Der Wahlkämpfer Martin Schulz

„Ich bin eine arme Sau“, hat der SPD-Kanzlerkandidat MArtin Schulz einem seiner Vertrauten gesagt. Er kämpft trotzdem weiter. Was soll er auch sonst tun?

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    Auf der Suche nach den verschollenen Wählern: Martin Schulz im Bochumer Bermudadreieck.  Foto: 
  • „Ich will Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden“, sagte Martin Schulz auch hier in Bielefeld – und erntete Gelächter.  2/2
    „Ich will Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden“, sagte Martin Schulz auch hier in Bielefeld – und erntete Gelächter. Foto: 
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Ja, die Welt ist ungerecht. Während die Bundeskanzlerin mit dem Hubschrauber, den ihre Partei für einen Freundschaftspreis von der Bundeswehr mietet, zu täglich zwei Wahlkampfreden an verschiedenen Orten einschwebt, tourt ihr Herausforderer mit dem Auto durch die Republik. Angela Merkel (63) hält die Medienmeute auf Distanz, Martin Schulz (61) stellt sich im Pressebus oft Stunden lang den lästigen Fragen der begleitenden Journalisten. Die CDU-Vorsitzende lässt von ihrem Regierungssprecher  mitteilen, dass sie am Vormittag mit dem chinesischen Staatspräsidenten telefoniert hat, der SPD-Chef muss sich in Jena von einer aufsässigen Seniorin im Mehrgenerationenhaus anblaffen lassen: „Mit Ihnen rede ich nicht.“

Ein Duell auf Augenhöhe ist das nicht. Das nervt den Sozi mächtig. In Brüssel war Martin Schulz der allseits hofierte „Monsieur le Président“, der Boss von 750 EU-Parlamentariern aus 28 Mitgliedsstaaten und durchaus gefürchtet, weil er bei Gipfeltreffen am Tisch der Präsidenten und Premiers regelmäßig das Wort ergriff und kein Blatt vor den Mund nahm. Mit den deutschen Korrespondenten in der europäischen Hauptstadt pflegte er ein entspanntes Verhältnis, in vertraulicher Runde kam er gleich zur Sache: „Ich bin der Martin.“ Für Schulz war das eine heile Welt inmitten meist verständnisvoller Gesprächspartner.

Jetzt ist das anders. Der SPD-Kanzlerkandidat fühlt sich schlecht behandelt von der Presse. Und sagt das auch offen (was seine Kontrahentin nie täte). Dann verrutschen ihm vor heiligem Zorn die Bilder von einer abgehobenen Amtsinhaberin „in ihrer Air Force One“, der „überall die roten Teppiche ausgerollt“ werden, während er, „der Bürgermeister aus Würselen“, über die Dörfer tingelt und sich von besserwisserischen Reportern provozieren lassen muss.  Frech rotzt er zurück: „Leute, was sind das denn für Fragen, bin ich im falschen Film?“ Wie auch immer: Das ist die Realität im Sommer 2017, und Martin Schulz, man spürt es, leidet darunter wie ein Hund.

Kapitulieren kommt nicht infrage

Doch Schulz kämpft, allen Widrigkeiten zum Trotz. Auf dem Konrad-Adenauer-Platz in Bochum ist er schon zur Hälfte seiner einstündigen Rede nass geschwitzt: „Verdammt heiß hier.“ Er zieht sein Jackett aus und krempelt die Ärmel hoch. Ein Kniff, den er gern anwendet, im bayerischen Bierzelt wie auf dem Marktplatz in Hessen. Er sucht die Nähe zu seinem Publikum und will signalisieren: Ich gebe alles, denn ich bin einer von Euch und kenne Eure Alltagssorgen. Martin Schulz kann jedenfalls besser reden als Frank-Walter Steinmeier und belehrt die Menschen nicht so wie Peer Steinbrück. Dennoch erntet er letzte Woche vor dem Rathaus in Bielefeld schon mal Gelächter, als er verkündet: „Ich will Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland werden!“

Klar doch – bei diesen Umfragen. „Ich lese die auch“, sagt Martin Schulz bei den Kleingärtnern im ostdeutschen Landsberg, „und denke: Scheiße!“ Was soll er denn machen – die Brocken hinwerfen? Ein Kämpfer wie er kapituliert nicht, schließlich hat er schon den Alkohol besiegt und als Schulabbrecher den angesehenen Beruf des Buchhändlers erlernt, bevor er seine internationale Karriere als Politiker startete. „Respekt“, so lautet ein Standardsatz bei seinen Wahlkampfauftritten, „hat nicht erst der verdient, der ein Studium abgeschlossen hat.“ Also: Ab in den Tunnel, sich nicht irre machen lassen von Demoskopen wie Kommentatoren und bis zum 24. September 18 Uhr nicht mehr auftauchen. Anders hält man diesen Knochenjob nicht durch, weder körperlich noch nervlich.

Ein Ritt auf der Rasierklinge bleibt seine Mission so oder so. In Bremen, beim Auftakt zur heißen Phase der Kampagne, funktioniert sein rhetorischer Dreiklang noch: „Gerechtigkeit! Frieden! Solidarität!“ Schulz buchstabiert seinen „Deutschland-Plan“ unbeirrt durch: „Faire Mieten! Kostenlose Bildung für alle! Auskömmliche Renten! Weniger Geld für die Rüstung!“ Beim Thema Europa – wen wundert’s? – wird er laut. „Europäische Solidarität ist keine Einbahnstraße!“ Den Ungarn und Polen will er Brüsseler Fördermittel streichen, wenn sie keine Flüchtlinge aufnehmen. Mit der Türkei wird er Tacheles reden – „als Bundeskanzler“. Da ist ihm der Beifall sicher.

Freilich: Je länger der Wahlkampf dauert, desto stärker drängt sich der Eindruck auf, dass der SPD-Kandidat mit seinem programmatischen Angebot nicht recht ankommt. „Es stimmt, unser Land ist reich, aber nicht allen Bürgern geht es gut. Für Deutschland gilt, was auch auf unsere Automobilindustrie zutrifft: Noch sind wir Spitze, doch das muss nicht so bleiben.“ Das ist ein Befund, über den es sich zu streiten lohnte, aber Martin Schulz merkt allmählich, dass sich die Bundeskanzlerin in ihrer Komfortzone auf eine solche Debatte gar nicht erst einlässt.

Die letzten Meter werden hart

Wie üblich perlen alle Versuche ihres Mitbewerbers, sie aus der Reserve zu locken, an Angela Merkel ab. Mag Schulz sie auch „Weltmeisterin im Vertagen“ oder „nichtssagende Substanzverwalterin“ nennen, die CDU-Frontfrau gibt sich unbeeindruckt und zieht ihre Kreise, ohne den Widersacher durch zu viel Zuwendung zu adeln. Das TV-Duett am vergangenen Sonntag, bei dem die SPD vergeblich auf die Stimmungswende hoffte, hat die Zahl der unverbesserlichen Optimisten rund um Schulz weiter dezimiert. Die letzten Meter auf dem Weg zum Wahltag werden hart für den Vorsitzenden und seine Partei.

Der Heilsbringer, der die berauschten Genossen nach seiner Nominierung im Frühjahr aus dem Jammertal zu führen schien, muss jetzt wieder gegen Resignation und miese Stimmung in den eigenen Reihen ankämpfen. Ist die SPD also doch eine „manisch-depressive Partei“, wie Volker Kauder (CDU) diagnostiziert hat? Dass Martin Schulz im Wahlkampf-Endspurt ausgerechnet auf Ex-Regierungssprecher Béla Anda als Berater setzt, der einst daran scheiterte, Gerhard Schröders „Agenda 2010“ als sozial ausgewogenes Reformwerk zu verkaufen, ist in der SPD wie unter Berliner Beobachtern mit Kopfschütteln quittiert worden, als ein Akt schierer Verzweiflung.

Schon beginnt – für Sozialdemokraten nicht überraschend – das interne Geraune über mögliche Konsequenzen denkbarer Wahlergebnisse. Im derzeit eher unwahrscheinlichen Fall, dass Schulz besser abschneidet als Steinbrück vor vier Jahren (25,7 Prozent), wird dem Partei-Chef keiner das Amt streitig machen, selbst eine Neuauflage der schwarz-roten Koalition wäre dann unter Umständen mehrheitsfähig bei einem Mitglieder­entscheid. Schwer würde es sowohl für Schulz wie für eine Fortsetzung der ungeliebten „GroKo“ bei einem Ergebnis um jene 23 Prozent herum, die 2009 für Frank-Walter Steinmeier und die SPD einen historischen Tiefstand seit 1949 markierten.

Sollte gar das Katastrophen-Szenario von 21 Prozent oder noch weniger eintreten, wäre nicht nur Martin Schulz weg vom Fenster. Dann würden auch andere Führungskräfte von den Erschütterungen erfasst, die der Partei zwangsläufig drohen: Fraktionschef Thomas Oppermann zum Beispiel, dazu Vizekanzler Sigmar Gabriel, der durch einen für ihn typischen Ego-Wahlkampf die Freundschaft mit Schulz arg strapaziert hat. Der personelle und inhaltliche Neuaufbau in der Opposition, den manche Sozialdemokraten bereits 2013 forderten, wäre dann unabweisbar, vielleicht mit Olaf Scholz an der Parteispitze und Andrea Nahles als Fraktionsvorsitzende. Beide sind bereit, wurden bisher aber von Gabriel ausgebremst.

Für Martin Schulz sind das bittere Aussichten. „Ich bin“, so hat er jüngst einem Weggefährten offenbart, „eine arme Sau.“ Dabei kann er sich weder einen Mangel an Einsatz vorwerfen noch hat er es an der Bereitschaft fehlen lassen, die SPD nicht im Stile mancher Vorgänger zu führen – so brachial wie Schröder oder so eruptiv wie Gabriel. Schulz, der verhinderte Fußball-Profi, ist ein Mannschaftsspieler, kein selbstverliebter Solist wie die beiden Niedersachsen.

Er teilt verbal zwar gern aus, etwa gegen Randalierer, die SPD-Schaukästen zerstören oder die Kanzlerin mit Tomaten bewerfen: „Das sind Vollidioten, die haben einen an der Waffel.“ Zugleich ist er aber auch sensibel und ein bisschen romantisch: Wenn er abends im Hotel sitzt und mit dem Füllfederhalter in sein Tagebuch schreibt, denkt er an seine Frau Inge, mit der er seit drei Jahrzehnten verheiratet ist. Die beiden Eheleute haben im Januar gemeinsam entschieden, dass er Gabriels Ruf nach Berlin folgt und den SPD-Vorsitz übernimmt: „Ohne ihr Okay hätte ich es nicht gemacht.“ Dass sein engster Vertrauter vor Monaten wegen einer schweren Erkrankung als Wahlkampfleiter aufgeben musste, traf Martin Schulz nachhaltig.

Erst recht sentimental wird der Rheinländer, wenn er über seine 154 Jahre alte SPD spricht, die gerade um ihre Bedeutung als zweite große Volkspartei in Deutschland ringen muss. Er weiß: Wenn die deutschen Sozialdemokraten scheitern, ist auch die europäische Sozialdemokratie am Ende. Diese Verantwortung lastet auf ihm – mehr als das Risiko einer persönlichen Niederlage. Martin Schulz wollte die SPD stabilisieren und zu neuen Erfolgen führen. Nun aber wird seiner Partei das schlechteste Abschneiden bei einer Bundestagswahl seit Bestehen der Republik prophezeit.


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