Deutsch-russische Kabbeleien - Ein Eklat, der doch keiner ist

Um die Beziehungen zwischen Kanzlerin Merkel und Kreml-Chef Putin steht es nicht zum besten. Soweit nichts Neues. Das Hin und Her anlässlich der Eröffnung einer Beutekunst-Schau ist indes beachtlich.

|
Vorherige Inhalte
  • Freunde sehen anders aus: Angela Merkel und Wladimir Putin gestern vor der Ausstellungseröffnung bei einem Wirtschaftsforum in St. Petersburg. Fotos: dpa 1/2
    Freunde sehen anders aus: Angela Merkel und Wladimir Putin gestern vor der Ausstellungseröffnung bei einem Wirtschaftsforum in St. Petersburg. Fotos: dpa
  • Die Nachbildung einer Brosche aus dem Schatz von Eberswalde. Foto: dpa 2/2
    Die Nachbildung einer Brosche aus dem Schatz von Eberswalde. Foto: dpa
Nächste Inhalte

Auf der Pressekonferenz zum Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg tat Wladimir Putin so, als sei nichts gewesen. "Wir besuchen heute Abend die Ausstellung in der Eremitage, wie vereinbart." Und Angela Merkel nickte. "Das ist eine wichtige Ausstellung." Sie beide hätten im direkten Gespräch beschlossen, nun doch die Bronzezeit-Schau, in der auch sogenannte Beutekunst zu sehen ist, zu besuchen - und dort auch noch einmal vor die Presse zu treten.

Also doch kein Eklat? Den ganzen Tag über hagelte es widersprüchliche Meldungen zu diesem Thema. Die Teilnahme beider Politiker bei der Eröffnung der Ausstellung sei nie geplant gewesen, behauptete die Pressestelle des Kremls gegenüber der Zeitung "Moskowski Komsomoljez". Beide Politiker wollten sich die Ausstellung nur anschauen. Das aber widerspricht auch der aktuellsten von mehreren offiziellen Darstellungen aus Berlin, die Russen hätten die Grußworte kurzfristig gestrichen.

Kein Wunder, dass russische und vor allem deutsche Beobachter heftig spekulieren, ob der Kreml verhindern wollte, dass die Bundeskanzlerin bei der Ausstellungseröffnung die Rückgabe der Beutekunst, die Sowjetsoldaten nach dem Zweiten Weltkrieg nach Russland gebracht hatten, verlangt. Oder ob man Angela Merkel einfach ärgern wollte. Schließlich hatte diese erst vergangene Woche persönlich gegen ein neues Gesetz protestiert, mit dem die Staatsduma die "Propaganda nicht traditioneller sexueller Beziehungen gegenüber Jugendlichen" unter Strafe stellt. Merkel forderte Russland auf, das Verbot zurückzunehmen.

Den Spruch der Kanzlerin zu Russland, "unter Freunden müsse offene Kritik möglich sein", kontert vor allem das halb offizielle Moskau seit Monaten mit Unfreundlichkeiten. So warfen kremlnahe Publizisten deutschen Politikern vor, bei der Errichtung eines "liberalen Faschismus" in Europa kräftig mit Hand anzulegen. Staatsmedien verteufelten den deutschen Fernsehfilm "Unsere Mütter, unsere Väter" als Versuch, die deutschen Kriegsverbrechen in Russland zu beschönigen. Aber über Beutekunst stritt man schon zu Boris Jelzins Zeiten. Ein damals unterzeichnetes Abkommen bezieht sich nach Meinung russischer Experten nicht auf kriegsbedingte, sondern auf unrechtmäßig abtransportierte Kunstgegenstände.

Fast wie ein Staatsgeheimnis hatten die Mitarbeiter der weltberühmten Eremitage das deutsch-russische Kulturereignis des Jahres gehütet. "Bronzezeit - Europa ohne Grenzen" heißt die Ausstellung. Aus deutscher Sicht ist das eine handfeste Sensation. Immerhin werden teils bisher noch nicht gezeigte und besonders bedeutende Beutekunst-Schätze bis zum 8. September ausgestellt. Darunter der Goldschatz von Eberswalde, der 1945 zusammen mit den Troja-Funden von Heinrich Schliemann nach Russland gebracht wurde. 600 unter den 1700 Exponaten gehören zur Beutekunst, die Deutschland wiederhaben, Russland aber nicht hergeben will.

Vor allem deshalb galt der geplante Museumsrundgang von Merkel und Putin vorbei an den Raritäten als etwas Einmaliges. Offiziell ist die seit 2010 vorbereitete Sonderausstellung der krönende Abschluss des Deutschlandjahres in Russland. Das Ereignis zeigt aber auch auf eine offene Wunde im deutsch-russischen Verhältnis, weil Deutschland seine Rückgabeforderungen enttäuscht sieht.

Nach deutscher Auffassung ist der Eigentümer der Kostbarkeiten die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), die auch an der Bronzezeit-Schau beteiligt ist. Russland dagegen hat immer wieder deutlich gemacht, dass die Schätze mit dem Blut sowjetischer Soldaten bezahlt worden seien. Per Gesetz ist die Beutekunst in Russland als Teil der Wiedergutmachung für die Kriegsverluste legalisiert. Russland beklagt aber auch, dass es im BeutekunstStreit bisher vorwiegend um deutsche Interessen gegangen sei. Nach den Plünderungen der Faschisten in der Sowjetunion würden immer noch viele Kunstschätze vermisst, betont die Beutekunst-Expertin und Historikerin der Eremitage, Julia Kantor. Vermutet wird die Nazi-Beute in deutschem Privatbesitz.

Während Hitlers Angriffskrieg gegen die Sowjetunion fielen 427 sowjetische Museen der Vernichtungswut der Besatzer zum Opfer, ungezählte russische Baudenkmäler und Kunstgegenstände wurden zerstört oder verschwanden spurlos. Auch vielen liberalen Russen ist das deutsche Winken mit Paragrafen in diesem Streit unverständlich. "Ich würde Kunstwerke, die in Deutschland geschaffen wurden und den Deutschen lieb und teuer sind, zurückgeben", sagt der Zeithistoriker Leonid Mletschin unserer Zeitung. "Aber nicht weil Deutschland juristisch oder moralisch einen Anspruch darauf besitzt. Sondern als Geste der Versöhnung." Bleibt die Frage, wann Wladimir Putin eine solche Geste für angebracht hält.

Immerhin hatte die Sowjetunion zu DDR-Zeiten etwa an die Dresdner Gemäldegalerie in großem Stil wichtige Kunstschätze zurückgegeben. Beweglich zeigte sich Putin zuletzt auch bei der Rückgabe der Fenster an die Frankfurter Marienkirche. Doch die Verhandlungen über weitere Gegenstände - wie etwa die so bezeichnete Baldin-Sammlung aus Bremen - kommen nicht voran.

Die Eremitage-Historikerin Kantor sieht die aktuelle Ausstellung indes vor allem als umfassenden Überblick zu einer 6000 Jahre alten Geschichte. Und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz lobt den Umstand, dass erstmals überhaupt wieder eine solche geschlossene Schau möglich sei.

Die Objekte sollen Kulturen der Bronzezeit vom Atlantik bis zum Ural und dem Kaukasus lebendig werden lassen. Zu sehen sind Exponate von den Ursprüngen früher Metallverarbeitung im vierten Jahrtausend vor Christus bis zum Beginn des ersten Jahrtausends vor Christus. Dass sich Deutschland weiter als Eigentümer eines Großteils der Schätze sieht, ist auch der Grund, weshalb die Ausstellung hierzulande nicht zu sehen sein wird. Russland befürchtet, dass die Deutschen die Glanzstücke einfach behalten könnten.

Vorgeschichtliche Kostbarkeiten
Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Schluderei bei der Betreuung

Die LWV-Einrichtung Tannenhof soll für nicht erbrachte Leistungen Geld vom Kostenträger, der Stadt Reutlingen, abkassiert haben. Das hat auch zu Irritationen in Ulm und dem Alb-Donau-Kreis geführt. weiter lesen