Der Münchner Wohnungs-Wahnsinn

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Für Normalverdiener unerreichbar: Neue Eigentumswohnungen im Münchner Gärtnerplatzviertel – einer von vielen Stadtteilen mit horrenden Preisen.  Foto: 

Der Satz klingt falsch, den Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) kürzlich zur Eröffnung einer Ausstellung über Wohnmodelle in der Bayern-Metropole sagte: „München muss bezahlbar bleiben.“ Denn eigentlich hätte der OB das Wort „bleiben“ durch „werden“ ersetzen müssen. Der Wahnsinn bei den Preisen für Mieten und Immobilien in München ist seit langem bekannt, seit einem Vierteljahrhundert, wie die Geographie-Professorin Ilse Helbrecht von der Berliner Humboldt-Universität meint. „Anfang der 1990er Jahre wurde München bewusst, dass Wachstum und steigendes Einkommen nicht nur schön sind, sondern auch Probleme mit sich bringen“, sagt die Städte-Forscherin. „Wohnraum wird knapp, die Preise steigen.“

Bei Mieten und Immobilienpreisen ist München die mit Abstand teuerste Großstadt in Deutschland. Laut städtischen Angaben lag der Durchschnittsmietpreis im Jahr 2015 beim Erstbezug einer Wohnung bei 16,60 Euro pro Quadratmeter. Käufer mussten im Schnitt 6300 Euro für den Quadratmeter bezahlen. Die Preise knallen durch alle Decken. Und das führt zu einem Prozess, der mit dem sperrigen Wort „Gentrifizierung“ bezeichnet wird: Immer zahlungskräftigere Schichten verdrängen die bisherige Bevölkerung. Ganze Stadtviertel werden für Normalverdiener unbezahlbar.

In München lässt sich das in Untergiesing gut beobachten, bei einem Spaziergang mit Maximilian Heisler durch das Viertel. Der 29-Jährige steht dem „Bündnis bezahlbares Wohnen“ vor, einem Zusammenschluss aus 29 Mietergemeinschaften und Stadtteilvereinen. Heisler selbst hat immer in Untergiesing gelebt, das Quartier galt als schmuckloses Arbeiterviertel. „Hier war früher eine Kneipe, die ‚Burg Pilgersheim‘“, sagt er und zeigt auf das Haus Pilgersheimer Straße 60. „Das war für viele ihr zweites Wohnzimmer.“ Das Gründerzeit-Haus wurde verkauft, die Kneipe konnte sich nicht halten, der neue Eigentümer wollte ein „helles, schickes Tagescafé“, wie Heisler sagt. Die Wohnungen in dem viergeschossigen Haus wurden modernisiert, die Mieten stiegen. Oben kamen drei Eigentumswohnungen hinzu – 115 Quadratmeter wurden für 583 000 Euro angeboten. „Und das in Untergiesing“, sagt Heisler und langt sich an den Kopf.

 Das Viertel ist weiterhin geprägt durch Altbauten und gesichtslose Wohnkästen aus den 1950er Jahren. Hier gibt es immerhin noch das „Bierstüberl bei Ingrid“, einen Münz-Waschsalon, und die Leberkässemmel kostet unglaubliche 1,20 Euro. Und doch kann Heisler, der Ethnologie studiert, in jeder Straße zeigen, wie Untergiesing teurer wird und ein neues Klientel anzieht. Etwa drei gleiche Häuser in der Arminiusstraße: Zwei sind noch nicht modernisiert, eines schon. Es ist gedämmt und hat einen neuen Außenaufzug. „Das bedeutete 60 Prozent Mietsteigerung“, weiß Heisler, 250 Euro mehr im Monat. „Hier wohnen viele Rentner“, sagt er. „So etwas wirft die Menschen aus den Wohnungen raus.“

Weiter zu den alten einstigen Kutscherhäusern aus dem Jahr 1840. Zwei davon wurden abgerissen, jetzt stehen dort moderne Bauten mit insgesamt zehn Eigentumswohnungen. Der Verkaufspreis laut Heisler: zwischen 5700 und 8000 Euro pro Quadratmeter. Gegen die zugezogenen Gutverdiener hat er aber nichts. Die Schuld sieht er in einem völlig aus den Fugen geratenen Wohnungsmarkt.

Kaum zu überblicken ist die Vielzahl an Modellen und Förderungen, mit denen die Stadt versucht, gegenzusteuern. Es gibt geförderten Wohnungsbau, Wohnungsbaugenossenschaften, das „München-Modell“, mit dem sich Bürger günstiger Eigentum kaufen können – wenn es denn Angebote gäbe. Es wird aufgestockt und verdichtet, Brachflächen werden genutzt. In dieser Woche wurde eine Wohnanlage auf Stelzen eröffnet, über dem Parkplatz eines Schwimmbads. Ein Blick zurück: München, das seit der Nachkriegszeit fast ausschließlich von SPD-Oberbürgermeistern regiert wurde und als rot-grünes Modell galt, hat sich angestrengt, meint die Professorin Helbrecht. „Die Stadt hat gegengesteuert“, sagt sie, etwa „mit einer sozial gerechten Bodenordnung und der Schaffung von sozialem Wohnraum.“ Die Münchner Krise sei eine „Wachstumskrise“, hervorgerufen durch den beständigen Wirtschaftsboom. Man sei auf die Zusammenarbeit mit dem Umland angewiesen, diese erweist sich aber als schwierig. Die Nachbargemeinden wollen nicht wachsen, auf freien Flächen errichten sie lieber Gewerbegebiete wegen der Steuereinnahmen.

Kippt die Stadtgesellschaft?

Heisler hat da weniger Verständnis. „Die Stadt hat über Jahrzehnte geschlafen“, klagt er an. Es bestehe ein „SPD-Sumpf“, weiterhin werde „viel zu wenig gemacht“. Die Stadt müsste an Boden „alles kaufen, was da ist“. Und notfalls auch private Interessenten überbieten. Das sieht Ilse Helbrecht ähnlich: Dem Markt müssen durch die öffentliche Hand „systematisch innerstädtische Flächen entzogen werden“.

 Eine düstere Zukunft prophezeit Heisler München: „Die Stadtgesellschaft ist am Kippen.“  Viertel wie Schwabing, die Maxvorstadt oder Haidhausen gelten schon als komplett gentrifiziert. In Haidhausen verzeichnet eine Immobilien-Suchmaschine als derzeit günstigstes Angebot eine Ein-Zimmer-Wohnung, 34 Quadratmeter groß, für 782 Euro kalt. Maximilian Heisler befürchtet irgendwann „sozialen Aufruhr, gewaltsame Proteste“. Denn: „Wo sollen die Verkäufer, die Polizisten, Erzieher oder Rentner denn hin?“

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