Die Planierraupe rollt weiter

Böden sind die Basis des Lebens. Genutzt werden sie meist so, als ob sie nach- wüchsen. Doch der Verbrauch von Landschaft hat schwer- wiegende Folgen - für Wasser, Nahrung und Luft.

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Der Zähler tickt: Jede Sekunde nehmen die Bundesbürger weitere 8,52 Quadratmeter Boden für Siedlungen und Verkehrswege in Beschlag. Das sind zurzeit 73,6 Hektar pro Tag - mehr als 100 Fußballfelder. Im Schnitt der vergangenen vier Jahre (2008 bis 2011) beträgt die Landnahme sogar 81 Hektar.

Die Planierraupe rollt und rollt. Siedlungen mit Freizeitanlagen, Industrie und Gewerbe sowie Verkehrswege belegen umgerechnet bereits die Fläche der sechs Bundesländer Thüringen, Schleswig-Holstein, Saarland, Berlin, Hamburg und Bremen, sagt der Raumplaner Frank Schröter von der Technischen Universität Braunschweig. Der Ingenieur gibt auch einen Ausblick: Hielte dieser Verbrauch an, wäre bis Mitte 2036 zusätzlich die Fläche ganz Sachsens verbaut. Auf Schröters Homepage läuft die Flächenverbrauchsuhr "Bodenzähler" - eine Idee des Schweizer Bundesamts für Raumentwicklung.

Die Hälfte der von den Menschen beanspruchten Fläche ist und wird versiegelt - mit Asphalt, Dachziegeln, Beton, Pflastersteinen. Pro Sekunde 4,26 Quadratmeter.

Zahlenspiele? Noch nehmen die Bürger nur 13,4 Prozent der Fläche der Bundesrepublik für Wohnen, Arbeiten und Mobilität in Anspruch. Im dicht besiedelten Baden-Württemberg sind es 14,2 Prozent. Da bleibt für Landwirtschaft mit gut 50 Prozent, Wälder (30 Prozent) und Wasserflächen doch genug übrig?

"Der Boden ist kein vermehrbares Gut", entgegnet Heiner Grub vom Landesnaturschutzverband. Der ehemalige Tübinger Forstdirektor befasst sich seit Jahrzehnten mit Flächenverbrauch und Zersiedelung. Für Bodenexperten ist völlig klar: Ist der Boden einmal zerstört oder stark beeinträchtigt, werden die nächsten Generationen seine Wiederherstellung nicht mehr erleben. Dabei sind Menschen, Tiere und Pflanzen auf funktionsfähige Böden angewiesen:

Ein Hektar kann bis zu 3750 Tonnen Wasser speichern. Dies verringert nicht nur das Hochwasserrisiko. Es verhindert auch die Häufigkeit von Dürreperioden, vermeidet künstliche Bewässerung und Versalzung der Erdkrume.

Wasseraufnahmefähige Böden sichern die Neubildung von Grundwasser und füllen den Vorrat an Trinkwasser auf. Sie verhindern, das Schadstoffe in Grundwasser, Seen und Flüsse gelangen.

Böden spielen die entscheidende Rolle für die Lebensmittelproduktion. Sie sind die Basis für den Nachschub an Holz als erneuerbarem Werkstoff. Sie erhalten die biologische Vielfalt, da mindestens ein Viertel aller Tier- und Pflanzenarten in Böden leben. Die Mikroorganismen zersetzen organische Stoffe und tragen zur Wiedergewinnung der Nährstoffe für die Pflanzen bei. Zusammen mit Regenwürmern verbessern sie die Durchlässigkeit der Erde für Wasser und Luft. Viele Insekten sind vom Boden abhängig - sie vermehren sich dort, nisten, brüten und beziehen ihre Nahrung.

Intakte und bepflanzte Böden tragen zum Mikroklima bei. Sie wirken kühlend, befeuchtend, fördern den Luftaustausch, filtern Feinstaub.

Böden sind auch der größte Kohlenstoffspeicher. Sie enthalten mehr dieser organischen Substanz als die Atmosphäre und die Vegetation. Diese Eigenschaft verlieren sie, wenn der Oberboden bei Baumaßnahmen abgetragen und nicht wiederverwendet wird.

Gründe genug, den Flächenverbrauch auf das notwendigste Maß zu reduzieren. Die in kürzeren Abständen wiederkehrenden verheerenden Hochwasser belegen nicht nur, dass auf das Versiegeln von Flächen verzichtet werden muss, sondern auch, dass der Boden als Filter fehlt. 2002 waren die Überflutungsflächen an der Elbe stark mit Dioxin, PCB und Quecksilber belastet.

Die Landwirtschaft verliert durch die weitere Zersiedelung rund um die Ballungsgebiete Anbauflächen. Allein im Jahrzehnt bis zur Jahrtausendwende hat sie in Deutschland nach EU-Angaben bis zu 200 000 Hektar Fläche eingebüßt. Bauern und Agrarexperten weisen darauf hin, dass es sich häufig um besonders fruchtbare Böden handelt.

Die Europäische Union schätzt die Verluste an Weizenertrag allein zwischen 1990 und 2006 auf mehr als 170 000 Tonnen. Diese Tendenz hält an. Einen direkte Verbindung zu den Preissteigerungen der Lebensmittel und dem Flächenverbrauch zieht die EU nicht. Doch mittelfristig bestehe die Gefahr, dass die Bauern die Lebensmittelproduktion nicht mehr sicherstellen könnten.

Diese Zusammenhänge und Indizien erkennen die Politiker an. Sie haben ehrgeizige Ziele gesetzt, um den Flächenverbrauch zu verringern. Die Bundesregierung will ihn bis 2020 von 81 auf 30 Hektar senken. Die EU fordert das Ende jeglichen Netto-Verbrauchs für Siedlungs- und Verkehrsflächen bis 2050. Die grün-rote Regierung in Stuttgart hat 120 Kommunen gefördert, die den Flächenverbrauch reduzieren wollen, indem sie vorrangig innerörtliche Brachflächen erschließen oder die Sanierung leerstehender Gebäude vorantreiben.

Heiner Grub reicht das nicht. Er fordert bindende Vorgaben, um die Landschaft zu erhalten. Dazu gehöre, Arbeiten und Wohnen, Einkaufen und Freizeit wieder zusammenzuführen, aber auch der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Seine Bilanz: "Die frühere schwarz-gelbe Landesregierung hat nur rumgemurkst. Grün-rote Modellprojekte helfen zu wenig."

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