Die Legende vom "Strich"

Kopenhagens berühmte Fußgängerzone "Strøget feiert sich selbst. Zu früh zwar und unter falschen Vorgaben, aber das stört niemanden.

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Die Dänen feiern gerne, und wenn es dazu keinen Anlass gibt, erfindet man eben einen. Zum Beispiel an diesem Wochenende: Da feiert in Kopenhagen die "älteste und längste Fußgängerzone Europas" mit einem Volksfest ihren 50. Geburtstag. Zwar ist "Strøget (deutsch: der Strich) weder die älteste noch längste Flaniermeile und auch noch nicht 50. Aber was tut das, wenn man auf der 1100 Meter langen Strecke die Jubiläumstage mit Musik, Festivals und Einkaufstouren verbringen kann?

Nicht mal eine Straße ist "Strøget", sondern ein Zug aus vier Straßen und drei Plätzen, und erst vor ein paar Jahren hat die Stadt den Spitznamen den Originalnamen auf den Straßenschildern hinzugefügt, weil so viele Touristen immer wieder danach fragten. Dabei waren sie längst dort. "Strøget war Kopenhagens natürlicher Drehpunkt, auch schon lange, ehe es die Fußgängerzone gab", sagt Jan Michael Jansen, der Direktor von "Copenhagen City Center". Jedenfalls hat der "Strich" nichts mit Rotlichtmilieu zu tun. Nur kurzfristig nach der Freigabe der Pornografie in den 70ern war das Areal ein Dorado der Sexshops.

Am 17. November 1962 wurde "Strøget" zur verkehrsfreien Zone erklärt. Windig und kalt war es damals, kein Klima für Freiluftpartys. So zog man nun die Geburtstagsfete kurzerhand aufs letzte Sommerwochenende vor. "Wir benützen das Leben der Stadt, um die Stadt zu feiern", sagt Hansen. Feiern ein paar Monate zu früh, kein Problem. Man nimmt es auch sonst nicht so genau mit den Fakten. Älteste Fußgängerzone? Die Schulstraße in Stuttgart wurde schon 1955 vom Verkehr bereinigt, die Treppenstraße in Kassel noch zwei Jahre früher. Hansen zuckt mit den Achseln: "Fußgängerwege gab es immer schon. Ganz Venedig ist Fußgängerzone."

Und die längste? Die 1,1 Kilometer in Kopenhagen werden von der Hauptstraße in Heidelberg ebenso auskonkurriert wie von der Via Bafile in Jesolo oder der Rue Sainte Catherine in Bordeaux. "Am Tag der Eröffnung war Strøget die längste", gibt sich Hansen kompromissbereit. Die berühmteste mag sie sein. "Sie ist ein Wahrzeichen wie der Tivoli oder die Kleine Meerjungfrau", pocht der Lobbyist auf den Ruf der Straße im In- und Ausland.

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