Deutsche Katholikentag im religiös desinteressierten Leipzig

Kaum ein Leipziger ist katholisch. Ab Mittwoch werden trotzdem viele Papst-Anhänger in der Stadt sein. In Leipzig findet der 100. Katholikentag statt.

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Die Botschaft wirkte wie in Stein gemeißelt: „Das 11. Gebot: Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen!“, stand auf einem imitierten Felsen neben einem mit erhobenem Zeigefinger drohenden Moses. Die Aktion auf dem Leipziger Marktplatz rieb sich an Rathausplänen, zum heute beginnenden 100. Katholikentag in der sächsischen Metropole eine Million Euro beizusteuern. Schnell fühlten sich damit all jene bestätigt, die schon immer gewarnt hatten, ein religiöses Großereignis im entchristlichten Osten auszurichten. Damit ging nicht nur unter, dass hinter diesem Protest die Giordano-Bruno-Stiftung aus Rheinland-Pfalz stand, die zuvor auch schon in Regensburg gegen die Subventionierung von Kirchentagen demonstriert hatte. Es verstärkte vor allem gängige politische Klischees.

Aber ist der Osten aufgrund jahrzehntelanger atheistischer Indoktrinierung wirklich so gottlos, wie es scheinen mag? Zumindest ist es nicht der erste Kirchentag in den neuen Ländern, auch nicht der erste Katholikentag. Bereits 1994 lud Dresden ein, während Leipzig 1997 einen Evangelischen Kirchentag ausrichtete. 2017 sind neben Berlin gleich acht Städte in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen Gastgeber des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages. Zudem gab es auch in der DDR große Christentreffen, etwa 1989 in Leipzig, sowie 1987 in Dresden den einzigen ostdeutschen Katholikentag mit 100.000 Besuchern.

Die kirchliche Laienszene, auf die diese Zweijahrestreffen bauen, ist im Osten allerdings nicht annähernd so stark wie in anderen deutschen Regionen. Gut vier von fünf Menschen gehören hier keiner Konfession an. Zum römischen Glauben bekennt sich in Leipzig nicht einmal jeder zwanzigste Einwohner. Im Kernland der Reformation lebten die Katholiken auch bis 1945 eher in der Diaspora.

All das führt zu recht überschaubar gefüllten Gotteshäusern, einer noch immer sehr hohen Zahl nichtchristlicher Jugendweihen und auch dazu, dass Leipzig nicht genug private Gästebetten für die Teilnehmer des Katholikentages zusammenbekam. Hierin schlägt sich zugleich die große Skepsis gegenüber den Amtskirchen westdeutscher Prägung sowie deren Finanzgebaren nieder. Deswegen erlebte der Osten ab 1990 eine Kirchenaustrittswelle.

In der DDR genoss die Kirche zumindest im aufgeklärten Bildungsbürgertum ein hohes Prestige. Nur verbanden viele die Gotteshäuser eher mit Kultur als mit Glaube und Klerus. Die prägenden Dome, Klöster und Kapellen wurden staatlich gepflegt und restauriert, nicht nur im Advent genoss das fromme Repertoire der weltweit tourenden Knabenchöre aus Leipzig und Dresden Kultstatus bis in Parteikreise hinein. Vor allem die protestantische Kirche stand für eine feinnervig-alternative Kulturszene, die von den Behörden sehr lange toleriert und damit latent aufgewertet wurde, sofern sie sich nicht ins Politische einmischte.

Mithin heißt ungläubig, bezogen auf Deutschlands Osten, nicht ungebildet und kirchenkritisch nicht kirchenfeindlich. So musste sich selbst das Zentralkomitee der deutschen Katholiken harsche Worte aus dem sächsischen Bistum anhören, als dort vor dem Jubiläumskirchentag Vorurteile gegenüber dem Osten aufkamen. Der damalige Apostolische Administrator von Dresden-Meißen und heutige Berliner Erzbischof, Heiner Koch, rügte etwa eine „fehlende Sensibilität“ gegenüber den Menschen in diesen Regionen. Stattdessen warb er um eine stärker „argumentative und transparente“ Diskussion. So sei etwa im Osten kaum bekannt, dass die Katholikentage eben nicht vom Bistum organisiert werden.

Anderseits ist  in Sachsen der konfessionelle Religionsunterricht längst Lehrfach mit Verfassungsrang. Zudem wird das Land seit 1990 von katholischen Ministerpräsidenten regiert. Auch im Leipziger Rathaus saßen stets Christen im Chefsessel. Der aktuelle Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) ist sogar Theologe. 1991 kam er aus dem Siegerland nach Leipzig, um hier ein inzwischen sehr gut angenommenes evangelisches Schulzentrum aufzubauen. Dennoch nennt auch er es „mutig, vielleicht sogar verwegen“, zu einem Katholikentag in seine Stadt einzuladen. Denn niemand könne im Vorfeld sicher sagen, „wie die Menschen hier auf das Angebot reagieren und in welcher Form sie sich an den Diskussionen zu sozialen, ethischen und kirchlichen Fragestellungen beteiligen“.

 Immerhin erlebt der Schulseelsorger und Blogger René Pachmann vom Erzbischöflichen Ordinariat Berlin – aufgewachsen in einer katholischen Thüringer Familie – bei seinen ostdeutschen Landsleuten inzwischen einen „praktischen Atheismus oder Alltagsmaterialismus, der nicht mehr brauche und nicht mehr suche als ein ruhiges alltägliches Auskommen“. Ostdeutsche seien nach seiner Erfahrung weder atheistisch noch gläubig, sondern „schlicht religiös desinteressiert“. Jedwede spirituelle Dimension spiele in ihrem Alltag keine Rolle. Doch das empfindet Pachman kaum noch als Ostspezifikum. Die gesamte heutige Bundesrepublik sieht er „mit ihrer zunehmenden Säkularisierung viel mehr ,ver-ostet‘ als die westdeutschen Kirchenleitungen das wahrhaben wollen“.

Politiker wie Sachsens Regierungschef Stanislaw Tillich (CDU), seit der Kindheit praktizierender Katholik, sehen deshalb in diesem Kirchentag eine große Chance, „mit Unwissen in Sachen Religion aufzuräumen“. Leipzigs Rathauschef Jung will zudem in jenem säkularisierten Umfeld über „aktuelle politische Herausforderungen wie die Flüchtlingsfrage und das große Thema Integration“ diskutieren. Denn diese Themen gingen „uns alle an, egal ob gläubig oder nichtgläubig“, sagt er – und gesteht zugleich sein schweres Unbehagen in Bezug auf ausländerfeindliche Gruppen wie Pegida. „Ich sage es ganz deutlich: Ich halte die Stimmung im Land Sachsen kaum noch aus“, so Jung unlängst in einem Interview. Die vier AfD-Mitglieder im Leipziger Stadtrat erlebe er indes als „Menschen, mit denen man einen Dialog führen kann“.

Schaut Burkhard Jung heute aus seinem Amtsfenster im Rathaus, dann blickt er auf die nagelneue Leipziger Probsteikirche St. Trinitatis. Sie fasst 600 Besucher, ist damit der größte Kirchenneubau im Osten Deutschlands seit der Einheit, und steht damit zugleich für ein neues Phänomen: Die Zahl der Katholiken in der Stadt wächst im Moment überraschend zügig. Inzwischen zählen die Gemeinden gut 4400 Gläubige, darunter viele Zuzügler aus Westdeutschland. Der Katholikentag könnte diesen Trend verstärken.

Stress wegen AfD

Ausladung Vor dem Katholikentag sorgt die Ausladung der AfD von Diskussionsveranstaltungen für Streit. „Ausgrenzungen haben uns immer nur stärker gemacht“, sagte AfD-Vize Alexander Gauland in einem Streitgespräch mit dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg. Gauland bekräftigte die Ablehnung der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung und kritisierte die Haltung der Kirchen dazu. Die AfD sei keine christliche Partei – „wir sind eine deutsche Partei, die sich bemüht, deutsche Interessen wahrzunehmen.“ ZdK-Präsident Sternberg warf der AfD dagegen vor, es sei „unchristlich“, Menschen auf „ihre nationale Zugehörigkeit zu reduzieren“. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) forderte dagegen, mit der AfD zu reden und zu streiten. „Problematisches Gedankengut muss man als solches entlarven, im Gespräch und auch auf offener Bühne.“ epd

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