Dem Balkanluchs droht das Aus

Wölfe, Bären und der vom Aussterben bedrohte Balkanluchs leben im mazedonischen Nationalpark Mavrovo. Dass ausgerechnet dort ein Staudamm gebaut werden soll, stößt intertanional auf Kritik.

|
Vorherige Inhalte
  • Luchs in Gefahr: Von der Unterart Balkanluchs soll es nur noch wenige Tiere geben. Dort, wo sie sich vermehren könnten, ist ein Staudamm geplant. Foto: Getty Images 1/2
    Luchs in Gefahr: Von der Unterart Balkanluchs soll es nur noch wenige Tiere geben. Dort, wo sie sich vermehren könnten, ist ein Staudamm geplant. Foto: Getty Images
  • 2/2
Nächste Inhalte

Munter schlängelt sich die Mala reka, der "kleine Fluss", durch sattgrüne Hügel. Doch da schiebt sich dem Wasser machtvoll ein Damm in den Weg. Weil es nicht weiterfließen kann, drängt sich das Flüsschen munter rechts und links die Hügel hinauf. Im Hintergrund dramatische Instrumentalmusik - dann gibt der Damm nach und entlässt die gestauten Fluten in die Täler dahinter - ein Bild von Stau und Entladung, Macht und Energie. Über der Szene kreisen die Möwen.

So wird in einer Animation des mazedonischen Stromverbunds ELEM der geplante Staudamm von Boskov Most präsentiert. Naturschützern lockt die Vision ein bitteres Lachen ab. Um den geplanten Staudamm zu füllen, müssen viele Kleingewässer der Umgebung umgeleitet werden. Die üppige Vegetation stromaufwärts wird dann veröden. Unterhalb des Damms dagegen sind tägliche Überflutungen geplant - das Ende auch für die reiche Pflanzenwelt stromabwärts. Das Grün weicht nicht dem Blau, sondern dem Braun der Erosion. Mitten in Mavrovo - dem größten Nationalpark des Landes.

Fortschritt hat seinen Preis - so pflegen Pläne dieser Art gerechtfertigt zu werden. Zumal in einem Land wie Mazedonien, wo das Pro-Kopf-Einkommen auf dem Niveau des Iran liegt. Ob dieser Plan das Balkanland dem fernen Ziel EU näher-bringt, ist aber zu bezweifeln: Nationalparks seien für die Wasserkraft eigentlich eine "No-go-area", sagt der Wiener Gewässerexperte Ulrich Eichelmann. Der Park Mavrovo mit echtem Urwald darf nach internationaler Klassifizierung allenfalls der Erholung dienen, nicht aber zur wirtschaftlichen Nutzung.

Für Boskov Most kommt das Geld ausgerechnet von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Im selben Nationalpark engagiert sich die Weltbank für ein weiteres Staudammprojekt. Sollten beide Vorhaben Wirklichkeit werden, würden ansehnliche Populationen von Bären, Wölfen und Fischottern ihren Lebensraum verlieren. Für ein europäisches Wildtier wäre es sogar das Ende: Der Balkanluchs, von dem es nur noch etwa 50 Exemplare gebe, vermehre sich nur noch in Mavrovo, sagt Gabriel Schwaderer von der internationalen Stiftung Euronatur in Radolfzell am Bodensee: "Da zählt jedes Tier." Hauptproblem ist für die schlitzohrige Raubkatze nicht so sehr der Flächenverbrauch als vielmehr die Bauzeit, in der erstmals viele Menschen in ihr Revier eindringen werden. Der Luchs ist in Mazedonien so etwas wie ein Nationalheiligtum: Er ziert Münzen und dient der Fußball-Nationalmannschaft als Maskottchen.

Dass Staudammprojekte neuerdings sogar in Nationalparks möglich sein sollen, bringt Naturschützer weit über die Grenzen des Balkan hinaus auf die Palme. 119 Wissenschaftler aus 16 europäischen Ländern und den USA protestierten jüngst in einem Brief an den britischen EBRD-Präsident Suma Chakrabarti gegen das Projekt, unter ihnen Ernst Ulrich von Weizsäcker.

Die Mazedonierin Ana Colovic arbeitet für "Bankwatch", eine Nichtregierungsorganisation, die das Treiben der Banken in Ost- und Südosteuropa kritisch beobachtet. Sie wundert sich vor allem über die "Arroganz" der Europäischen Entwicklungsbank. Nach Protesten gegen den Staudamm habe die EBRD zwar ihr Prüfverfahren bewertet und Verstöße festgestellt - aber ohne Konsequenzen. Stattdessen sei argumentiert worden, dass Otter im stillen Wasser doch viel besser fischen könnten.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Zwölf Namen für die neuen Ulmer Straßenbahnwagen

Die neuen Straßenbahnwagen der Linie 2 werden nach Männern und Frauen benannt, die mit Ulm in Verbindung stehen. So war es auch schon beim Combino. weiter lesen