Der kolumbianische Aufbruch

Der Papst bereist Kolumbien und damit ein Land, das sich nach Dekaden des Terrors neu erfinden kann. Aus bewaffneten Farc-Guerilleros sind Partei-Politiker geworden.

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  • Ein UN-Beobachter trägt die Gewehre der Farc in einen Spezial-Container. Die Entwaffnung wurde im Juni  feierlich abgeschlossen. 1/3
    Ein UN-Beobachter trägt die Gewehre der Farc in einen Spezial-Container. Die Entwaffnung wurde im Juni feierlich abgeschlossen. Foto: 
  • Wie ein Popstar: Der ehemalige  Kommandant Jesús Santrich war auf dem Farc-Gründungsparteitag ein sehr  beliebter Selfie-Partner.   2/3
    Wie ein Popstar: Der ehemalige Kommandant Jesús Santrich war auf dem Farc-Gründungsparteitag ein sehr beliebter Selfie-Partner. Foto: 
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    grafik: swp Foto: 
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Die Anfahrt in das Lager „Mariana Páez“ ist beschwerlich. Der Geländewagen bohrt sich mühsam durch den Schlamm den Hügel hinauf. Sicherheitskontrollen der kolumbianischen Armee müssen passiert werden, dann heißt es noch einmal warten, ehe sich das Tor zu einem der insgesamt 26 Übergangslager der ehemaligen kolumbianischen Guerilla-Organisation Farc öffnet. Es trägt den Namen einer ehemaligen Chefideologin der Rebellen.

7000 Rebellen im Land

Hier in Mesetas in der Provinz Meta, acht Autostunden von der Hauptstadt Bogotá entfernt, vollzieht sich ein kleines Wunder. Kämpfer der bis vor kurzem noch bewaffneten Rebellengruppe bauen ein friedliches Aktivistencamp auf. Insgesamt rund 7000 Rebellen haben sich auf die Lager im ganzen Land verteilt und bereiten sich nun auf ein neues ziviles Leben vor. Genau hier hatten die Farc und Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos vor ein paar Wochen das Ende der Entwaffnung der Guerilla in einem offiziellen Festakt zelebriert, Maschinengewehre und Granatwerfer gingen in den Besitz der Vereinten Nationen über. Am Eingang des Farc-Lagers in Mesetas verkündet ein Banner die neue Losung der bis dato ältesten noch aktiven Guerilla-Bewegung Lateinamerikas: „Gehen wir für den Frieden und die Versöhnung.“

Dem Durchschnittskolumbianer blieb der Zugang zu den Lagern bislang verwehrt. Selbst jene, die die beschwerliche Anreise in Kauf nehmen würden, hatten keinen Zutritt. Aus gutem Grund: Rechte Paramilitärs bedrohen die Lager. Ein Szenario wie vor drei Jahrzehnten, als Mitglieder einer linken Bewegung systematisch ermordet wurden, soll sich nicht wiederholen. Das ist einer der Makel dieses Friedensprozesses: Vieles findet im Verborgenen statt. Die Übergabe der Waffen, das Bitten der Farc um Vergebung für ihre Massaker. Diese fehlende Transparenz ist der Nährboden für gefährliche, rechtspopulistische Gerüchte um den Ex-Präsidenten Alvaro Uribe, der sich offen gegen den Friedensvertrag stellt. Uribe „gewann“ die Volksabstimmung vor ein paar Monaten gegen den Friedensvertrag. Die knappe Mehrheit für ein Nein zeigt, dass große Teile der Bevölkerung ein Problem mit der im Friedensvertrag vereinbarten Amnestie für die Guerilla haben.

Das Morden muss aufhören

Ein von der Farc ausgewählter Sprecher führt später die Besuchergruppe aus Deutschland durch das Lager in Mesetas. Einzelgespräche mit den Rebellen sind nicht möglich, sagt Diego Guiterrez, denn die Guerilleros hätten Tagesbefehle auszuführen. Was das bedeutet, wird schnell klar: Es wird gehämmert, gebaut, es werden Fundamente gelegt. Nicht nur für das Lager, sondern auch für ein neues Kolumbien. In dem wird die Farc künftig nicht mehr für ihre sozialistischen Überzeugungen mit der Waffe in der Hand kämpfen, sondern seit vergangener Woche als neue politische Partei nur noch mit Argumenten. „Von nun an werden Worte unsere Waffen sein“, kündigte Farc-Chef Rodrigo Londono in Bogotá an. Und acht Autostunden weiter klingt der entwaffnete Farc-Rebell Diego Guiterrez fast schon wie ein Pionier aus vergangenen Jahrhunderten: „Was wir haben, ist der Wille zur Arbeit und unsere gesunden Hände.“

Vor Ort macht sich auch die Kolumbien-Expertin des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, das die Arbeit der Nationalen Versöhnungskommission vor Ort unterstützt, ein Bild von der Lage. „Die Farc hat sehr viel in diese Entwicklung investiert. Man muss feststellen, dass die Guerilla ihre Zusagen einhält“, zieht Monika Lauer Perez nach Besichtigung vor Ort ein erstes Fazit. Den Staat nimmt sie in die Pflicht: „Er muss dafür sorgen, dass die vielen Morde an Menschenrechtlern und Aktivisten aufhören, denn sie sind eine Gefahr für den Friedensprozess“, sagt Lauer Perez mit Blick auf die jüngste Mordserie an sozialen Aktivisten in den letzten Monaten, die auch die Guerilleros zutiefst beunruhigt.

Auf beiden Seiten gibt es Probleme: Den ambitionierten Zeitplan beim Aufbau der Übergangslager wie hier in Mesetas konnte die Regierung von Juan Manuel Santos nicht überall einhalten: Strom, Wasser, Kommunikation – all das kommt zu spät oder ist noch gar nicht umgesetzt. Das ist angesichts der abgelegenen Orte allerdings auch eine große logistische Herausforderung. Doch auch die Farc kommt nicht immer ihren Verpflichtungen hinterher. Eine Liste ihrer Vermögen, mit denen die Opfer des bewaffneten Konfliktes entschädigt werden sollen, ist nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft unvollständig. Jahrzehntelang hat die Farc im Waffen- und Drogenhandel mitverdient.

Heute kommt Papst Franziskus nach Kolumbien. Er will mit seinem Besuch den Frieden zwischen der Farc-Guerilla und der Regierung unterstützten. Tun wir einen ersten Schritt, lautet das Motto des Besuches. Der jahrzehntelange Krieg zwischen verschiedenen Rebellengruppen, Paramilitärs und der Armee kostete fast 300 000 Menschen das Leben, sieben Millionen Binnenflüchtlinge verloren ihre Heimat. Vier Jahre dauerten die Verhandlungen, Präsident Santos bekam dafür den Friedensnobelpreis. „Wir erwarten, dass Franziskus mit seinem Besuch die Kräfte des Friedens stärkt“, sagt Jesús Santrich, einer der prominentesten Farc-Kommandanten.

Aus dem Staatsfeind wird eine Partei

In der vergangenen Woche fand in der Hauptstadt der Gründungsparteitag der Farc statt. Ein weiterer Meilenstein, waren die Guerilleros doch bislang die Staatsfeinde Nummer eins. Nun verließen sie ihre Lager im Regenwald und die Berge des südamerikanischen Landes, um sich im Kongresszentrum mitten im Herzen der Stadt eine neue Organisationsform zu verpassen. Der Name Farc ist geblieben, nur stehen die Kürzel nun für einen anderen Inhalt: Aus den Revolutionären Streitkräften ist nun eine Revolutionäre Alternative für ein neues Kolumbien geworden. Das Auftreten der Farc bei dem Gründungsparteitag hat beide Lager bestätigt: Während die Gegner bemängeln, dass die Massaker und die Gewaltverbrechen der Guerilla beim Parteitag zumindest öffentlich überhaupt keine Rolle spielten, jubelt das linke Lager über die politische Verstärkung in seinem Flügel. Ein ausgelassenes Konzert und viele Selfies mit den Farc-Kommandanten beschlossen den Parteitag. Ein Stück Normalität.

Für all jene Angehörige von Farc-Opfern, die auf eine Nachricht über das Schicksal seit Jahren vermisster Familienmitglieder warten, ist so viel gute Laune nur schwer zu ertragen. Auch sie warten auf ein Wort des Papstes. Ein Balanceakt zwischen allen Lagern für das Kirchenoberhaupt, der ihn bis Sonntag nach Bogotá, Villavicencio, Medellín und Cartagena führt.

Zwei Krisenherde hat der Papst dagegen ausgeklammert: Weder in die bettelarme, überwiegend von Afrokolumbianern bewohnte Pazifik-Provinz Choco fliegt Franziskus, noch an die venezolanische Grenze nach Cúcuta. In beiden Regionen hatten sich die Gläubigen große Hoffnungen gemacht, dass Franziskus mit einem Besuch ein Zeichen setzen würde. In Choco tobt derzeit ein brutaler Stellungskrieg der marxistischen ELN-Guerilla, der zweitgrößten Rebellengruppe des Landes, mit paramilitärischen Banden und der Armee. Es geht wieder einmal um Gebietsansprüche für den Drogenanbau oder illegalen Bergbau. ELN und Regierung führen nach dem Muster der erfolgreichen Farc-Friedensgespräche in Havanna derzeit Verhandlungen in der ecuadorischen Hauptstadt Quito. Noch vor dem Papstbesuch soll es einen Durchbruch für einen Waffenstillstand geben, hofft Präsident Santos.

Auf der anderen Seite der Anden kämpfen derweil die Menschen in Cúcuta mit den Folgen der Krise im Nachbarland Venezuela. Tausende Menschen überqueren jeden Tag die Grenzbrücke Simon Bolivar in Cúcuta. Dutzende Freiwillige der lokale Pfarrgemeinde La Parada arbeiten seit Wochen bis zur Erschöpfung, um den Flüchtlingen zumindest eine warme Mahlzeit am Tag zu ermöglichen.

„Viele marschieren oft stundenlang über die Grenze, versuchen in Kolumbien ein paar Pesos zu verdienen und gehen dann wieder zurück. Die hohe Inflation treibt die Menschen über die Grenze“, berichtet Padre David bei einem Besuch in Cúcuta. Pro Tag geben die Helfer bis zu 2000 kostenfreie Mahlzeiten aus, die sie alle selbst zubereiten. Das trifft nicht überall auf Gegenliebe. Die Venezolaner sorgen mit ihren Billigangeboten im Dienstleistungssektor oder beim Straßenverkauf für Neid und Wut bei den Kolumbianern. Sozialer Sprengstoff, der noch ein Problem für den Friedensprozess werden kann, denn ein Abreißen des Flüchtlingsstroms ist nicht abzusehen.
Venezuela ebenfalls ein Thema

Seit Venezuelas sozialistischer Präsident Nicolas Maduro die Opposition durch die Einsetzung eines Verfassungskonvents jeglichen Einflusses beraubt hat, haben viele Venezolaner eine Entscheidung getroffen. Sie wollen nur noch weg. So wird auch das Thema Venezuela beim Papstbesuch eine Rolle spielen. Tausende Flüchtlinge erhoffen sich von Franziskus eine klare Ansage an das Regime in Caracas. „Es wäre schön gewesen, wäre er hierher gekommen“, sagt Padre David. „Aber vielleicht spricht er aus Bogotá zu uns und unseren venezolanischen Brüdern und Schwestern.“

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