Die Jünger mit der Rute

Die umstrittene Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" machte im vergangenen Jahr wegen Prügelvorwürfen Schlagzeilen. Inzwischen scheint es in der Urchristen-Gemeinde zu bröckeln.

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Einmal, so erinnert sich Christian Reip, hat er ein bisschen Zucker geklaut und gegessen. Die Erwachsenen in der Gruppe prangerten das an und forderten seinen Vater auf, das Kind zu bestrafen. Daraufhin ging der mit dem Sohn hinaus und verprügelte ihn. "Das Kind soll auf jeden Fall weinend zurückkommen, das erwarten die so", erzählt Reip. Szenen wie diese fallen dem heute 22-Jährigen massenweise ein, wenn er an seine Kindheit und Jugend in der Sekte "Zwölf Stämme" denkt.

Doch was heißt schon Kindheit? "Ich hatte keine Kindheit", sagt Reip. "Von klein auf mussten wir für die Sekte schuften." Die "Zwölf Stämme" sehen sich urchristlichen Idealen verpflichtet - eine Kommune der Jünger wollen sie sein, in der es keinen Besitz und keine Hierarchien gibt, in der alle streng gemäß dem Wortlaut der Bibel leben und arbeiten.

Vor viereinhalb Jahren ist Reip mit seinen Eltern und drei Geschwistern geflohen aus dem Sektenstützpunkt im fränkischen Wörnitz. Neben diesem betreibt die Gemeinschaft in Deutschland ein Anwesen in Klosterzimmern bei Deiningen im bayerisch-schwäbischen Landkreis Donau-Ries. Dort hat Reip einen großen Teil seines bisherigen Lebens verbracht. Jetzt sitzt der schlaksige Mann in einem Café und erzählt. Von Prügel mit der Rute, wenn Kinder "weltliche Musik" sangen. Oder wenn sie auf dem Hof herumrannten, die Arme ausgestreckt, und das Brummen eines Flugzeuges imitierten. "Wir standen unter totaler Überwachung."

Christian Reip wurde im Dorf Sus geboren, in Südwestfrankreich, wo die "Zwölf Stämme" einen wichtigen Stützpunkt unterhalten. Der Vater, ein Maschinenschlosser, war in den 1980er-Jahren friedensbewegt und mit den Zuständen in der Bundesrepublik des Kalten Krieges nicht einverstanden. Er fühlte sich angezogen von der Gruppe, die irgendwo zwischen alternativer Kommune und fundamentalistischem Christentum angesiedelt war, und zog dort mit seiner Frau ein.

Nun bestimmte die Kommune, wo die Familie zu leben hatte. "Es war ein ständiges Hin und Her", meint Reip. Mal wurden sie in die Nähe von Bremen beordert, dann zu anderen Stützpunkten. Das Ehepaar Reip hat sechs Kinder, doch die Familie wurde immer wieder getrennt - Christian etwa musste als 17-Jähriger alleine nach Sus, weil er Solaranlagen montieren konnte.

Nach erfolglosen Telefonaten ein Versuch, mit den Menschen in Klosterzimmern zu sprechen: Es ist ein Anwesen in Alleinlage, ein ehemaliges Zisterzienserinnen-Kloster mit einer gotischen Kirche als Zentrum. Ein Fußweg führt zwischen den Häusern und Feldern entlang, rechts große, alte Bauernhäuser, auf den Vorplätzen hängt Wäsche. Sehr schnell kommt eine Frau nachgelaufen: "Halt, was wollen Sie hier? Das ist Privatgrundstück." Sie hat lange grau-weiße Haare und trägt ein recht grobes, wallendes Kleid.

Gegenüber Reportern ist man hier misstrauisch, vergangenes Jahr hat sich einer eingeschmuggelt und viel Ärger verursacht. Schläge in der Erziehung und Schulverweigerung - wegen dieser Vorwürfe standen die "Zwölf Stämme" schon lange in der Kritik. 2013 hatte dann ein RTL-Reporter in Klosterzimmern heimlich Misshandlungen gefilmt. Das Jugendamt reagierte schnell: Am 5. September 2013 wurden in einer Razzia-ähnlichen Aktion mit viel Polizei alle Kinder aus den Familien geholt - insgesamt 40. Den Sektenmitgliedern wurde das Sorgerecht entzogen, die Kinder kamen in Heime und Pflegefamilien, besuchen seither die Schule. Nun wird vor Gericht um jedes Kind gerungen.

Von 1979 an hatte die Sekte versucht, Kinder selbst zu unterrichten. Sieben Jahre lang erteilte Bayern eine Genehmigung für privaten Unterricht. Christian Reip hat eine Bescheinigung, dass er die Schulpflicht erfüllt hat - mehr hat er nicht, nicht mal einen Hauptschulabschluss. Ihm ist auch nicht bekannt, dass irgendeines der Kinder einen Schulabschluss hat. Heute sagt Reip: "Mit dem Lesen und Schreiben tue ich mich schwer."

Ausgebildete Lehrer gab es kaum, dafür unterrichteten Hebammen und Erzieherinnen. Laut Reip wurden die Kinder täglich geschlagen. Die Frau, die am meisten unterrichtete, "war gefürchtet von allen Kids, die kannte keine Gnade". Sie habe "saumäßig mit der Rute draufgedroschen", auf offene Hände oder nackte Pos. Im alttestamentarischen Buch der Sprüche heißt es: "Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht." Reip, der jetzt eine Ausbildung macht, sagt: "Wenn es in der Firma wegen einer Kleinigkeit ein bisschen Ärger gibt, zieht mich das tagelang runter. Ich habe dann riesige Angst, schlimm bestraft zu werden." Er fühle sich oft "so schwer", bewundere, "wie leicht die Gleichaltrigen durchs Leben gehen".

In der Gemeinschaft unter Gleichen gebe es ein "Zwei-Klassen-System". Da seien Chefs mit Privilegien: Geld, Handys, Computer, Autos. Und da sei die "zweite Klasse", denen all das verwehrt werde. Kannte Reip Kinderbücher, Comics, Süßigkeiten, Filme? Er schüttelt den Kopf. Schokolade mache krank, wurde gesagt. Denn: "In Afrika, wo der Kakao herkommt, kacken die schwarzen Kinder darauf."

Irgendwann organisierte die Familie kleine Fluchten. Sie durften etwa zum Optiker ins 40 Kilometer entfernte Aalen. Da lebten die Großeltern, die ihnen etwas Geld zusteckten. Davon kauften sie zwei "Was-ist-was?"-Kinderbücher. Seit der Wegnahme der Kinder ist bei den "Zwölf Stämmen" einiges in Bewegung gekommen. 26 der 40 entzogenen Kinder sind weiter außerhalb untergebracht. Ein Ehepaar, dem vier Kinder entzogen wurden, hat die Sekte jüngst verlassen. Und fünf Familien mit Kindern im Jugendalter meldeten sich Ende April nach Österreich ab - um den Behörden zu entgehen, oder der Sekte?

Leben wie Urchristen

Ursprung Die "Zwölf Stämme" wurden in den 1970er Jahren von einer kleinen Gruppe in den Vereinigten Staaten gegründet. Die Glaubensgemeinschaft ist nach den Zwölf Stämmen Israels benannt, die nach der hebräischen Bibel "Tanach" das von JHWH (Eigenname Gottes im Tanach) erwählte Volk Israel bilden. Weltweit gibt es vermutlich 2000 Mitglieder.

Glaube Die Sekte sieht sich in der Tradition der Urchristen vor rund 2000 Jahren. Laut eigenen Angaben betrachten es die Mitglieder als Grundlage ihres Lebens, den Worten von Jesus Christus zu folgen, den sie hebräisch Jahschua nennen. Viele tragen hebräische Namen. Die "Zwölf Stämme" feiern den Samstag als Sabbat. Der Freitag ist Rüsttag.

Siedlungen Etwa 100 Mitglieder zählen die "Zwölf Stämme" in Deutschland. Die meisten leben in Klosterzimmern nahe Deiningen in Bayern, einige aber auch in Dörfern in Baden-Württemberg und Niedersachsen. Weltweit gibt es Gemeinschaften der "Zwölf Stämme" in Frankreich, Spanien, der Schweiz, Nordamerika, Südamerika und Australien. dpa/eb

SWP

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