Demokraten nominieren Hillary Clinton als erste Frau für die US-Präsidentschaft

Es war ein historischer Abend: Zum ersten Mal in der Geschichte schickt eine politische Partei in den USA eine Frau ins Rennen um das mächtigste Amt der Welt. <i>Mit einem Kommentar von Peter De Thier: Hillary Clinton ist nicht nur das kleinere Übel.</i>

|
Ehegatte als Werber: Bill Clinton trommelte mit einer rührseligen Rede für seine Frau Hillary.  Foto: 

Zwar war die Auszählung der Delegiertenstimmen eine reine Formalität. Doch mit einer genial inszenierten Kombination aus brillanten Reden und kräftiger Schützenhilfe aus Hollywood gelang es den Demokraten, dem historischen Augenblick den Show-Effekt eines Kassenschlagers zu verleihen.

Seit Monaten wusste jeder in den USA, dass der Kampf des „demokratischen Sozialisten“ Bernie Sanders mit Enttäuschung enden und die Regierungspartei die frühere Außenministerin Hillary Clinton zur Kandidatin für die Nachfolge ihres Parteifreundes Barack Obama küren würde. Dennoch galt es, die Wirkung dieses geschichtsträchtigen Moments für Millionen amerikanische Wähler zu maximieren, und alle zogen mit. Genauer gesagt: fast alle. Ein paar hundert verärgerte Sanders-Anhänger waren aus Protest aus der Wells Fargo Arena in Philadelphia gestürmt, ausgerechnet als ihr Held „Bernie“ das Mikrofon ergriff. Nachdem Delegierte aus allen 50 Staaten die Ergebnisse ihrer Vorwahlen verkündet hatten, beantragte Sanders, dass auf die formelle Auszählung der Stimmen verzichtet wird und die fast 5000 Delegierten Clinton durch Zuruf als Spitzenkandidatin bestätigen. Tosender Applaus, dazwischen ein paar Buhrufe. Ein weiteres Mal hatte Sanders bewiesen, dass er die Partei und die Interessen der Nation über die eigenen politischen Ambitionen stellt.

Krönender Höhepunkt des zweiten Tags war aber nicht der 74-jährige Senator aus Vermont. Im Mittelpunkt stand vielmehr William „Bill“ Jefferson Clinton. Monatelang hatte der 42. Präsident der Vereinigten Staaten an einer der wichtigsten Reden seiner Karriere gearbeitet. Sie sei ihm so schwergefallen wie keine andere, berichteten Freunde und Vertraute. Schließlich tue sich sich der Ex-Präsident doch irgendwie schwer, nun die zweite Geige zu spielen und der starken Frau an seiner Seite das Rampenlicht zu überlassen.

Dann aber glänzte er. Würdevoll und staatsmännisch schritt Clinton, der in wenigen Wochen seinen 70. Gebutrstag feiern wird, zum Podium. Dort bewies er, warum politische Experten ihn den „Mark Twain der amerikanischen Politik“ nennen. Mit heiserer Stimme erzählte er eine rührende Geschichte. Wie er Hillary vor 45 Jahren als Student kennengelernt habe und zu schüchtern war, um sie anzusprechen. Nachdem sie sich mehrmals über den Weg gelaufen waren, habe schließlich die selbstbewusste Jura-Studentin die Initiative ergriffen: „So, du schaust mich ja die ganze Zeit schon an, dann sollten wir uns vielleicht vorstellen. Ich bin Hillary Rodham, und wie heißt Du?“

Es war wie ein Märchen, das der rhetorisch einzigartig begabte Ex-Präsident rezitierte. Erst beim dritten Heiratsantrag habe sie schließlich ja gesagt – und dies nur, weil er sie mit dem Kauf eines kleinen Hauses in Arkansas überraschte, das Hillary aufgefallen war, als er sie zum Flughafen brachte.

Er schilderte Episoden aus ihrer Studienzeit, über die acht Jahre als First Lady und die Zeit als Senatorin sowie später als Außenministerin, die dokumentieren sollten, wie unermüdlich sich seine Frau für Minderheiten und sozial Schwächere engagiert habe. Insbesondere, so der Gatte, sei Hillary eben nicht eine etablierte Vertreterin jenes politischen Apparats, den Donald Trump und die Republikaner dämonisieren. „Hillary ist eine, die Dinge verändern und verbessern will.“

Warum sich das Bild der Kandidatin, das die Oppositionspartei vergangene Woche in Cleveland zeichnete, nicht mit dem deckt, das dem Publikum nun in Philadelphia präsentiert wird? „Deswegen, weil die gelogen haben und ihr die Echte gewählt habt!“ sagte er. Das Publikum tobte. Dass Clintons Affäre mit der Praktikantin Monica Lewinsky ihn vor 18 Jahre  fast die Präsidentschaft gekostet hatte, war vergessen. Es war eine bedingungslose, wenn auch politisch kalkulierte Liebeserklärung, die enorme Wirkug zeigte.

Ein historischer Augenblick, bühnenreif inszeniert, der aber immer noch nicht den Höhepunkt des Abends darstellte. Wie geschlossen die US-Traumfabrik hinter den Clintons steht, bewies dann Hollywood-Diva Meryl Streep. Sie feierte ihre enge Freundin Hillary, die jene „Glasdecke“, die verhindere, dass Frauen in oberste Führungspositionen komme, für alle Frauen durchbrochen habe.

Dann flimmerten Bilder sämtlicher 44 US-Präsidenten der Geschichte über den riesigen Bildschirm in der Sportarena: alles Männer, außer Obama alle weiß. Zum krönenden Abschluss wurde die Kandidatin selbst dann per Video zugeschaltet. Bescheiden und wie immer mit einem leicht verkrampften Lächeln sprach Hillary Clinton die jungen Mädchen Amerikas an: „Es kann sein, dass ich die erste Präsidentin werde, aber eine von Euch wird die nächste.“

Ein Kommentar von Peter De Thier: Hillary Clinton ist nicht nur das kleinere Übel

Bevor Barack Obama 2008 die politische Bühne eroberte, hätte niemand für möglich gehalten, dass die USA einen Afro-Amerikaner zum Präsidenten wählen, noch bevor sie einer Frau das höchste Amt im Lande anvertrauen. Auf den zweiten Platz verwies er damals ausgerechnet jene Kandidatin, die nun alle Chancen hat, ein neues Kapitel in der Geschichte einer noch relativ jungen Nation zu schreiben. So sehr Hillary Rodham Clinton während der vergangenen Monate von politischen Gegnern auch dämonisiert wurde, hat sie diese Ehre doch verdient – selbst wenn ihr Umgang mit dienstlichen E-Mails, die sie als Außenministerin über Privatserver verschickte, zweifelhaft ist.

Unbestreitbar ist aber zum einen ihr bewundernswertes Stehvermögen. Dass sie nach einer Serie von Niederlagen mit fast 70 Jahren das vielleicht anstrengendste Amt der Welt anstrebt, spricht Bände. Zum anderen tritt sie für sozial Schwache und Minderheiten ein – und das nicht nur aus politischem Kalkül. Schon vor Beginn ihrer politischen Karriere engagierte sie sich für jene, die wirtschaftlich benachteiligt oder Opfer von Diskriminierung sind, ob wegen ihrer Rasse, Religion, ihres Geschlechts oder ihrer Homosexualität – ein Fakt, den Ex-Präsident Bill Clinton in seiner Rede auf dem Parteitag in Erinnerung rief. Genau das braucht Amerika in einer Ära, in der die Kluft zwischen Reich und Arm immer tiefer wird und ihr Gegner Donald Trump mit seiner Demagogie die Nation weiter zu spalten droht.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Mord aus Hass auf Schwule? – Prozess gegen Jugendlichen eröffnet

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hat am Dienstag vor dem Landgericht Ulm ein Mordprozess gegen einen 16-Jährigen begonnen. weiter lesen

Justizgebäude Ulm-