Die Fake-Nacht von Dortmund

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Die Feuerwehr löscht den Kleinbrand am Gerüst der Reinoldikirche.  Foto: 


Während sich Deutschland und Teile des Auslands in der Silvesternacht auf die Geschehnisse in Köln konzentrieren, tobt gut 70 Kilometer weiter nordöstlich ein Mob. 1000 Mann rotten sich in Dortmund zusammen, skandieren „Allahu Akbar“ und setzen eine Kirche in Brand. Und das auch noch weitgehend unbemerkt von der deutschen (Medien-)Öffentlichkeit. Keine Sorge, das ist nicht wahr. Allerdings ist es genau das, was die Internetseite Breitbart als Realität verkauft – und sich dabei in ihrer Darstellung auf ein Medium aus Nordrhein-Westfalen bezieht.

 Peter Bandermann ist Reporter bei den Ruhrnachrichten und es ist seine Berichterstattung über die Silvesternacht in Dortmund, die unfreiwillig zur Vorlage für Breitbart London wurde. Breitbart London ist der englische Ableger der US-Nachrichtenseite Breitbart.com, deren langjähriger Chef Stephen Bannon vergangenen Sommer zum Chefstrategen des designierten US-Präsidenten Donald Trump aufgestiegen ist.

Allgegenwärtig seit der US-Wahl

Bandermann und Breitbart, das sind zwei der Protagonisten dieser Geschichte, die ein Lehrstück dafür ist, wie gezielte Umdeutung von Fakten und Dramatisierung von Meldungen wirken können. Sie zeigt, wie sich Berichte im Internet verselbständigen und „der Urheber am Ende als Verdreher dastehen kann“, wie Bandermann sagt. Es geht um Falschnachrichten, sogenannte Fakenews, wie sie spätestens seit dem US-Wahlkampf im vergangenen Jahr immer wieder Thema sind – und über die seither in Deutschland diskutiert wird, ob sie einen Einfluss auf die Bundestagswahl im Herbst haben könnten.

Ihren Anfang nimmt diese Geschichte am Abend des 31. Dezember. Reporter Bandermann läuft durch die Straßen der westfälischen Metropole. Er fotografiert, er macht Videos, er spricht mit Polizei, Feuerwehr und Verantwortlichen der Stadt Dortmund. Er verflicht diese Informationen mit seinen Beobachtungen und erstellt für die Ruhrnachrichten eine Chronologie des Abends.

Bandermann beschreibt, dass „laut Polizei auffällig viele junge Männer aus nordafrikanischen Ländern unterwegs“ sind. Im selben Post führt er aus: „Die Situation ist insgesamt laut und friedlich.“ Als die Polizei kurz vor Mitternacht die Zahl der Einsatzkräfte aufstockt, berichtet er das ebenso wie die Versammlung von „mindestens 1000 überwiegend jungen Männern“ auf dem Platz von Leeds nahe der Reinoldikirche sowie dass „mehrere Unbekannte Böller auf Polizisten schleuderten und Pyrotechnik in die Menschenmenge feuerten“.

Bandermann dreht ein Video, wie eine Gruppe „von 50 bis 70 Syrern ,Allahu Akbar’ singt“. Er befragt mehrere von ihnen: Sie feiern den Waffenstillstand in ihrer Heimat. Und als eine verirrte Rakete am Fangnetz eines Baugerüsts der Reinoldikirche „ein kleines Feuer“ auslöst, beschreibt er auch das.  Tage später resümiert Bandermann: „Das war sicher kein Kindergeburtstag, aber das war auch kein Terroranschlag.“

Wenn auch nicht zu einer Horrornacht, so doch zumindest zu einem Abend des kompletten Kontrollverlusts interpretiert die Breitbart-Autorin Virginia Hale Bandermanns Ausführungen um. Ihre Überschrift, übersetzt aus dem Englischen: „1000-Mann-Mob attackiert Polizisten, zündet Deutschlands älteste Kirche an.“ Der Einstieg in den Text: „Bei den Neujahrsfeierlichkeiten hat ein Mob von mehr als 1000 Männern ,Allahu Akbar’ gerufen, Feuerwerk auf Polizisten geworfen und eine Kirche in Brand gesetzt.“

Mal abgesehen davon, dass die Reinoldikirche nicht die älteste Kirche Deutschlands ist, verfasst die Autorin einen stilistisch sicheren, nüchternen Bericht – auf der Basis von Bandermanns Recherchen, ohne eigene Quellen. Sie nimmt den realen Anlass von Polizei- und Feuerwehreinsätzen, arrangiert Fragmente von Bandermanns Bericht allerdings um und stellt andere Sinnzusammenhänge her. So entsteht das Bild einer Nacht, in der Polizei und Feuerwehr die Kontrolle über einen außer Rand und Band geratenen Mob verloren haben. Die Beschreibung Bandermanns bekommt eine völlig andere Stoßrichtung. Der Reporter sagt: „Durch Fakten hätten sie sich ihre Geschichte kaputt gemacht.“

Fakenews als Geschäftsmodell

Der Berliner Kommunikationswissenschaftler Joachim Trebbe hat beobachtet, dass sich vor allem rechtspopulistische Medien solcher Methoden bedienen. Trebbe spricht von „Gegenmedien“, die „gewisse journalistische Qualitätsmerkmale aushebeln“. Extrem zugenommen habe das im US-Wahlkampf. Trebbe hat dort eine „Emotionalisierung und Radikalisierung von Inhalten“ festgestellt. Ein weiteres Problem: Fakenews sind ein Geschäft. Wie das Magazin „Die Zeit“ im Dezember berichtete, kommen viele Falschmeldungen etwa aus der mazedonischen Stadt Veles. Für viele Menschen dort wurde das Verbreiten von Falschnachrichten zur US-Wahl demnach wegen der auf ihren Webseiten geschalteten Werbung lukrativ.

Dass Fakenews global sind, zeigt sich auch am Dortmunder Beispiel. Der österreichische Rechtsausleger wochenblick.at greift die Stoßrichtung von Breitbart auf und macht daraus in seiner Nachricht sogar einen „Beschuss“ der Reinoldikirche. Der Artikel bezichtigt Reporter Bandermann zudem, die Geschehnisse herunterzuspielen: „Die Ruhrnachrichten sind bemüht, die Sache nicht zu sehr aufzubauschen.“ Bandermann sagt: „Da soll der Urheber öffentlich diffamiert und seine Glaubwürdigkeit angezweifelt werden.“

Beleidigungen und Morddrohung

Die Wochenblick-Meldung findet so in nochmal verschärfter Form den Weg zurück nach Deutschland – und zum Dortmunder Bundestagsabgeordneten Thorsten Hoffmann (CDU). Hoffmann, gelernter Polizist, ist alarmiert beim Thema Reinoldikirche, die kurz vor Weihnachten von Neonazis besetzt worden war. Er und sein Team veröffentlichen eine Pressemitteilung, in der der Polizist seinen Kollegen für die geleistete Arbeit an Silvester danken möchte. Aufgrund der „besonderen Sensibilisierung“ greifen sie darin auch den „Beschuss“ der Kirche auf. Ein Fehler, wie Hoffmann zugibt: „Das hätten wir anders formulieren müssen.“ Er und sein Team reagieren „so schnell wie möglich“ und posten auf Facebook eine Richtigstellung. Die Reaktionen auf die Pressemitteilung fallen weniger negativ aus, als Hoffmann befürchtet hatte, die Dortmunder Silvesternacht aber ist jetzt auch in Berlin angekommen.

„Rechtspopulisten haben das doch gerne, was da passiert“, sagt Hoffmann mit Blick auf die Bundestagswahl. Und Bandermann fürchtet, „dass sich die AfD die Hände reibt“. Er erhält nach der Berichterstattung von Twitter-Usern Beschimpfungen bis hin zu Morddrohungen, dazu die Frage, „wann ,endlich’ 100.000 Leute Angela Merkel lynchen“. Bandermann und seine Kollegen sind erfahren im Umgang mit Falsch­nachrichten, auch mit Attacken gegen sich. Im Rahmen ihrer Recherchen in der Dortmunder Neonazi-Szene hätten sie immer wieder damit zu tun.

„Transparent arbeiten, Unterschiede aufzeigen“, das sei das Gebot, sagen Wissenschaftler Trebbe, Politiker Hoffmann und Reporter Bandermann unisono. Bandermann hat nach den Vorkommnissen einen Bericht veröffentlicht, in dem er seine Arbeit offenlegt, über Fakenews aufklärt und die Breitbart-Berichterstattung als solche anprangert. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. In einem weiteren Artikel bezeichnete Breitbart-London-Chef Raheem Kassam, ein enger Vertrauter des obersten Brexit-Betreibers Nigel Farage, das als „verlogene Attacke“ und „Fake Fake-News“.

Die Berichte zur Nacht von Dortmund zeigen, wie man mit Falschmeldungen global Feuer legen kann, ohne dass es größer gebrannt hat. Breitbart plant im Übrigen den Aufbau einer deutschsprachigen Dependance.

„Fakes sind heute boshafter“

Andre Wolf betreibt mit seinen Kollegen die Internetseite mimikama.at. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, Betrügereien und Falschnachrichten im Netz aufzudecken.

Herr Wolf, Sie und ihre Kollegen decken seit 2011 Falschmeldungen, sogenannte Fakes, im Internet auf. Was hat sich seither verändert?

Andre Wolf: Grundsätzlich sind Falschmeldungen nichts Neues. Es gibt sie seit es ein Transportmedium gibt. Allerdings hat sich mit dem Internet das Tempo erhöht. Und während es zu Beginn noch humorvoller war, hat sich seit Anfang oder Mitte 2015 ein boshafter, bisweilen fremdenfeindlicher Charakter von Falschmeldungen entwickelt.

Wo treten sie besonders oft auf?

Wolf: Falschmeldungen wirken insbesondere da, wo Angst ist. Aktuell ist das gerade beim Thema Flüchtlinge zu beobachten. Da kommt dann natürlich noch die Islam-Debatte hinzu und so wird ein gewisses Bild gezeichnet. Grundsätzlich muss man unterscheiden: Es gibt sogenannte Alternative Blogs, die oft stark subjektiv gefärbte Meldungen verbreiten - und das meist ohne Quellen. Dann gibt es Trägermedien wie Facebook-Seiten, die auf solche Blogs verlinken. Und dann Fake-Accounts, die sich ein breites Freundes-Netz schaffen und in diesem dann punktuelle Meldungen als gemeingültig darstellen.

Was sind die schlimmsten Fakes?

Wolf: Das sind Fakes, die bewusst Menschen diffamieren. Ein aktuelles Beispiel: Das Bild des syrischen Flüchtlings, der mit Bundeskanzlerin Merkel ein Selfie aufgenommen hat, wird immer wieder missbraucht. Zuletzt wurde es sogar in Zusammenhang mit dem Fall in Berlin gestellt, als eine Gruppe junger Männer versucht hat, einen Obdachlosen anzuzünden. Es wurde behauptet, dieser Junge sei dabei gewesen.

Nehmen wir die Internetseite Breitbart. Dort hat ein Autor einen Artikel der Ruhrnachrichten zur Silvesternacht in Dortmund so uminterpretiert, als wäre die Situation völlig außer Kontrolle gewesen...

Wolf: Breitbart ist ein gutes Beispiel. Die Seite arbeitet viel mit sogenannten Hybrid-Fakes. Das bedeutet: Es gibt einen wahren Kern, der aber in einen anderen Kontext gesetzt wird. Der Fakt des Feuerwehr- und Polizeieinsatzes wird dramatisiert, ergänzt und umgedeutet – bei noch immer nüchternem Schreibstil.

Die Meldungen gleichen einem realen Medienbericht...

Wolf: Ja, die Seiten und Meldungen sind mittlerweile extrem professionell und handwerklich gut gemacht. Früher haben die vielleicht wild geblinkt. Aber das sind kluge Köpfe, die da hinter sitzen. Menschen, von denen sicher manch einer einen journalistischen Hintergrund hat. Das macht es umso schwerer.

Wie kann man so einen Fake denn abschütteln oder bleibt da immer was hängen?

Wolf: Das ist ja eben das Problem. Wiederholung macht nicht wahrer, sie fühlt sich aber wahrer an. Ein Beispiel, das mir immer wieder einfällt: Es gibt die Behauptung, die Antifa bekäme Geld vom Staat dafür, wenn sie bei einer Nazi-Demo als Gegner auftreten. Das hat sich bei einigen Menschen tatsächlich festgesetzt, die das glauben.

Wie ist vor diesem Hintergrund das soziale Netzwerk Facebook zu bewerten?

Wolf: Facebook ist das Trägermedium schlechthin. Mir stellt sich hier die Frage: Wer ist die Entscheidungs-Instanz? Das Counterspeech-Prinzip, also dass die Benutzer das selbst regulieren, funktioniert offensichtlich nicht. Das Problem ist auch, dass Facebook natürlich auch ein bisschen davon lebt, von solchen Meldungen. Es ist ein bisschen Brot und Spiele.

Und wie betrachten Sie die großen Verlags- und Medienhäuser in dieser Diskussion?

Wolf: Es gibt sicher Strömungen, die das Internet nicht so gerne haben. Wo vielleicht auch eine etwaige thematische Zusammenarbeit nicht zustande kam und gesagt wurde: „Zu dem Thema können wir grad nichts sagen.“ Dann gibt es natürlich aber auch einige, die interdisziplinär arbeiten wollen. Mit MDR, NDR und Süddeutscher Zeitung zum Beispiel haben wir zu einem Thema einer Fake-Seite sehr gut zusammengearbeitet. Ich betrachte das als Marktplatz der Informationen. Und da können tolle Sachen entstehen.

Was kann jeder einzelne tun, damit er nicht einer Falschmeldung aufsitzt?

Wolf: Jeder sollte ein Gefühl für Nachrichten entwickeln. Es gibt ein paar einfache Leitfragen: Wirkt das stark dramatisiert? Zielt das immer wieder in eine Richtung? Auf wen bezieht sich der Text? Dann sollte man anhand von Schlagworten einen Abgleich mit anderen Texten machen, die Zeit sollte man sich selber nehmen. Überhaupt würde ich mir wünschen, dass man sich bei der Informationsaufnahme entschleunigt. Denn den Filter, den die Medien noch vor 20 Jahren dargestellt haben, den gibt es heute nicht mehr. Jeder ist Sender und jeder ist Empfänger. Und dem Empfänger kommt heute zunehmend die Filterfunktion zu. Insofern muss man die Informationen auch selber für sich sortieren und bewerten.

Da muss man wahrscheinlich so früh wie möglich ansetzen…

Wolf: Ja, da muss man an Schulen rangehen. Wir müssen da ansetzen. Man muss den Umgang und das Entdecken lernen. Das ist eine mittel- bis langfristige Angelegenheit. Da geht es auch um die Frage des „digitalen Ich“. Dadurch dass ich aktiv an Informationen teilhaben kann, trage ich auch Verantwortung: Wie verhalte ich mich anderen gegenüber? Ich sage immer: Verhalte dich im Netz so, wie du es auf der Straße auch tun würdest.

Zur Person Andre Wolf, 39, betreibt mit seinem Kollegen Tom Wannenmacher, 47, von Wien aus die Internetseite mimikama.at. Gestartet sind sie 2011, ihr Ziel ist es, Betrügereien und Falschnachrichten im Netz aufzudecken. An ihrer Seite haben sie 17 ehrenamtliche Helfer, die Finanzierung läuft über Spenden und Werbung.


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