Der "Cavaliere" will es nochmal wissen

Italien ächzt unter wirtschaftlichen Reformen und dem Druck der Finanzmärkte. Nun bereitet auch noch Silvio Berlusconi sein Comeback als Ministerpräsident vor. Offenbar plant er mit einem Euro-Ausstieg Italiens.

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Auch als 75-Jähriger kann Silvio Berlusconi das politische Italien noch in helle Aufregung versetzen. Seine Rückkehr-Pläne verheißen einen heißen Herbst. Foto: dpa

Überraschen konnte es niemanden mehr, als nun Silvio Berlusconi ankündigte, bei den Wahlen im kommenden Frühjahr wieder für das Amt des Ministerpräsidenten zu kandidieren. Für die Rolle des Rentners oder des Übervaters seiner Partei ist der 75-jährige Medienunternehmer und Vereinspräsident des AC Mailand nicht gemacht.

Berlusconi, der im vergangenen Herbst auf europäischen Druck hin sein Amt niedergelegt hatte, stützt sich bei seinen Comeback-Plänen auf Umfragen, die seiner Partei PDL ("Volk der Freiheit") unter der Führung seines Kronprinzen Angelino Alfano derzeit nur 18 Prozent der Wählerstimmen voraussagen - mit Berlusconi an der Spitze seien demnach aber satte 28 Prozent zu holen.

Viele PDL-Wähler haben sich neu orientiert und erwärmen sich etwa für die italienischen Piraten des Komikers Beppe Grillo. Diejenigen unter ihnen, denen sich derzeit keine moderate Partei bietet, will der "Cavaliere" künftig mit neuem Elan umwerben, auch wenn er derzeit wegen Sex mit einer Minderjährigen vor Gericht steht. Künftig möchte er das Bunga-Bunga-Image abschütteln und anstatt junger hübscher nur noch fähige Frauen in der Partei um sich scharen.

Die angespannte Lage im Land kommt Berlusconi entgegen. Das Wort "Spread" ist in Italien zum Unwort des Jahres aufgestiegen. Der so bezeichnete Abstand zwischen dem Risikoaufschlag auf deutsche und italienische Staatsanleihen will nicht recht sinken. Und dies, obwohl Ministerpräsident Mario Monti sich beim Brüsseler EU-Gipfel Ende Juni mit der Forderung durchgesetzt hat, dass Anleihen von Ländern, die Sparvorgaben einhalten, aber trotzdem hohe Zinsen fürchten müssen, automatisch angekauft werden. Mit seinem kurzfristigen Sieg konnte er das Gespenst der vorgezogenen Wahlen abwenden, mit denen Berlusconi für den Fall einer Niederlage gedroht hatte.

Wer Anleihen mit zehnjähriger Laufzeit erwirbt, analysiert jedoch nicht nur Reformprogramme der aktuellen Regierung - sondern fragt, wie es nach den Wahlen 2013 weitergeht. Monti, der seine Reformbemühungen mit der Warnung begleitet, Italien befinde sich im "Krieg", will da nicht mehr antreten. Berlusconis Rückkehr an die Spitze seiner Partei wiederum könnte zu einem Wahlsieg führen, aber auch das Mitte-Rechts-Lager zerschlagen. Ob er im Fall einer Rückkehr ins Amt des Ministerpräsidenten an Montis Reformkurs festhalten würde, steht dahin. Auch die Demokraten, größte Partei der linken Mitte, verfügen über kein Programm. Einzig die mittlerweile gemäßigt auftretende Lega Nord, Berlusconis langjähriger Koalitionspartner scheint sich klar gegen eine neue Allianz mit Berlusconi entschieden zu haben.

Angesichts der politischen Instabilität in Italien ist nicht damit zu rechnen, dass der "Spread" in den kommenden Monaten sinkt. Berlusconi spekuliere im Gegenteil bereits jetzt auf die Zeit nach dem Ausstieg Italiens aus dem Euro, heißt es. Wegen der sich trotz Montis Reformen weiter verschlechternden Lage halte er diesen für unvermeidlich und Attacken von Börsenspekulanten gegen Italien für wahrscheinlich, unken Politikbeobachter in Rom. Wohlhabende Italiener bringen schon jetzt ihr Vermögen in Deutschland in Sicherheit.

Welche Bündnisse und Programme ab Herbst in Italien miteinander konkurrieren, darauf wagt auch der risikofreudigste Zocker derzeit nicht zu wetten. Wenn Berlusconi tatsächlich wieder gewählt werden sollte, "schmiert dieses Land ab", ist sich eine deutsche Italienbeobachterin sicher.

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