Die IT-Systeme der Zukunft werden massiv in Alltag und Arbeitswelt eingreifen

Sprachen verstehen, vor Krankheit warnen, Mobilität optimieren, Energie sparen: Die Informationstechnik regelt den Alltag. Und die Menschen? Länger leben, kürzer arbeiten. Klingt gut. Was ist der Preis dafür?

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Fiktive Verschlüsselung heißt diese Collage. Superrechner sind auf große Datenmengen angewiesen, um daraus Schlüsse ziehen zu können.  Foto: 

Ray Kurzweil kann Prognose. Der Erfinder, Zukunftsforscher und Chefingenieur des Google-Konzerns sagte den Untergang der Sowjetunion und den Siegeszug des Internet voraus. Jetzt prognostiziert der 67-Jährige, dass "dreidimensionales molekulares Rechnen" die Hardware für künstliche Intelligenz (KI) auf menschlichem Niveau vor 2030 bereitstellen wird. 2045 könnten sich dann Maschinen durch "Nachkonstruktion" des menschlichen Gehirns selbstständig weiterentwickeln und verbessern.

Superintelligente Maschinen? "Vollkommener Unsinn", schreibt der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx. "Unsere Intelligenz basiert auf Unschärfen, Gefühlen, Sehnsüchten. Wir können staunen, lieben, uns wundern - alles, was Maschinen per definitionem fremd ist." Dass ein am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston entwickeltes Rechnersystem "ConceptNet 4" in einem Intelligenztest unlängst die gleichen Ergebnisse erzielte wie ein vierjähriges Kind, gibt eher Horx recht. Die Auffassungsgabe des KI-Systems blieb unterdurchschnittlich. Horx meint: Es sei gerade das bisweilen Langsame, das Assoziative, das den "menschlichen Geist zu seinen wunderbaren Leistungen animiert".

Massiv beeinflussen wird die künftige Informationstechnologie unser Berufs- und Privatleben dennoch, da stimmen alle Auguren überein. Die "Watsons" werden zu uns kommen - die neue Generation der Supercomputer. In 15 Jahren bevölkern sie Wohnzimmer, Büros, Fabrikhallen. Teurer als heutige PC sollen sie nicht sein, aber 4000 Mal leistungsfähiger. Die IBM-Maschine versteht, was man ihr sagt. Sie zerlegt Worte in Lautbestandteile, analysiert ihre Bedeutung und verarbeitet sie. "Watson" hat 2011 zwei Cracks der anspruchsvollen US-Quizsendung "Jeopardy" geschlagen. Er beantwortete die kniffligen Fragen schneller, er kann auf ein enzyklopädisches Wissen zurückgreifen.

"Amelia" von der US-Firma IPsoft versteht 21 Sprachen, beantwortet telefonisch tausende Fragen gleichzeitig, liest technische Handbücher im Halbminutentakt und soll mitteilen können, was an einem Gerät zu reparieren ist. Andere IT-Systeme analysieren Märkte, Krankheitsbilder, menschliches Fahrverhalten. Sie ziehen Schlüsse aus menschlichem Verhalten.

Ihre Fähigkeiten werden die Systeme aber nur entfalten, wenn sie auf superschnelle Übertragungsnetze zugreifen können. Entwickler arbeiten an Netzen, die einen Film 1000 Mal rascher auf einen Laptop laden als heute. Die Rechner sollen mit Sensoren untereinander kommunizieren. Allerdings benötigen diese Netze größere Frequenzbereiche (bis zu 300 Gigahertz - heute sind es 3,5), weitaus mehr Funkzellen statt weniger Sendemasten und eine Vielzahl der heutigen zwei bis vier Antennen pro Endgerät. Der Ausbau wird pro Land Milliarden-Investitionen verschlingen. Ihr Ziel hat die IT-Branche im Blick: ein universelles Netz. 2030 könnte es bereitstehen.

Die Folgen für Arbeitswelt und Alltag? Eine Studie des Schweizer Gottlieb Duttweiler Instituts skizziert zwei Szenarien - vorausgesetzt, die neuen IT-Systeme funktionieren weitgehend reibungslos.

Entweder geben weltweit agierende Großkonzerne den Ton an. "Die Menschen vertrauen sich einem Unternehmen an, als wäre es ihr guter Hirte, indem sie die Kontrolle über ihre Daten einer Firma überlassen." Dafür sorgt sich das Unternehmen um jeden Einzelnen, berücksichtigt seine Meinung, treibt dessen "Hyperspezialisierung" voran, sichert seinen Status, ermöglicht ihm ein komfortables Leben. Die totale Transparenz der Individuen ertüchtigt das Netz, ihre Wünsche sicher vorherzusagen.

Freiheit ist in einem "gesetzten Rahmen" möglich. "Totale Überwachung sowie Vernetzung mit Gleichgesinnten" bieten Sicherheit, erzeugen aber auch "Gruppendruck und sozialen Anschlusszwang". Eines übergeordneten Regulators bedarf es nicht mehr. "Der Staat tritt kaum noch in Erscheinung."

Oder die Menschen beherrschen "Kommunikation, Produktion und Logistik". Das Internet dient als "allgegenwärtiger Butler", der alle Dinge des Alltags organisiert. Den Freiraum nutzen die Menschen für "Kreativität und Innovation. Jeder kann jede Idee unternehmerisch umzusetzen". Das Netz dient als Plattform. Produziert wird Vieles lokal auf 3D-Druckern. Die Menschen kontrollieren ihre Daten und entscheiden, wer sie wozu nutzen darf. Sie haben "freien Zugang zu Wissen, digitaler Bildung und dezentralen Produktionsmitteln". Kleine Firmen lösen Großunternehmen ab. Durch Tausch, Kooperation und Selbstverwaltung erzielen "kleine Player" Vorteile gegenüber hierarchisch strukturierten Konzernen.

Voraussetzung: Die große Mehrheit der Individuen hat sich zum zentralen Ziel gesetzt, die Lebensqualität zu verbessern. Alle Gesellschaften auf dem Globus stimmen darin überein. Dies löst das "Streben nach Reichtum und Besitz" ab. Einer Zentralgewalt bedarf es nicht, auch keiner gewählten Volksvertreter. Jeder vertritt sich selbst.

Kopfgeburten einer Denkfabrik? Neue IT-Systeme werden unser Dasein umkrempeln. Maschinen fahren Auto und Lkw. Sie behalten den Überblick über getätigte Einkäufe, melden, was im Kühlschrank fehlt und ergänzen es. Sie wissen, wann der günstigste Strom fließt, starten Spül- und Waschmaschine oder Heizung. Steuern lassen sie sich fingerleicht per Smartphone oder auf Zuruf. Ein enspannter Alltag.

Die Superrechner und ihr Beiwerk dokumentieren gern Puls, Herzfrequenz, Schlafverhalten, zurückgelegte Kilometer und verbrauchte Kalorien. Kennen sie die Essgewohnheiten, messen Blutzuckerwerte und Colesterinspiegel, könnte zutreffen, was der 54-jährige Apple-Chef Tim Cook weissagt: Er erlebe es noch, dass Smartwatches Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes, ja sogar Krebs früh erkennen können. Selbst das Erbgut lässt sich dann wohl in Echtzeit entschlüsseln. Heute dauert dies noch etwa ein Stunde.

Als Konkurrenten dürften IT-Systeme Wissensarbeitern Jobs streitig machen - bis hin zu Managern. Sie analysieren Marktverhalten und leiten Trends ab, versorgen Rechtsanwälte als Digital-Assistenten mit Informationen, beantworten in Callcentern tausende Fragen gleichzeitig, gleichen Börsenkurse mit Unternehmensdaten ab und treffen Kauf- und Verkaufsentscheidungen in Millisekunden; prüfen Produktqualitäten en Detail; berechnen die Statik von Gebäuden. . . Wie viele alte Arbeitsplätze wegfallen und neue entstehen, vermag niemand zuverlässig zu prognostizieren.

Komplett auf den Prüfstand gestellt wird der Bildungssektor. Das Lernen von Detailwissen dürfte noch als Training des Gedächtnisses wichtig sein. Ganz wesentlicher Unterrichtsinhalt wird, Zusammenhänge zu begreifen, Kreativität zu mobilisieren, neben den Kulturfertigkeiten Lesen, Rechnen und Schreiben Kultur zu entwickeln.

Aufhalten lässt sich diese schleichende Digital-Revolution wohl kaum. Und natürlich geht es den Anbietern der Systeme zuerst ums Geldverdienen, in zahllosen Geschäftsmodellen. Welche Daten Menschen preisgeben, wird letztlich über ihre Selbstbestimmung als Verbraucher, Erwerbstätiger und Bürger entscheiden. Bevölkern werden die Watsons, Amelias und ihre Nachfahren Fabriken, Büros und Wohnungen sowieso, ob als Boss oder Butler dürfte ihnen egal sein.

Die Macht der Algorithmen

Verfahren Die Fähigkeiten der IT-Systeme basieren auf Algorithmen - Berechnungsverfahren für mathematische Probleme. In der Informatik berechnen sie Probleme, die entscheidbar sind. Analysiert ein Algorithmus nach einer Fragestellung Daten, funktioniert er, wenn er ein Ergebnis liefert. Nun prüft der Programmierer dessen Plausibilität und teilt dem System mit, ob es richtig gelegen hat. "So trainiert man Algorithmen", sagt die US-Techniksoziologin Zeynep Tufekci. Sie spricht ihnen "Handlungsmacht" zu.

Prognose Je mehr Daten eines Vorgangs analysiert werden, um so sicherer ist es, die Wahrscheinlichkeit von Handlungen vorherzusagen. In Prozessen sind Daten Momentaufnahmen. Analysiert man große Mengen, reduziert sich die Unschärfe des Ergebnisses.

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