Deutschland: „Verunsicherung wird weiter zunehmen“

Der Zusammenhalt in Deutschland ist gut, doch auch hier gibt es ein großes Konfliktpotenzial, sagt Andreas Grau von der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh.

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Andreas Grau: Populisten nicht das Feld überlassen.  Foto: 

Herr Grau, wie ist es um den sozialen Zusammenhalt in Deutschland bestellt?

ANDREAS GRAU: Deutschland ist im internationalen Vergleich relativ gut aufgestellt. Der soziale Zusammenhalt ist zwar ein komplexes Gebilde, das aus mehreren Dimensionen besteht. Wenn wir bei unserem „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ aus all diesen Faktoren einen Gesamt-Index bilden, dann befindet sich der soziale Zusammenhalt in Deutschland international im oberen Mittelfeld.

In vielen westlichen Ländern scheint der gesellschaftliche Zusammenhalt zu erodieren.

GRAU: Das stimmt nur bedingt. In unserem Ranking liegen Österreich und die USA im selben Feld wie Deutschland, Großbritannien und Frankreich etwas weiter unten. Was wir in diesen Ländern beobachten, ist nicht unbedingt eine Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts, sondern gesellschaftliche Konflikte, die sich anhand bestimmter Themen entzünden.

Gibt es hierzulande Themen mit ähnlichem Konfliktpotenzial?

GRAU: Wir haben einen Punkt ausgemacht, der ein solches Potenzial beherbergen könnte: Die Akzeptanz von Diversität, also die Akzeptanz von Personen mit anderen Wertvorstellungen und Lebensweisen. Über die Jahre hat sich dieser Faktor in Deutschland relativ verschlechtert. Gerade beim Thema Einwanderung gibt es eine zunehmende Polarisierung: Auf der einen Seite das sehr hohe zivilgesellschaftliche Engagement und auf der anderen Seite eine Zunahme von fremdenfeindlichen Übergriffen.

Können die Anschläge in Würzburg  und Ansbach diese Polarisierung weiter vorantreiben?

GRAU: Die Angst vor Kriminalität ist in Deutschland vergleichsweise hoch und wird durch solche Gewalttaten weiter befördert. Im Februar waren 79 Prozent der Befragten in Deutschland laut einer Allensbach-Umfrage überzeugt, dass mit der Zahl der Flüchtlinge auch die Kriminalität zunehmen wird. Diese Verunsicherung wird zunehmen. Es ist zu befürchten, dass die Stimmung gegenüber Geflüchteten negativer werden könnte.

Wie sehr können Populisten den sozialen Frieden gefährden?

GRAU: Populisten bedienen sich eines gewissen Meinungsvorrats in der Gesellschaft, also bereits vorhandener Vorurteile. Wir dürfen nicht den Fehler machen, ihnen dieses Feld zu überlassen. Das in der Zuwanderung lauernde Konfliktpotenzial ist genau der Punkt, an dem wir als Gesellschaft arbeiten müssen, indem wir Konflikte miteinander aushandeln.

Wie stark ist der soziale Zusammenhalt von der Politik abhängig?

GRAU: Politik hat die Aufgabe, in pluralistischen Gesellschaften Konflikte zwischen unterschiedlichen Gruppen zu regeln. Insofern ist der soziale Zusammenhalt auch maßgeblich von der Politik abhängig. Allerdings gibt es nicht die eine Stellschraube, an der man drehen kann, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Pegida versucht immer wieder, Politiker als Macht-Elite darzustellen.

GRAU: Populisten versuchen, die Gesellschaft in „die da oben“ und „wir da unten“ zu unterteilen. Das entspricht jedoch nicht der Wahrnehmung der breiten Bevölkerung. Die demokratischen Strukturen und ihre Institutionen sind in Deutschland anerkannt. Der Vertrauensverlust ist nicht so stark, wie es momentan den Anschein hat.

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