Die Post verabschiedet sich nach und nach vom Austräger

In manchen Regionen stellt die Deutsche Post Briefe nur noch ein bis drei Mal die Woche zu. Noch ist das ein Experiment. Bald schon könnte es aber Normalität werden.

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    Für manche Kunden kommen die Lieferungen der Deutschen Post nun geballt. Foto: 
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    Private Briefe haben die Postboten in Deutschland immer weniger dabei. Foto: 
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Montags gibt es viele gute Gründe, sich zu ärgern. Einer davon ist für viele Menschen ein leerer Briefkasten. Am Folgetag kommt dann gleich ein ganzer Stapel. Auch wenn die Deutsche Post beteuert, ihrer gesetzlichen Pflicht nachzukommen, an sechs Tagen die Woche Briefe auszutragen, hat man vielerorts das Gefühl, dass sie dieses Versprechen schon heute nicht einhält.

Dem Ärger machen viele Kunden Luft: Mit 4000 Beschwerden verzeichnete die Bundesnetzagentur im vergangenen Jahr 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Bald schon aber könnte unregelmäßige Post Normalfall sein. Denn das ehemalige Kerngeschäft der Deutschen Post wird immer unrentabler.

Haben Briefträger 2006 täglich 70 Millionen Briefe ausgestellt, sind es zehn Jahre später nur noch 59 Millionen, ein Rückgang von 15 Prozent. Diese Zahlen verdeutlichen nicht die ganze Misere: Werbepost etwa, deren Ausmaß stark zugenommen hat, fängt die Abnahme bei privaten Briefsendungen auf. Allerdings erhält die Deutsche Post für Werbung weit weniger als die für Briefe üblichen 70 Cent.

Die Ursache des Rückgangs liegt auf der Hand: Mit E-Mails, SMS und Messengerdiensten hat sich das Kommunikationsverhalten der Menschen in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Um herauszufinden, welche Art der Briefzustellung sich Kunden heute noch wünschen, hat das Unternehmen kürzlich ein Pilotprojekt gestartet. In bundesweit 110 Zustellbezirken erhalten Kunden seit Anfang Juli auf freiwilliger Basis nicht mehr an jedem Werktag ihre Post.

Die Kunden können nicht nur entscheiden, ob sie ihre Briefe an lediglich drei Tagen die Woche erhalten. Sie können sich die Schreiben auch an den Arbeitsplatz schicken lassen oder nur einmal die Woche erhalten, stattdessen aber täglich Kopien der Briefe als E-Postbrief zugesandt bekommen. Die Briefe sollen hierfür geöffnet und eingescannt werden.

Für den Vorstoß hagelt es Kritik von allen Seiten. Die SPD-Fraktion etwa sieht darin einen Verstoß gegen das Postgeheimnis: „Wir können der Post nur raten, diesen Unsinn sofort einzustellen“, sagt etwa der Bundestagsabgeordnete Klaus Barthel. Spätestens aber, wenn auch die deutsche Verwaltung verstärkt auf elektronische Kommunikation umgestellt wird – wozu sich im Grunde alle Parteien in ihren Programmen bekennen – und die Zahlen im Briefversand noch weiter einbrechen, werden Argumente für eine tägliche Zustellungspflicht noch schwieriger zu finden sein.

Unternehmen will Reform

Die Post selbst würde die „Post-Universaldienstleistungsverordnung“ – so heißt das Wortungetüm, in dem die Pflichten des Unternehmens gesetzlich geregelt sind – am liebsten schon heute einer Generalüberholung unterziehen: „Die Verordnung ist im Jahr 1998 in Kraft getreten und seitdem nicht wesentlich verändert worden“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. Das Postgesetz aber schreibe „ausdrücklich“ vor, dass die Universaldienstvorgaben an technische und gesellschaftliche Entwicklung anzupassen seien.

Anders als die SPD zeigen sich Christdemokraten und Grüne bereit, die Verordnung zu überdenken, bleiben in ihren Aussagen aber unkonkret. „Wir gehen davon aus, dass die Postgesetzgebung überarbeitet wird“, heißt es etwa aus der CDU-Fraktion. Katha­rina Dröge, wettbewerbspolitische Sprecherin der Grünen, sagte der SÜDWEST PRESSE: „Klar verändert das Internet den Postmarkt.“ Es sei richtig, wenn die Post sich hierauf einstelle. Allerdings stünde dann auch ihre steuerliche Begünstigung zur Debatte. „Denn damit hat sie einen massiven Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Zustellern.“

Gewerkschafter sind von diesen Überlegungen natürlich wenig begeistert. Sie befürchten einen massiven Stellenabbau unter den 80.000 Postzustellern in Deutschland. Nachvollziehbar deswegen die Reaktion der stellvertretenden Verdi-Geschäftsführerin Andrea Kocsis auf das Pilotprojekt der Post: „Bei uns brennt die Hütte“, sagte sie.

Die Post hingegen gerät im Bereich der Paketzustellung ins Schwitzen: Dort sucht das Unternehmen händeringend nach Arbeitskräften. Wie viele Briefträger allerdings fortan Pakete anstatt Briefe zustellen wollen, ist offen.

Die Deutsche Post ist gesetzlich verpflichtet, Briefe täglich auszuliefern. Genauer heißt es in der Verordnung, dass 80 Prozent aller Briefe am nächsten Tag ausgeliefert werden müssen, 95 Prozent spätestens nach zwei Tagen.

Hintergrund ist die Postrichtlinie der Europäischen Union, mit der die Kommission sicherstellen wollte, dass in Zeiten der Liberalisierung der europäischen Postmärkte in ganz Europa Mindeststandards in der Briefzustellung gelten. Jeweils ein Unternehmen sollte in jedem Land die Versorgung übernehmen.

Hierzulande hat sich die Deutsche Post zu diesem „Universaldienst“ verpflichtet, in dem auch die Dichte der Briefkästen geregelt ist: „Briefkästen müssen so ausreichend vorhanden sein, dass Kunden in zusammenhängend bebauten Wohngebieten in der Regel nicht mehr als 1000 Meter zurückzulegen haben, um zu einem Briefkasten zu gelangen.“

Für die Kontrolle der Verordnung ist die Bundesnetzagentur verantwortlich. Bei ihr können sich Kunden auch bei Problemen beschweren.

In ganz Europa versuchen Postdienstleister aber, der täglichen Zustellungspflicht zu entkommen. Denn die Tendenz ist überall die gleiche: Briefsendungen sinken rapide. In mehreren Ländern werden deswegen neue Modelle ausprobiert.

Digitalisierte Zustellung

In Dänemark etwa ist die Anzahl versandter Briefe seit 2003 um 65 Prozent zurückgegangen. Die Digitalisierung des Postwesens wurde dort radikal umgesetzt. Alle Dänen sind verpflichtet, ein elektronisches Postfach namens „E-Boks“ einzurichten, über den der gesamte Behördenbriefverkehr abgewickelt wird. Die analoge Post kommt nur noch einmal die Woche.

In Italien experimentiert man in dünn besiedelten Regionen mit einem Modell, das eine Zustellung an – sich jede Woche ändernden – zwei Tagen vorsieht.

Die Post in Finnland hat sich eine besonders kreative Lösung einfallen lassen. Das Land verzeichnet  jährliche Brief- und Umsatzrückgänge von zehn Prozent. Briefträger haben deswegen nicht mehr allzu viel zu tun. Die Zusteller können deswegen nun auch zum Rasenmähen oder anderen Dienstleistungen im Haushalt bestellt werden.

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