Deutsche in der Schusslinie der Taliban

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Ein tiefer Krater in der Straße vor dem deutschen Konsulat. Foto: afp  Foto: 

Eine dumpfe Explosion. Tausende Fensterscheiben splittern. Asphalt birst. Backsteine fliegen durch die Luft. Der Angriff der Taliban auf das deutsche Generalkonsulat von Masar-i-Scharif ist in der halben Stadt zu hören. Mirza Mohammed erlebt das alles aus nächster Nähe mit. Der Mann, in unmittelbarer Nachbarschaft der deutschen Vertretung zu Hause, ist fassungslos: „Die Straßen sind voller Glas, Geschäfte haben keine Türen mehr.“

Der Angriff hatte begonnen, als der Donnerstag fast schon vorbei war, kurz nach 23 Uhr. Zunächst rast ein Kleinlaster gegen die meterhohe Schutzmauer des Konsulats. Dann wird die Sprengladung gezündet, die auf der Ladefläche versteckt ist. Einer der Angreifer ist auf der Stelle tot. Mindestens einem Taliban gelingt es aber, durch das Sprengloch aufs Gelände vorzudringen und schließlich auch ins Konsulat selbst. Deutsche Soldaten feuern, zwei Motorradfahrer sterben, einer wird schwer verletzt. Afghanische Behörden sagen, es seien Zivilisten gewesen. Es habe „Kampfhandlungen“ geben, heißt es später in Berlin lapidar.

Als alles vorbei ist, nach mehr als zwei Stunden, werden die etwa zwei Dutzend Mitarbeiter des Konsulats ins etwa zehn Kilometer entfernte Camp Marmal gebracht. Von der fünf Meter hohen Mauer ist nicht mehr viel übrig. Davor ist nun ein gut drei Meter tiefer Krater in der Straße. Es war wohl der schlimmste Angriff auf ein deutsches nicht-militärisches Ziel seit Beginn des Afghanistan-Einsatzes vor 15 Jahren: vier Zivilisten getötet, mindestens 128 verletzt. 

Bislang galt Masar-i-Scharif als einer der sicheren afghanischen Städte. Das hat sich geändert. Die Taliban geben den Deutschen eine Mitschuld an einem misslungenen US-Luftangriff auf Taliban in der Nachbarprovinz Kundus am 3. November. Dabei waren auch etwa 30 Zivilisten getötet worden. Deutschland war nach Angaben der Bundesregierung nicht beteiligt. Die Taliban behaupten jedoch, die Deutschen hätten die nachrichtendienstlichen Informationen besorgt. dpa

Pro Asyl Nach dem Anschlag auf das deutsche Konsulat in Masar-i-Sharif fordert Pro Asyl von der Bundesregierung, die Pläne zur Abschiebung von Afghanen zu stoppen. „Afghanistan ist nicht sicher. Wer abschiebt gefährdet Menschenleben“, sagte Geschäftsführer Günter Burkhardt. Mehr als 3500 verletzte und 1600 tote Zivilisten im ersten Halbjahr 2016 sprächen eine deutliche Sprache. In 31 von 34 Provinzen fänden Kampfhandlungen statt. „Der gestrige Anschlag muss die Öffentlichkeit in Deutschland wachrütteln.“ epd

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