Der neue EU-Kandidat Albanien fängt gerade erst mit dem Aufräumen an

Das Balkanland Albanien bekommt den Status eines EU-Beitrittskandidaten. Dabei herrschte bis vor kurzem in manchen Gebieten noch reine Anarchie. Doch der neue Regierungschef räumt auf.

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Ein Land, in dem es neben Autos auch noch viele Esel gibt: Das Bruttoinlandsprodukt in Albanien ist niedrig, die Monatslöhne liegen im Schnitt bei 300 Euro.  Foto: 

Freudenfeuer stellt man sich anders vor. Als Europas Diplomaten letzte Woche die letzten Weichen für den Kandidatenstatus stellten, lagen Flammen und schwerer Qualm über der griechisch-albanischen Grenze. Spezialpolizisten in kugelsicheren Westen filzten alle Autos. Aber das apokalyptische Bild trog: Albanien nähert sich der Europäischen Union.

Der massive Polizeieinsatz galt dem letzten Rückzugsgebiet der albanischen Anarchie. Mehr als 15 Jahre lang war das Marihuana-Dorf Lazarat bei Gjirokastra ein rechtsfreier Raum. Immer wieder hatte der Polizeiminister in der Hauptstadt Tirana einen "großen Schlag gegen den Drogenhandel" im Süden des Landes gemeldet. Aber ins Zentrum des Cannabis-Anbaus drang niemand vor. Die reichen Hanfbauern gingen in den Ministerien ein und aus. Es regierte allein das Geld.

Seit September 2013 hat das Geld immerhin einen lästigen Mitregenten: Ministerpräsident Edi Rama. Als früherer Bürgermeister von Tirana hat er den Bewohnern erstmals gezeigt, dass es so etwas wie eine Stadtregierung überhaupt geben kann. Rama nahm sich das Chaos, die Bausünden und die Ruinen des Sozialismus vor. Plattenbauten ließ er bunt anstreichen, illegal gebaute Kneipen abreißen.

Bis zur Jahrtausendwende fand Albanien in Europa, wenn überhaupt, nur als Witz Erwähnung. Vor dem Umsturz des Jahres 1991 war das Land eine Art europäisches Nordkorea gewesen. Die Moderne brach dann herein wie eine Sturzflut. Über Nacht verwandelten sich die menschenleeren Boulevards der Städte in lärmende, stinkende, anarchische Lindwürmer aus schrottreifen Mercedes. Vor den bröckelnden Fassaden des Sozialismus sprossen Millionen Kioske aus dem Boden. Die hoffnungslos überalterte Industrie brach zusammen, ganz Albanien war arbeitslos. 1997 gab es schwere Unruhen.

Das Land mit seinen drei Millionen Bewohnern hat auch schwer an einem fatalen kulturellen Erbe zu tragen: Der Korruption und dem Mangel an Gemeinschaftssinn. Wie aufs Blut verfeindete Stämme bekämpften sich die beiden großen Parteien, die "Demokraten" und die "Sozialisten". Keine Wahl wurde von der je unterlegenen anerkannt, bis heute sind im Parlament Schreiduelle und Rangeleien keine Seltenheit.

Zu tun ist noch eine Menge. Das Sozialprodukt liegt bei rund einem Drittel des EU-Schnitts, der Durchschnittslohn bei 300 Euro. Das Bildungssystem liegt darnieder und hat fragwürdigen Privatunis Platz gemacht. Der wichtigsten wirtschaftlichen Ressource, den riesigen Sandstränden und der unberührten Bergwelt, haben die Schwäche des Staates und die Laissez-faire-Politik früherer Regierungen arg zugesetzt: Ein chaotischer Bauboom, beflügelt von Geldwäsche-Ambitionen, hat einige Küstenorte schon unwiederbringlich zerstört.

Dass die neue Regierung mit dem Schlendrian Schluss machen will, hat sie schon unter Beweis gestellt - mit der Aktion gegen das Drogendorf, aber auch mit der Wiedereinführung einer progressiven Einkommensteuer. Nächster Schritt soll die Entrümpelung der Verwaltung werden: In zwölf Bezirken und 400 Kommunen verzehren vorwiegend beschäftigungslose Parteigänger ihre Gehälter. Wenn Rama das schaffen soll, braucht er Autorität - und über die verfügt in Albanien einzig Europa: mehr als 90 Prozent der Bürger sind für den Beitritt.

Kein Automatismus

Formalie - Die Europaminister der EU-Staaten haben diese Woche bereits entschieden, Albanien den Kandidatenstatus zu verleihen. Formal muss noch der heute beginnende EU-Gipfel grünes Licht geben. Der Status bedeutet nicht automatisch den Beginn von Beitrittsverhandlungen, betont die EU-Kommission. Für den Start der meist jahrelangen Gespräche seien erst weitere Fortschritte des Landes nötig.

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