Der Albtraum vom Fliegen

Leisere Motorgeräusche, Turbulenzen, die Flügel wackeln: Wer unter Flugangst leidet, steht bei solchen Ereignissen kurz vor der Panikattacke. Kann man dieses immer wiederkehrende Gefühl überwinden?

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Anspannung pur: Bei vielen Reisenden verkrampft sich der ganze Körper, wenn sie in einem Passagierflugzeug sitzen. Foto: Getty Images

Leisere Motorgeräusche, Turbulenzen, die Flügel wackeln: Wer unter Flugangst leidet, steht bei solchen Ereignissen kurz vor der Panikattacke. Kann man dieses immer wiederkehrende Gefühl überwinden?

Das Flugzeug wackelt, plötzlich kippt es zur Seite weg, stürzt in die Tiefe. Die Passagiere schreien, ich schaue mich hilfesuchend um - der Flieger rast aufs Meer zu und schlägt auf. Alles vorbei. Ich schrecke in meinem Bett hoch und bin froh. Es ist der übliche Albtraum.

In meine diffuse Angst vor dem Fliegen mischen sich reale Erlebnisse: Auf unserer Hochzeitsreise vergangenes Jahr im Flugzeug von New York nach San Francisco hat es über weite Strecken so stark gewackelt, dass die Stewardessen den Service einstellen mussten. Kein Tropfen wäre mehr in den Plastikbechern geblieben.

Auch jetzt bekomme ich Herzklopfen, wenn ich davon erzähle, obwohl ich mit beiden Beinen auf dem Boden stehe. Ich blicke in die Runde und sehe in verständnisvolle, teils erschreckte Gesichter. Mit neun Leidensgenossen besuche ich das "Seminar für entspanntes Fliegen" der Agentur Texter-Millott, die mit der Lufthansa kooperiert.

Von Entspannung kann nicht die Rede sein, ich muss mich mit meiner größten Angst auseinandersetzen. Nervös rutsche ich auf dem Stuhl hin und her und bin nicht die einzige. Allein der Ort des Seminars, ein Hotel am Stuttgarter Flughafen, scheint uns Flug-Angsthasen zu beunruhigen. "Wenn ich mit dem Auto an einem Flughafen vorbeigefahren bin, habe ich Schweißausbrüche und Panik bekommen", erzählt mein Nebensitzer, Thomas Jäkle, 49, aus Konstanz. Auch die Aussicht, morgen in einen Flieger steigen zu müssen, löst bei mir Herzrasen aus: Als Abschluss des zweitägigen Kurses steht ein Flug nach Hamburg auf dem Programm.

"Flugangst ist nicht gleich Flugangst", erklärt Seminarleiter Sascha Thomas. Die Runde spiegelt das wieder: Thomas Jäkle und ich fürchten den Absturz, ein anderer hat Angst vor körperlichen Problemen an Bord. Angelika hat Panik vor der Enge. Mit roten Backen erzählt sie, dass sie seit 20 Jahren nicht mehr geflogen ist. Die zweifache Mutter mit dem blonden Pagenkopf hat es jahrelang vermieden, in einen Fahrstuhl zu steigen. "Mit Anfang Zwanzig bin ich im Lift stecken geblieben und musste über eine Stunde warten, bis ich befreit wurde."

Ein Teil der Gruppe ist seit vielen Jahren nicht mehr geflogen. Andere fliegen zwar, leiden aber unter ständiger Angst und wissen nicht mehr, wie sie damit umgehen sollen.

Hier will das Seminar ansetzen, erklärt Sascha Thomas, dunkle Brille, legerer Wollpullover. Ziel sei es nicht, danach angstfrei zu fliegen, sondern Methoden an der Hand zu haben, um mit der Angst umgehen zu können. Besser, als sich mit Tabletten oder Alkohol zu betäuben. Seine Worte klingen glaubwürdig. "Die Angst kommt, aber sie geht auch wieder. Wenn wir sie zulassen, geht sie schneller wieder weg", sagt er. Die Angst sei unangenehm, aber nicht gefährlich.

Im Kurs sollen wir nun lernen, unsere negative Gedankenspirale zu durchbrechen. Ich muss mir eingestehen, dass ich in dieser Spirale gefangen bin: Wenn ich im Flugzeug sitze, achte ich auf jedes Geräusch. Jedes Blinken, jeder noch so kleine Wackler versetzen mich in Panik.

"Die Bewertung einer Situation ist der Dreh- und Angelpunkt", sagt Sascha Thomas. Wenn eine Turbulenz Angst auslöst, muss eine gedankliche Neubewertung stattfinden. Denn Wackeln bedeute nicht, dass der Flieger abstürzt. Es sei vergleichbar mit einem Auto auf holpriger Straße. "Turbulenzen sind ein Komfort- kein Sicherheitsproblem." Diese Erkenntnis beruht auf Wissen und Erfahrung. Angst habe viel mit Unwissenheit zu tun. Das stimmt zum Teil, denn ich kann beunruhigende Geräusche und Wackler meist nicht zuordnen.

Daher stößt ein Pilot zu unserer Flugangst-Gruppe. Friedrich Klaiber, 55, braun gebrannt, schicke dunkelblaue Uniform, arbeitet seit 32 Jahren für die Lufthansa. Auf den ersten Blick weiß ich: Mit ihm würde ich überall hin fliegen. Wir besichtigen auf dem Rollfeld ein Flugzeug. Klaiber zeigt uns im Cockpit die unzähligen Knöpfe und Hebel. "Alles an Bord ist redundant. Alle wichtigen Instrumente sind zwei oder dreimal vorhanden", erklärt er. Wenn etwa die Bildschirme ausfallen sollten, könne das Flugzeug über einen Kompass gesteuert werden. Im Cockpit fühle ich mich unwohl, es wirkt vollgestopft mit Geräten und Apparaten. Den Überblick zu behalten, stelle ich mir schwierig vor. Keine Frage, dass Klaiber den hat. Aber seine Kollegen?

Dann bekommen wir noch ganz praktische Tipps zur Angstbewältigung. Sascha Thomas zeigt uns Atem- und Entspannungsübungen: Die geballten Fäuste waagrecht vor die Brust halten, Kinn anlegen, Po zusammenkneifen, Beine in den Boden stemmen - dann schwungvoll ausatmen. Die Übung heißt "King-Kong" und soll helfen, Nervosität zu bekämpfen. Zuerst komme ich mir lächerlich vor. Nach und nach macht es Spaß. Und wenn es hilft, bin ich für jeden Hinweis dankbar.

Am zweiten Seminartag sind viele sichtlich nervös. Ich habe zwar gut geschlafen, fürchte mich aber ziemlich vor dem Flug. Einige haben in der Nacht kein Auge zugetan. Angelika hat noch am frühen Morgen gezweifelt, ob sie kommen soll. Ihr war übel, sie hatte Panikattacken. Monika hat eine Beruhigungstablette geschluckt, sonst hätte sie es nicht geschafft, meint sie.

In der Gruppe wollen die beiden den Schritt aber wagen. "Wenn ich es heute nicht mache, stehe ich wieder bei null", sagt Angelika mit glühenden Wangen. Vor dem Start dürfen wir den Piloten im Cockpit begrüßen. Er versichert erneut, dass auf seinen Flügen bisher noch nie etwas passiert sei. Das beruhigt mich.

Auf unseren Plätzen angekommen, machen wir alle unsere Atemübungen. Ich bin froh, dass ich etwas zu tun habe. Das lenkt ab. Ich schaue in die Sitzreihe hinter mir, da sind einige sehr blass um die Nase. Angelika lächelt mir zu, sie sieht angespannt aus, blickt aber entschlossen drein. Thomas Jäkle neben mir ist relativ ruhig, sagt immer wieder leise vor sich hin: "Flugzeuge sind zum Fliegen und nicht zum Abstürzen gebaut."

Dann geht alles ganz rasch: Das Flugzeug beschleunigt; einatmen, Hände vor der Brust verschränken; wird immer schneller, schneller; Körper anspannen - und hebt ab; ausatmen. Thomas und ich geben uns die Hand. Draußen rauschen die Wolken vorbei. Wir sind in der Luft, es wackelt, meine Ohren gehen zu, mein Herz rast. Plötzlich verlangsamt der Flieger, Thomas Jäkle fragt erschrocken: "Was ist denn jetzt los?" Auch ich habe einen riesigen Schreck bekommen. Dann fällt mir ein, dass wir erst gestern gelernt haben: Kurz nach dem Start wird es leiser, der Schub wird reduziert, denn die Steigleistung des Flugzeugs reicht aus. Es passiert das eigentlich Unmögliche: Ich kann Thomas beruhigen. Ein komisches Gefühl, denn sonst müssen immer mir alle gut zureden. Mir hilft es aber enorm, das Geräusch einordnen zu können und mich zu unterhalten. Ablenkung egal wie, tut gut. Langsam beruhige ich mich. Die Sonne scheint, es sind kaum Wolken am Himmel, daher bleibt der Flug relativ ruhig. Selbst bei der Landung in Hamburg wackelt es kaum.

Als wir aus dem Flugzeug steigen bin ich einfach nur glücklich. Wir fallen uns erleichtert in die Arme. Angelika ruft: "Hätte ich das nur viel früher gemacht." Ich bin eher skeptisch: Obwohl der Hinflug recht entspannt war, fürchte ich mich vor dem Rückflug. Außerdem habe ich Kopfweh vom Druck bei Start und Landung.

Zurück in Stuttgart bin ich nur froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Ich werde mich sicherlich nie wohl fühlen in einem Flugzeug. Aber ich habe mehr Vertrauen in die Technik - und in meine Atemübungen. In meinen Träumen verfolgt mich das Thema aber weiter: Der Albtraum vom Fliegen hat kein Ende.

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