Deutsche sind heute selbstbewusster

Vergangenheitsbewältigung, Wiedervereinigung und Europa haben Deutschland geholfen, von den USA ernstgenommen zu werden. Das sagt Dr. Ute Bechdolf vom Deutsch-Amerikanischen Institut in Tübingen.

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Ute Bechdolf: Es gibt sehr viele offene und nachdenkliche Amerikaner. Foto: privat

Wären Sie gerne dabei, wenn US-Präsident Barack Obama morgen am Brandenburger Tor spricht?

UTE BECHDOLF: Ja, weil er als überzeugender Redner an dieser symbolträchtigen Stelle sicherlich glänzen wird. Leider konnte ich aus Zeitgründen der Einladung nach Berlin nicht folgen.

Vor 50 Jahren hat der damalige Präsident Kennedy seine berühmte Berliner Rede gehalten. Was ist die gravierendste Veränderung im deutsch-amerikanischen Verhältnis?

BECHDOLF: Die Deutschen sind selbstbewusster geworden. Unsere Vergangenheitsbewältigung wird von den Amerikanern als vorbildlich angesehen und hat uns aus der Rolle der Besetzten befreit - derer, die man klein halten muss. Die Wiedervereinigung und wie wir sie gestaltet haben, war ein weiterer wichtiger Schritt. Und: Europa hat uns gestärkt, wir sind ein ernstzunehmender Partner geworden.

Wie nah sind sich Deutsche und Amerikaner heute?

UTE BECHDOLF: Das Verhältnis ist immer noch ein besonderes, die Amerikaner waren im Zweiten Weltkrieg unsere Retter. Viele unserer Werte stimmen noch heute überein. 25 Prozent der Amerikaner sagen, sie hätten deutsche Wurzeln. Allerdings bezeichnen inzwischen 24 Prozent der Deutschen die Franzosen als beste Freunde, und nur noch 23 Prozent meinen, es seien die Amerikaner.

Woran liegt das?

BECHDOLF: Uns unterscheidet mehr voneinander, als wir denken, wobei die Gründe dafür in der Geschichte liegen. Religion etwa ist extrem wichtig für die Amerikaner. In den USA besuchen 70 Prozent regelmäßig ihre Kirche, in Deutschland sind es vielleicht 20 Prozent. Wir gehen aber auch ganz anders mit dem Thema Sicherheit, Terrorismus und Waffen um - der Mehrheit der Deutschen ist Militarismus zuwider. Aber auch unsere Einstellung zum Erfolg ist eine andere als die der Amerikaner. Das haben wir in unserem Institut eben wieder erfahren.

Inwiefern?

BECHDOLF: Wir haben freie Plätze für unser Jugendcamp im Allgäu ausgeschrieben, gestiftet von der US-Botschaft. Deren Anregung war, einen kleinen Wettbewerb zu veranstalten und die Bewerber zu bitten, einen Essay zu schreiben. Das Ergebnis: Wir haben weniger Einsendungen als Plätze. Mehrfach habe ich zu hören bekommen: Diese Hürde ist doch sehr hoch. In Deutschland sind wir es gewohnt, dass es viele Dinge umsonst gibt. Die Idee in den USA heißt: Streng Dich an, dann kriegst Du was.

Wie ausgeprägt sind unsere Vorurteile gegenüber Amerikanern noch?

BECHDOLF: Die häufigsten Stereotype lauten weiter: Amerikaner sind oberflächlich, unpolitisch und haben wenig Kultur. Doch wer in die USA reist, wird oft etwas anderes finden. Der persönliche Kontakt lässt sich durch nichts ersetzen. Unser Austausch zeigt: Es gibt sehr viele offene, nachdenkliche und sozialkritische Amerikaner. Wir Deutsche denken, Amerika sei uns sattsam bekannt, zugleich aber ist es uns merkwürdig fremd. Umso wichtiger, dass wir neugierig aufeinander bleiben.

Info Dr. Ute Bechdolf leitet das Deutsch-Amerikanische Institut in

Tübingen, das zu einem besseren

Verständnis der Werte und Kultur

beider Länder beitragen will. Es bietet Vorträge, Ausstellungen, Sprachtraining und Austauschprogramme.

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