Die Urangst, ausgeliefert zu sein

Nur zehn Prozent der Kranken in psychiatrischen Kliniken sind gegen ihren Willen dort. Die meisten Patienten suchen von sich aus Hilfe, sagt Peter Falkai, Chefarzt der Psychiatrischen Klinik der Universität München.

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Peter Falkai: Mehr Personal kann bedeuten, Patienten mehr Freiheit zu lassen. Foto: Klinik LMU

Herr Professor Falkai, der Fall Mollath scheint alle Vorurteile gegenüber der Psychiatrie zu bestätigen: Wer in deren Mühlen gerät, kommt so schnell nicht wieder raus.

FALKAI: Wir müssen unterscheiden: Der Fall Mollath ist angesiedelt in der forensischen Psychiatrie. Hier werden Menschen untergebracht, die psychisch krank sind und eine Straftat begangen haben. Die Justiz spielt hierbei eine maßgebliche Rolle und selbstverständlich wird in all diesen Fällen, wie bei jedem anderem Straftäter auch, ein gewisser Zwang ausgeübt - anders als in der allgemeinen Psychiatrie.

Aber auch diese Psychiatrie macht vielen Leuten Angst.

FALKAI: Die Urangst, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren, eingesperrt und ausgeliefert zu sein, ist vielen Menschen schwer zu nehmen. Vielleicht helfen Zahlen, die Debatte zu versachlichen: 1,3 Millionen Menschen werden jedes Jahr in Deutschland stationär psychiatrisch behandelt, davon 10 Prozent gegen ihren Willen, also 130 000.

Was sind das für Patienten?

FALKAI: Psychisch kranke Menschen, die beispielsweise an einer Demenz oder Psychose leiden und sich selbst massiv gefährden. Hiervon bekommen 10 Prozent Medikamente gegen ihren Willen - also ein Prozent aller Patienten. Die Vorstellung, dass psychiatrische Kliniken über Zwangsmaßnahmen ihre Betten füllen, trifft nicht zu.

Welche Regeln gibt es bei Zwang?

FALKAI: Es muss ein Gutachten eines Arztes geben, das belegt: Dieser Mensch ist psychisch krank. Innerhalb von 24 Stunden muss diese Person, die einen Rechtsanwalt zur Seite gestellt bekommt, von einem Richter angehört werden, der dann über eine Zwangsunterbringung entscheidet. Noch einmal zu Mollath: Hier war unter anderem das Problem, dass er mit den Gutachtern, die regelmäßig seinen Zustand überprüfen sollten, nicht mehr sprechen wollte. Es ist dann natürlich schwierig, den psychischen Zustand eines Menschen zu beurteilen.

Sie meinen, Mollath hat seine Situation selbst verschuldet?

FALKAI: Nein. Es geht mir nur darum darzustellen, wie wichtig in der Psychiatrie die Möglichkeit eines persönlichen Gespräches ist, um den Zustand eines Menschen zu beurteilen. Im Fall von Herrn Mollath sind offensichtlich eine Reihe von Verfahrensfehlern aufgetreten, die jetzt geprüft beziehungsweise beseitigt werden sollen.

Welche Gründe gibt es für eine Zwangseinweisung?

FALKAI: Selbst- oder Fremdgefährdung. Wer versucht hat, sich das Leben zu nehmen, muss ärztlich untersucht werden. Der Arzt kann dann stets unter Beteiligung eines Richters, eine Einweisung in die Psychiatrie veranlassen.

Was passiert dann?

FALKAI: Die Klinik erhält die Möglichkeit, den Patienten für einige Tage zu beobachten, die Diagnose zu bestätigen und eine Therapie anzufangen. In der Regel gelingt es in dieser Zeit ein Behandlungsbündnis zu schaffen, so dass der Patient bereit ist, sich gegebenenfalls auch 8 Wochen auf eine psychotherapeutische und medikamentöse Behandlung auf freiwilliger Basis einzulassen. Im Schnitt werden Patienten mit einer psychischen Erkrankung etwa 25 Tage stationär behandelt.

Wie sieht es mit aggressiven manischen Patienten aus?

FALKAI: Wenn jemand nur herum- pöbelt, wird man ihn nicht zwangseinweisen. Wenn er aber mit 90 km/h durchs Dorf brettert, den Nachbarn grundlos ins Gesicht schlägt oder mit einer Waffe herumfuchtelt, wird er zwangseingewiesen. Greift er in der Klinik Schwestern oder Ärzte an, wird man ihn fixieren und versuchen, ihm Medikamente zu geben, um die Manie einzudämmen. Meist hilft eine medikamentöse Therapie, die Erkrankung zum Abklingen zu bringen, so dass der Betroffene wieder ein unbeeinträchtigtes Leben führen kann.

Wo sehen Sie Änderungsbedarf?

FALKAI: Wir selbst müssen noch besser werden. Ich führe gerade ein, dass jeder Patient, der entlassen wird und gegen seinen Willen eingewiesen worden ist, eine Patientenverfügung zusammen mit dem Behandlungsteam ausfüllt, in der steht, wie es laufen soll, wenn er wieder zwangsweise zu uns kommt: Auf welche Station möchte er? Welche Medikamente sollen wir ihm geben? Welche nicht? Wir wollen Ängste mindern. Es gilt aber auch: Wenn Psychiatrie so wenig Zwang wie möglich ausüben soll, braucht sie mehr Personal.

Das kostet Geld.

FALKAI: Ja, Geld, das uns nicht zur Verfügung steht, was ein Jammer ist. Denn mehr Personal kann bedeuten, weniger fixieren zu müssen, Patienten mehr Freiheit zu geben. Ziel muss eine Psychiatrie mit einem Minimum an Zwang sein - ganz vermeiden wird man ihn jedoch wohl nie können.

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