einer Ebene.“ Er war zuständig für den Schmuggel nach Deutschland, der Stoff kam hauptsächlich über Rotterdam. „Wir haben kiloweise mit Heroin gehandelt.“ Das Verbreitungsgebiet erstreckte sich quer über den Süden der Republik:  „Augsburg, Heidenheim, Pforzheim.“ B. ist ein schlanker, durchtrainierter Mann, 29 Jahre alt, der immer wieder aufgeweckt schaut. Dass er nun einer normalen Arbeit nachgehen kann, hat er einem in Deutschland einzigartigen Gefangenen-Projekt zu verdanken. „Dealen ist für mich ein für allemal abgehakt.“

Über die Hierarchie des Drogenrings sagt er: „Die Kleinen unten habe ich gar nicht gekannt.“ Da war er 22. Eines Nachts um drei Uhr trat ein Sondereinsatzkommando der Polizei in Günzburg die Tür zu seiner Wohnung ein und nahm ihn fest. B. erhielt eine Gefängnisstrafe von neun Jahren und drei Monaten, viel mehr geht da kaum. Sechs Jahre saß er ab, dann kam er wieder raus. „Ich weiß nicht, wie viele Menschen durch meine Hand gestorben sind.“ Und die Gefängnisstrafe? „Die hat sein müssen.“

Potenzial in die richtige Richtung lenken

„Leonhard“ heißt das Projekt in München, das auch Alexander B. gefordert und qualifiziert hat, benannt nach dem Heiligen Leonhard, dem Schutzpatron der Inhaftierten. Das Programm trägt den Titel: „Unternehmertum für Gefangene.“ Ziel ist es, Insassen in bayerischen Gefängnissen in einem 20 Wochen dauernden Kurs vor ihrer Entlassung fit zu machen für das Leben und die Arbeit draußen – und für die Möglichkeit, ein eigenes, kleines Unternehmen zu gründen. Denn bei vielen Verurteilten besteht großes Potenzial, ist sich Geschäftsführerin Maren Jopen sicher. „Es wurde nur in die falsche Richtung geleitet.“ In Baden-Württemberg wird möglicherweise ein ähnliches Projekt errichtet. Landespolitiker von den Grünen und der CDU besuchen „Leonhard“ jedenfalls Anfang Juni.

Acht Uhr morgens hinter den Mauern der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim. Bei „Leonhard“ steht heute Vertriebstraining an. In einem geräumigen Schulungsraum stellt sich eine Gruppe von Gefangenen auf, jeder erzählt kurz von dem Unternehmens-Plan, den er erarbeitet hat. 16 Teilnehmer hat der aktuelle Kurs, sie sind 23 bis 58 Jahre alt. „Guten Morgen, bei mir gibt es hoffentlich bald die besten Döner der Welt“, sagt ein junger Mann mit schwarzem Pferdeschwanz. Ein älterer Häftling will ein „Seminarzentrum für Bewusstseinsentwicklung“ errichten und wirbt: „Gründe dein Leben, lebe deinen Traum.“ Weiter im Angebot:  Herstellung von individuellen Design-Küchen, die Wiedereröffnung eines Fliesenleger-Betriebes oder eine MPU-Schule, bei der Kandidaten, die den Führerschein abgeben mussten, durch den berüchtigten „Idiotentest“ gebracht werden.

Bernward Jopen, „Leonhard“-Gründer und Vater von Maren Jopen, führt in Stadelheim durch den Vormittag. „Ich bin keine männliche Mutter Theresa“, sagt er. „Wir machen aus Knackis tüchtige Unternehmer.“ Jopen, 74 Jahre alt, weiß-grauer Haarkranz, ist ein quirliger Mensch. Er führte selbst ein Unternehmen, das er zum Ruhestand verkaufte. Mit der Ruhe hat er es aber nicht. An der TU München unterrichtete er Unternehmertum. Dann hörte er von einem Projekt in einem Gefängnis in Kalifornien, das Gefangene zu Selbstständigen ausbildet, weil sie auf dem normalen Arbeitsmarkt wegen ihrer Vorstrafe häufig keine Chance haben, und beschloss: „So etwas machen wir auch in Deutschland.“

An diesem Kurs-Tag hat Jopen 20 Mentoren ins Gefängnis mitgebracht – Leute aus dem Wirtschaftsleben, die „Leonhard“ ehrenamtlich unterstützen. Sie geben Kurse oder stehen wie jetzt für das Ver­triebstraining zur Verfügung. Die Gefangenen müssen ihre Geschäftsidee verschiedenen Gesprächspartnern vorstellen und sie überzeugen. Es ist ein Rollenspiel. In vier Gesprächsrunden geben sich die Mentoren aus als freundliche Kunden, als unangenehme Kunden, als kritische Investoren und ängstliche Verwandte.

Jeder Gefangene hat einen Partner gefunden, der Gong ertönt, 30 Minuten für Runde eins im Vertriebstraining. Der Fliesenleger wird gefragt, was er macht, wenn er im Bad versehentlich die Wanne des Kunden beschädigt. „Kein Problem“, sagt er, „ich kontaktiere einen Kollegen, in zwei Stunden ist das geregelt.“ Die Gefangenen sitzen den Mentoren gegenüber, sie stecken die Köpfe zusammen. Ein Summen durchdringt den Raum durch das vielfache Reden.  Der Imbiss-Mann muss erklären, wie er einerseits hochpreisige Premium-Döner anbieten und zugleich Schüler ansprechen möchte, die nicht viel Geld haben. Der Einbauer von Design-Küchen hört sich an: „Wie können Sie bei diesem Preis genauso gut und zuverlässig arbeiten wie die Konkurrenz?“ Es wird argumentiert, gefordert, nachgebohrt bei diesem Verkaufstraining. Gepokert, provoziert und ein bisschen geschwitzt.

„Ich war ein egomanischer Arsch“

Auch Mark C. war ein „Leonhard“-Teilnehmer, vor zwei Jahren wurde er entlassen. Jetzt ist der 33-Jährige das Frühjahr und den Sommer über schon komplett mit Aufträgen eingedeckt. Er ist selbstständig und montiert Fotovoltaik-Anlagen auf Gebäude. Einen Angestellten hat er auch. „Wenn du den ganzen Tag gearbeitet hast, spürst du die Knochen“, sagt er. „Aber so bin ich jetzt zufrieden.“ C. saß drei Jahre wegen des Handels mit Haschisch. „Mir war vollkommen bewusst, was ich tat“, sagt er. Er selbst hat viel gekifft, ging als gelernter Koch mit einem Restaurant pleite, hatte einen „extrem hohen Lebensstandard“. Über seine kriminelle Zeit sagt er: „Ich war ein egomanischer Arsch.“

Mit einer früheren Jugendfreundin lebt C. zusammen in Oberbayern auf dem Land. Abends und an freien Tagen kümmert er sich viel um den gemeinsamen, sieben Monate alten Sohn. „Letzte Woche ist er zum ersten Mal gekrabbelt.“ Er klingt euphorisch.

Die Statistik zeigt, dass „Leonhard“ funktioniert. 60 Prozent der Teilnehmer finden einen Monat nach der Entlassung eine Beschäftigung oder studieren, knapp 30 Prozent machen sich selbstständig. Neun von zehn Absolventen bleiben nach Kenntnis der Organisation dauerhaft straffrei. 9500 Euro kostet ein Kurs mit 540 Stunden pro Teilnehmer. 80 Prozent davon übernimmt die Arbeitsagentur, der Rest wird aus Spenden finanziert. Aufgenommen werden interessierte Häftlinge, die eine gewisse Einsicht zeigen und „nicht ausschließlich anderen die Schuld an ihrer Situation geben“, sagt Maren Jopen. Ausgeschlossen sind Sexualstraftäter und notorische Betrüger. Über Letztere sagt sie: „Wir fühlen uns solchen Menschen nicht gewachsen.“

Den wirtschaftlichen Nutzen haben die Jopens vom „Institut für Unternehmensrechnung und Controlling“ der  Münchner Ludwig-Maximilians-Universität ermitteln lassen. Demzufolge fließen für einen in das Projekt investierten Euro nach drei Jahren 1,70 Euro zurück. Denn die Kursteilnehmer leben danach meist nicht von Sozialleistungen und kommen nicht erneut ins Gefängnis, sondern arbeiten und zahlen Steuern.

In Stadelheim gibt es nun die Rückmeldungen der Mentoren an die Gefangenen. „Die harten Fakten haben ein wenig gefehlt“, sagt die Betreiberin eines Kommunikationsbüros. Aktives Zuhören sei wichtig, Augenkontakt. Ein BMW-Angestellter sagt: „Etwas forscher auftreten, nicht durch Nachfragen verunsichern lassen.“ Und ein Mentor aus der Finanzbranche erklärt: „Schneller auf den Punkt kommen, offensiv beim eigenen Konzept bleiben, klare Ansagen machen.“

Der ehemalige Heroin-Dealer Alexander B. sagt über die „Leonhard“-Mitarbeiter: „Das sind echt krasse Leute. Die glauben wirklich noch an einen.“ Der gelernte CNC-Dreher erhielt im vergangenen Winter nach 40 Absagen tatsächlich die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch, trotz seiner Vergangenheit. Eineinhalb Stunden löcherte ihn der Fertigungsleiter. Und am Tag darauf noch einmal genau so lang der Geschäftsführer. „Das war eine harte Nummer.“

B. hat eine sieben Jahre alte Tochter, in ihren ersten sechs Lebensjahren saß er im Gefängnis. Im September wird sie eingeschult, die Schultüte hat er schon gekauft.

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