Der Papst in Kolumbien: Eine ungekrönte Reise

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Autorenfoto Tobias Käufer  Foto: 

Der historische Besuch von Papst Franziskus in Kolumbien ist Geschichte. Das erste Kirchenoberhaupt aus Lateinamerika löste damit ein Versprechen ein. Wenn das Land den Friedensvertrag unter Dach und Fach bringe, komme er nach Kolumbien, sagte er vor gut einem Jahr. Die Polarisierung im Land ist geblieben, trotz der Entwaffnung der ältesten Guerilla-Bewegung Lateinamerikas. Trotz sinkender Mordrate und hoffnungsvoller Indizien wie einem mächtig expandierenden Tourismus.

Zum großen Versöhnungsfoto ist es allerdings nicht gekommen. Die beiden Anführer der tief verfeindeten politischen Lager in Kolumbien, der rechtskonservative Alvaro Uribe und der linksfundamentalistische Guerilla-Führer Rodrigo Londono, blieben dem Nationalen Versöhnungsgebet in Villavicencio fern. Tief sind nach fünf Jahrzehnten Bürgerkrieg immer noch die Wunden, die die Gewalt von Guerillabanden, Paramilitärs und der Armee riss. Noch tiefer ist das Misstrauen. Damit blieb die Reise von Papst Franziskus nach Kolumbien ungekrönt. Dennoch war sie ein Schritt nach vorn für das südamerikanische Land, das sich derzeit in einem historischen Transformationsprozess vom Sorgenkind zum Hoffnungsträger Lateinamerikas befindet.

„Vergebung und Versöhnung waren die Worte, die der Papst am häufigsten benutzte“, kommentierte die Tageszeitung „El Tiempo“ die fünftägige Reise, die mit der Ankunft in Rom am heutigen Montag zu Ende geht. Sie habe kein Wunder gebracht, dafür aber könnte sie zum Startschuss eines nationalen Versöhnungsprozesses werden, glaubt Kolumbiens wichtigstes Blatt. Das allein wäre schon eine ganze Menge.

Der Papstbesuch war gleich in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich: Franziskus fasziniert nach wie vor die Massen, insgesamt strömten mehrere Millionen Pilger zu den Gottesdiensten in Bogota, Medellin, Villavicencio und Cartagena. Sie lieben den charismatischen Mann, der keine Berührungsängste hat, der Sterbenskranke, Kriegsversehrte und Opfer genauso umarmt wie reuige Mörder. Vor allem an der Basis, sowohl bei den Gläubigen als auch beim geistlichen Fußvolk, ist der volksnahe Papst ungeheuer populär.

Die Visite offenbarte aber auch die Schwäche des Papstes, konservative Kräfte einzubinden. Franziskus fremdelt mit den Konservativen und sie mit ihm. Sie vermissen klare Botschaften an die sozialistische Führung in Venezuela, an deren Händen das Blut erschossener oppositioneller Demonstranten klebt und an die in Kuba, die nach wie vor oppositionelle Dissidenten auf dem sonntäglichen Weg zum Gottesdienst zusammenschlagen und verhaften lässt.

Die offene Flanke, die der Papst anbietet, ist für die katholische Kirche gefährlich. Längst verliert sie in Lateinamerika, dem Kernmarkt der aus Rom gesteuerten Religion, in Scharen Gläubige an die erzkonservativen evangelikalen Kirchen. In Kolumbien hat der Papst all das aus nächster Nähe erlebt. Die Reise wird ihn nachdenklich gemacht haben.

leitartikel@swp.de

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